30. August 2008

Exitus der Exoten

Wer braucht schon einen Turkologen?

Von Mischa Täubner




02. Februar 2007 
Kleine Philologien und Kulturwissenschaften wie Indologie, Archäologie oder Ägyptologie gelten als brotlose Kunst - und werden vielerorts aus den Programmen der Universitäten gestrichen. Dabei haben Absolventen dieser Fächer auf dem Arbeitsmarkt durchaus gute Chancen - vorausgesetzt, sie studieren strategisch.

Dieter Kurth ist der einzig Verbliebene. Und im Juli 2007 geht auch er. Dann verabschiedet sich nicht nur ein angesehener Professor von der Universität Hamburg, sondern mit ihm ein ganzes Fach. Schon seit dem Wintersemester 2005/06 können Studenten sich nicht mehr für Ägyptologie einschreiben. Sobald Dieter Kurth in den Ruhestand tritt, wird das Institut ganz geschlossen. „Wir wurden abgemurkst“, sagt der Professor verbittert.

Es handelt sich um Serienmord. Ob Ägyptologie und Altamerikanistik in Hamburg, klassische Archäologie in Greifswald, Islamwissenschaft in Gießen, Asiatische Geschichte in Kiel oder Assyriologie in Erlangen - seit einigen Jahren geht es etlichen Universitätsinstituten an den Kragen (siehe Kasten „Fächerfriedhof“). Die Opfer sind meist kleine exotische Fächer, sogenannte Orchideenfächer, die im Ruf stehen, zwar kostbar, aber weltfremd zu sein. Deren Studenten auf jeder Party und jedem Familientreffen mit derselben Frage konfrontiert werden: „Was willst du denn damit mal anfangen?“ Oft drehen sich die Fächer, die häufig an Mini-Instituten mit nur einem Professor angesiedelt sind, um alte oder exotische Sprachen und Kulturen.

Die Täter sind Wissenschaftsminister und Hochschulleitungen. Ihr Motiv: Sparzwang. Bei dem Streben, den Rotstift so anzusetzen, dass die bisherige Fächervielfalt an den Unis aufgegeben und durch die Konzentration auf Kernkompetenzen ersetzt wird, bleiben als Erstes die Orchideenfächer auf der Strecke. Geht es etwa nach Hamburgs Wissenschaftssenator Jörg Dräger, wird von den 155 Professorenstellen in den Geistes- und Kulturwissenschaften künftig nur die Hälfte übrig bleiben. Sämtliche Orchideenfächer wie Vietnamistik, Thaiistik, Koreanistik und Äthiopistik, aber auch die Islamwissenschaften und die Turkologie würden den Kahlschlag an der Uni Hamburg nicht überleben. „Schmerzhaft und unangenehm“, nennt Dräger den Einschnitt. Aber anders gehe es nun einmal nicht, seine Politik sei Vorbild für die Hochschulreform in Deutschland.

Dass vor allem an den Geistes- und Kulturwissenschaften gespart wird, hängt nicht mit der Qualität der Forschung und der Lehre in diesen Fächern zusammen. Die Wissenschaftsminister wollen die Hochschulen verstärkt nach den Bedingungen des Arbeitsmarktes ausrichten. Was nach Praxisnähe und vielmehr noch nach Zukunftstechnologie klingt, wird gefördert. Die kleinen Philologien und Kulturwissenschaften hingegen gelten als brotlose Kunst - und werden vielerorts gestutzt oder eingestampft. Nicht einmal die Sinologie bleibt trotz des gegenwärtigen Aufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht verschont. An den Universitäten in Kiel, Göttingen und Marburg gehört sie zu den Opfern der Sparpolitik.

Sollten angehende Studenten dem Trend folgen und sich lieber von Orchideenfächern fernhalten? Ist es nicht besser, bei der Fachwahl die Lage am Arbeitsmarkt zu berücksichtigen? Und studiert nicht ohnehin jeder vernünftige junge Mensch heutzutage ein naturwissenschaftlich-technisches Fach, Jura, Medizin oder Wirtschaft? „Nein“ lautet die einhellige Antwort von Professoren, Hochschulexperten, Personalern und Berufsberatern. Vielmehr solle die persönliche Neigung über die Fachwahl entscheiden. Denn zum einen lasse sich am Beginn des Studiums gar nicht vorhersagen, in welchen Berufen es am Ende des Studiums tatsächlich Bedarf an Arbeitskräften gibt. Ein Ingenieurmangel beispielsweise könne binnen vier, fünf Jahren in eine Ingenieurschwemme kippen. Zum anderen fehle mit dem wahren Interesse auch die Triebkraft für leidenschaftliches Engagement. Studenten exotischer Studiengänge seien zwar stärker als andere dazu gezwungen, von Anfang an ihr individuelles Berufsziel erst zu entwerfen und dann anzusteuern. „Wer im Studium allein die Wissenschaft fokussiert, wird es daher schwer haben“, sagt Christoph Anz, Hochschulexperte von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Wer aber exotisches Wissen mit praxisnahen Kenntnissen kombiniere und darüber hinaus Schlüsselqualifikationen erwerbe, habe beste Chancen.

Ein ureigener Arbeitsmarkt für Kulturwissenschaftler existiert so gut wie gar nicht. Dass in Stellenausschreibungen Ethnologen oder Indologen gesucht werden, kommt quasi nicht vor. In Museen, Archiven und Bibliotheken etwa hielten sich die Beschäftigungsmöglichkeiten im Jahr 2005 in sehr engen Grenzen, heißt es in einer von der Bundesarbeitsagentur erstellten aktuellen Analyse des Arbeitsmarktes für Geisteswissenschaftler. Gleichzeitig aber kämen Geistes- und Kulturwissenschaftler häufiger in privatwirtschaftlichen Unter-nehmen unter - vor allem in der Personalabteilung, im Marketing und im Vertrieb. „Bei uns haben auch sogenannte Exoten eine Chance“, sagt etwa Nina Wessels, Recruitingchefin der Unternehmensberatung McKinsey. Entscheidend sei nicht die Studienrichtung, sondern die Fähigkeit, analytisch zu denken und systematisch Probleme zu lösen. „Außerdem legen wir sehr viel Wert auf Engagement auch außerhalb der Universität. Wir suchen Menschen mit Leidenschaft im Beruf und im Privatleben.“

„Bei uns haben auch sogenannte Exoten eine Chance.“

Den Pluspunkt von Kultur- und Geisteswissenschaftlern sieht BDA-Mann Anz darin, dass sie häufig über eine hohe Kommunikationsfähigkeit, eine gute Allgemeinbildung und interkulturelle Kompetenz verfügen. Selbst Mittelständler führten heutzutage kontinuierlich Verhandlungen mit Partnern und Kunden aus anderen Kulturkreisen - und können dafür das Know-how von Sinologen, Japanologen, Indologen oder Slawisten gut gebrauchen.

Trotzdem tun sich solche Kulturwissenschaftler beim Berufseinsteig vergleichsweise schwer. Wie aus den Absolventenstudien des Hannoveraner Hochschul-Informations-Systems hervorgeht, halten sich nach dem Examen viele von ihnen zunächst mit anspruchslosen Jobs über Wasser. Erst nach drei Jahren hatten rund 70 Prozent des befragten Absolventenjahrgangs 1997 eine angemessene Arbeit. „Die meisten bereiten sich im Studium zu wenig auf ihr Berufsleben vor“, sagt Andreas Eimer, Leiter des Career-Service an der Uni Münster. Charakteristisch für Studenten exotischer Fächer sei ein starkes Kollektivverhalten. Verbunden durch ihr besonderes Fachinteresse, gingen sie mit ihren Kommilitonen gemeinsam durchs Studium. „Dabei müssten gerade sie auf einen individuellen, ungewöhnlichen Studienverlauf hinarbeiten und sich sehr passgenau auf ein sehr spezifisches Berufsprofil vorbereiten.“

„Die meisten bereiten sich im Studium zu wenig auf ihr Berufsleben vor.“

Einer, der als Exot seinen Weg gemacht hat, ist Uwe Brandenburg. Der heutige Referent für internationale Projekte am Centrum für Hochschulentwicklung hat Islamwissenschaft in Münster studiert. Im Studium stellte er fest, dass ihm das Klima an der Uni gut gefällt, er aber nicht der reine Forschertyp ist. „Ich bin kommunikativ, interessiere mich für fremde Sprachen und Kulturen, und ich wollte in die Praxis. Da lag eine Arbeit im Bereich internationale Beziehungen nahe“, berichtet er. Nach dem Studium ging Brandenburg daher nach Großbritannien, um dort einen Master in Politikwissenschaft dranzuhängen. „Das war ein ganz entscheidender Faktor für das Gelingen meines Berufseinstiegs“ sagt er. Brandenburgs erster Job war die Leitung des akademischen Auslandsamts an der Technischen Universität Cottbus. Hilfreich sei zudem gewesen, dass er als Studentische Hilfskraft gearbeitet und als solche den Umbau der Institutsbibliothek organisiert hatte. Mehrere Fremdsprachen, Auslandsstudium, politisches Interesse, Affinität zur Universität und organisatorische Erfahrungen - Uwe Brandenburg passte genau auf die Stelle an der TU Cottbus.

Für Studenten exotischer Fächer gibt es verschiedene Wege, ihr Profil zu schärfen. Die Kombination zweier Studiengänge wie im Fall von Uwe Brandenburg ist einer davon. Matthias Trüper, Geschäftsführer der Berliner Studienberatung Campusmondi, rät allen, die keine wissenschaftliche Karriere an der Hochschule anstreben, davon ab, nach einem Bachelor in einem Orchideenfach einen Master im selben Fach dranzuhängen. „Nur die Sprache, die Geschichte und die Literatur eines fernen Landes zu studieren reicht für eine Berufsqualifikation nicht aus.“ Wer sich aber beispielsweise nach seinem Bachelor in Baltistik für ein Masterprogramm aus den Bereichen Internationale Beziehungen, Touristik oder BWL entscheide, vergrößere seine Perspektiven enorm. „Denn solche Kontrapunkte sind für den Arbeitsmarkt sehr interessant.“

„Die Unternehmen suchen keine Fachidioten.“

Das sieht BDA-Experte Anz genauso. Empfehlenswert seien daher auch Bachelorstudiengänge, die von vornherein verschiedene Disziplinen vereinen wie etwa Philosophy and Economics an der Uni Bayreuth, Kultur und Wirtschaft an der Uni Mannheim oder Wirtschaftsarabistik an der Hochschule Bremen. „Die Unternehmen suchen keine Fachidioten, sondern Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen“, so Anz.

Attraktiv für den Arbeitsmarkt machen sich laut Karriereberater auch all diejenigen, die sich während des Studiums praktische Erfahrungen und praxisnahe Zusatzqualifikationen aneignen. Dabei gehe es jedoch nicht darum, Praktika wie Credit Points zu sammeln. Vielmehr komme es darauf an, solche auszusuchen, die das Berufsbild schärfen. „Für Islamwissenschaftler beispielsweise, die in der Wirtschaft unterkommen wollen, empfiehlt sich ein Praktikum in einem Unternehmen mit einer Niederlassung in der arabischen Welt oder auch eines in der Außenhandelskammer“, sagt Christoph Anz. Nicht selten mündet ein Praktikum in einem Unternehmen sogar in einen festen Job. Mehr als die Hälfte aller großen Firmen stellt bevorzugt ehemalige Praktikanten ein, ergab eine Studie von McKinsey.

So war es auch bei Andreas Haug. Als sich der heute 27-Jährige für den Bachelorstudiengang Modern China an der Uni Würzburg bewarb, hatte er bereits eine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker hinter sich. Haug wollte die chinesische Sprache und Kultur kennenlernen und später in einem Unternehmen mit Chinabeziehungen arbeiten. „Der Studiengang in Würzburg gefiel mir, weil er so stark praxisbezogen ist“, sagt Haug. Anders als viele Sinologiestudiengänge, die das alte China und dessen Literatur in den Vordergrund stellen, geht es in Würzburg um die zeitgenössische Politik, Wirtschaft, Kultur und Mentalität. „Wir bilden Generalisten mit hoher Sprachkompetenz aus“, sagt Dieter Kuhn, Professor in Würzburg. Ein halbes Jahr lang studieren die Studenten an der Universität in Peking, wo sie auch Kontakte zu dort ansässigen deutschen Firmen knüpfen. Nach dem Studium ging Andreas Haug erneut nach China für ein Praktikum bei der Schaeffler-Gruppe, einem Zulieferer für den Maschinenbau. Heute ist er dort Projektmanager - und hat mehr mit Indern als mit Chinesen zu tun. „Die Firma baut nun auch in Indien ihre Produktion auf, und ich schule die Mitarbeiter an den Maschinen“, sagt er. Haug führt seinen Erfolg darauf zurück, dass er sowohl technisches Know-how als auch interkulturelle Kompetenz besitzt. „Diese Kombination bringt nicht jeder mit.“

Wer ein exotisches Fach studieren will, sollte sich am besten einen Studiengang suchen, der wirklich auf den Beruf vorbereitet. Durch die Ausrichtung auf die Gegenwart und den in den Lehrplan integrierten Auslandsaufenthalt ist der Bachelor Modern China ein gutes Beispiel. Harro Honolka vom Institut Student und Arbeitsmarkt der Uni München hält es für sinnvoll, wenn das Fachstudium darüber hinaus durch Praxiskurse und Praktika ergänzt wird. Bei aller Berufsorientierung müsse es aber noch genügend Freiraum für selbständiges und kreatives Arbeiten geben (siehe auch unter „Schlüsselqualifikationen“).

„Wir lernen, komplex zu denken und offen zu sein für ganz verschiedene Facetten des Lebens.“

Eine gute Mischung bietet der Bachelor Komparatistik an der Uni in München. Die Studenten beschäftigen sich im Fachstudium theoretisch mit der Weltliteratur, fragen etwa danach, wie sich die Literatur einer Epoche in den verschiedenen Ländern unterscheidet. Ergänzend dazu belegen sie Kurse in BWL, EDV und Wirtschaftsenglisch und werden von Dozenten aus der Praxis in den Beruf von EventManagern, PR-Beratern und Personalleitern eingeführt. Zudem sind zwei Berufspraktika Pflicht, eines davon im Ausland. „Der Praxisteil ist für die berufliche Orientierung sehr nützlich“, sagt Komparatistik-Studentin Megan Hayes. „Noch wichtiger ist aber, dass wir durch die Arbeit mit der Literatur lernen, komplex zu denken und offen zu sein für ganz verschiedene Facetten des Lebens.“

Ungleichgewicht

Anzahl der Studierenden in Deutschland nach ausgewählten Fächern im WS 2005/2006

Humanmedizin: 98.997
Rechtswissenschaft: 91.900
BWL: 78.424
Archäologie: 2.951
Sinologie/Koreanistik: 2.636
Afrikanistik: 976
Ägyptologie: 876
Arabistik: 594
Indologie: 510
Baltistik: 38

Quelle: Statistisches Bundesamt

Schlüsselqualifikationen

Orchideenfächer gelten als weltfremd. Harro Honolka vom Institut Student und Arbeitsmarkt sieht das ganz anders. Ihm zufolge bieten sie viele Gelegenheiten, fernab des Fachwissens Schlüsselqualifikationen zu trainieren, die im Beruf eine wichtige Rolle spielen. Soft Skills, mit denen gerade Absolventen exotischer Fächer im Bewerbungsverfahren punkten können, sind zum Beispiel:
> komplexes und konzeptuelles Denken
> Selbständigkeit
> Lernfähigkeit
> Transferfähigkeit
> Flexibilität
> Kommunikationsfähigkeit
> Kreativität
> Urteilsvermögen
> interkulturelles Verständnis

Text: Hochschulanzeiger Nr. 88, 2007
Bildmaterial: Dana Zimmerling