19. Juni 2006
Das große Schlucken gehört in der Pharmaindustrie mittlerweile zum Branchenalltag: Kaum ein Jahr ohne mindestens eine Elefantenhochzeit, die den Markt gehörig aufrüttelt. Von dem damit einhergehenden Stellenabbau sind Hochschulabsolventen jedoch am wenigsten betroffen. Im Gegenteil: Ihre Aussichten auf attraktive Jobs erhöhen sich mit jeder Fusion.
Erstaunlicherweise verschlechtern sich die Jobchancen für Akademiker durch die Fusionen
nicht - sie steigen eher, weiß Branchenexpertin Heide Neukirchen. Die Autorin der Insider-Berichte Der Pharma-Report und Hexal-Kapitalismus hat mit Personalentscheidern großer Pharmahersteller über den jüngsten Bayer-Schering-Coup gesprochen und weiß: Das Entstehen eines neuen großen Herstellers wird von den meisten eher begrüßt, weil ein starkes Unternehmen der Branche nur nutzen kann.
Grund für den Hunger der Pharmariesen ist unter anderem die Tatsache, daß mit der fortschreitenden Forschung die Zahl der zu bekämpfenden Krankheiten abgenommen hat. Antriebsmotor für den Erfolg eines Pharmaherstellers sind jedoch Arzneimittel, die neu auf den Markt gebracht werden. Also sind viele Übernahmen dadurch motiviert, an die Produktentwicklung des Konkurrenten heranzukommen, erklärt Neukirchen. Wie kompliziert und schwierig die Zulassung eines neuen Präparats heute sein kann, belegt die Zahl von nur 25 bis 30 neuen Medikamenten pro Jahr weltweit.
Pharmariesen auf Akademikersuche
Doch mit diesem Überlebenshunger stärkt die Pharmaindustrie gleichzeitig ihre Position als einer der attraktivsten Arbeitgeber für Hochschulabsolventen. Im Vergleich zur Gesamtindustrie ist der Akademikeranteil dort mit 30 Prozent doppelt so hoch. Und bei den wachsenden Pharmariesen soll er noch steigen. So zeigt sich der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) ausgesprochen optimistisch: Die deutsche Pharmaindustrie habe das Potential, in den nächsten 10 bis 15 Jahren Zehntausende neuer Arbeitsplätze zu schaffen, darunter einen großen Teil für Akademiker und Mitarbeiter mit gehobenen Ausbildungsberufen. Dabei stützt sich der VFA auf zwei Studien der Unternehmensberatungen A.T. Kearney und Boston Consulting Group. Die Ergebnisse unterstreichen, wie die deutsche Volkswirtschaft vom globalen Wachstumsmarkt Gesundheit profitieren könnte, sagt VFA-Geschäftsführerin Cornelia Yzer.
Wie wichtig das akademische Nachwuchspersonal ist, betonen auf Anfrage des Hochschulanzeigers auch die Hersteller selbst: Neben Marketing und Sales wird der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern insbesondere im Bereich Gesundheitspolitik und -ökonomie steigen, schätzt beispielsweise Thomas Gartz, Personaldirektor der Wyeth Pharma GmbH.
Einstieg in Forschung und Entwicklung
Auch bei Boehringer Ingelheim beurteilt man die Einstiegsmöglichkeiten für Hochschulabsolventen positiv: 70 bis 80 Neueinstellungen plane man noch in diesem Jahr. Gerade für den Bereich Forschung und Entwicklung würden in letzter Zeit verstärkt Postdocs gesucht, um den Bedarf wissenschaftlicher Expertise zu decken. Stellen im Forschungssektor - für viele Absolventen der bevorzugte Einstiegsbereich - gibt es jedoch nicht bei allen: Vor allem die ausländischen Pharmaunternehmen unterhalten in Deutschland nur selten Forschungsabteilungen, erklärt Expertin Heide Neukirchen. Die größten deutschen Forschungszentren sitzen in Biberach (Boehringer Ingelheim), Penzberg (Roche) und Wuppertal (Bayer). Auch Sanofi-Aventis verfügt in Deutschland über eine sehr starke F&E-Technologieplattform. Unser Forschungsstandort in Frankfurt-Höchst umfaßt lückenlos alle Schritte der Wirkstofforschung und -entwicklung - von der funktionalen Genomanalyse bis hin zur klinischen Entwicklung, berichtet Katinka Heppekausen, Leiterin Recruiting bei Sanofi-Aventis. Der stetige Nachschub an naturwissenschaftlichen Hochschulabsolventen spielt für den Bereich F&E daher eine enorm wichtige Rolle. Mit Promotion und Auslandserfahrung seien die Einstiegschancen am größten.
Insgesamt spricht Branchenkennerin Neukirchen dem F&E-Bereich jedoch nur mittelmäßiges Jobpotential zu: Ich gehe davon aus, daß dort die Stellenzahl nicht wachsen wird. Studien hätten belegt, daß forschende Arzneimittelhersteller zwar mehr und mehr in F&E investierten - daß aber die Zahl der Jobs ungefähr gleich bleibe. Dennoch ist der Anteil des F&E-Budgets mit 11 Prozent am Umsatz in der Pharmabranche immer noch am höchsten. Erst darauf folgen Luft- und Raumfahrt sowie die Elektroindustrie.
Karrieresprungbrett Vertrieb
Im zunehmenden Konzentrationsprozeß wird der Einstieg in den Vertrieb immer stärker als Karrieresprungbrett eine Rolle spielen: Gerade der Job als Referent im Außendienst mausert sich zum äußerst attraktiven Jobfeld für Hochschulabsolventen, weiß Heide Neukirchen. Das schlechte Image habe längst nichts mehr mit der Realität zu tun: Die Branchenkennerin hat mit zahlreichen Pharmareferenten Gespräche geführt und weiß: Die sind mittlerweile sehr zufrieden mit ihrem Beruf. Zudem steige das Qualifikationsniveau der Referenten immer weiter. Hochschulabsolventen müssen für den Pharma-Außendienst in der Regel einschlägige naturwissenschaftliche Studienabschlüsse oder ein IHK-Zertifikat vorweisen. Zwar sind erst rund 10 Prozent der Außendienstmitarbeiter bei der Hoffmann-La Roche AG, der Vertriebs- und Marketingtochter des Schweizer Roche-Konzerns, Akademiker. Der Anteil wird in Zukunft aber noch zunehmen, prognostiziert Andrea Maischein aus der Personalabteilung des Unternehmens. Hintergrund ist, daß unsere Medikamente immer komplexer und erklärungsbedürftiger werden. Den gehobenen Ansprüchen an den Nachwuchs trägt Hoffmann-La Roche dadurch Rechnung, daß das Unternehmen seit April erstmals ein neues Traineeprogramm anbietet, das auf Mediziner, Pharmazeuten und Produktmanager zugeschnitten ist.
Auch bei den anderen Big Pharma-Unternehmen zeigen die Zahlen der gesuchten Akademiker, daß der Konzentrationsprozeß durchaus zu Stellenzuwächsen für Hochschulabsolventen führt: Wir haben auch in den Jahren der wirtschaftlichen Stagnation eingestellt, berichtet Nina Diergardt bei Merck in Darmstadt. Ein beginnender wirtschaftlicher Aufschwung lasse die Jobperspektiven für Hochschulabsolventen in der Tat sehr positiv aussehen: 50 bis 60 Hochschulabsolventen - in der Hauptsache Naturwissenschaftler, Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler - wolle man in diesem Jahr bei Merck einstellen. Die Pfizer-Gruppe benötigt 50 Hochschulabsolventen, Sanofi-Aventis rechnet für 2006 sogar mit 240 neu eingestellten Hochschulabsolventen und Young Professionals - dreimal soviel wie im vergangenen Jahr.
Fusionitis in der Generika-Branche
Den Blick auf künftige Entwicklungen gerichtet, bescheinigt Branchen-Insiderin Heide Neukirchen Hochschulabsolventen besonders gute Jobperspektiven in den Bereichen Qualitätskontrolle und Zulassung: Gerade bei den sogenannten Generika-Herstellern werden solche Spezialisten gesucht. Die Generika-Branche stellt kostengünstige Nachahmerprodukte teurer Arzneimittel her, deren Patentrechte ausgelaufen sind. Für das langwierige Zulassungsprozedere, bei dem zuweilen tausendseitige Berichte geschrieben werden und komplizierte Anträge an deutsche und europäische Behörden gestellt werden müssen, sei Fachwissen unabdingbar. Mit derartigen Kenntnissen kommt man nicht von der Hochschule, auf solche Positionen wird man im Unternehmen gezielt vorbereitet, weiß Neukirchen. Vor allem Pharmazeuten, aber auch Chemiker und Biologen seien besonders gut für diese Profile geeignet.
Auch in der Generika-Branche - die derzeit viel höhere Zuwächse verzeichnet als die forschenden Arzneimittelhersteller - grassiert die Fusionitis: Mit einem Umsatzvolumen von über fünf Milliarden Euro gilt Deutschland hinter den USA als zweitwichtigster Generika-Markt der Welt. Hexal, Ratiopharm und Stada, die drei größten deutschen Anbieter, teilen gut die Hälfte unter sich auf. Mit der Übernahme von Hexal durch Novartis als bislang größte Transaktion in der Branche im vergangenen Jahr hatte die Konsolidierung in Deutschland ihren Anfang genommen. Aufsehen erregte zuletzt die Übernahme des Augsburger Herstellers Betapharm durch das indische Unternehmen Dr. Reddy's im Februar. Eine Reihe asiatischer Firmen sucht derzeit nach Möglichkeiten, sich eine Vertriebsbasis in Europa zu verschaffen, weiß Branchenexperte Volker Fitzner von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers. Der Konzentrationsprozeß im Generika-Markt geht weiter. Und damit wird auch dieses boomende Segment der Pharmabranche mit größeren und stärkeren Unternehmen trotz anhaltender Umwälzungen ein langfristig verläßliches Jobfeld bleiben.