20. Dezember 2009

Auf Herz und Nieren

In der Medizintechnik gibt es kaum Krisen

Von Andreas Kunkel




13. Oktober 2009 
Keine andere Branche verlangt Ingenieuren so viel Akribie und Verantwortungsbewusstsein ab wie die Medizintechnik. Das belegt auch der Aufgabenbereich von Andreas Wildgruber. Der Technische Informatiker hat bei der Berliner Firma Biotronik Verantwortung für die Qualitätsprüfung von Herzschrittmacher-Messgeräten übernommen.

Herzinsuffizienz gehört neben Diabetes zu den meistgefürchteten Volkskrankheiten. Jedes Jahr erkranken rund 300.000 Menschen in Deutschland an der Herzschwäche. Für die Betroffenen endet die Krankheit nicht nur häufig tödlich, sondern mindert in jedem Fall auf drastische Weise die Lebensqualität und kann oftmals nur unzureichend behandelt werden. Allein die durch Herzinsuffizienz verursachten Kosten belaufen sich nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes auf etwa 2,7 Milliarden Euro pro Jahr. Wegen der demographischen Entwicklung wird die Herzinsuffizienz zu einer der größten medizinischen und finanziellen Herausforderungen für das Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert werden.

Längst arbeiten deshalb nicht nur Mediziner, sondern vor allem auch Ingenieure an Verfahren, um die Symptome von Herzerkrankungen zumindest zu lindern. Zu diesen Medizintechnik-Ingenieuren gehört auch Andreas Wildgruber, der bei dem Berliner Unternehmen Biotronik im Qualitätsmanagement tätig ist. Die Medizintechnikfirma hat sich auf Herzerkrankungen spezialisiert. Rund 4.900 Mitarbeiter entwickeln, produzieren und vertreiben Produkte für das Herzrhythmus-Management, die Elektrophysiologie und die vaskuläre Intervention, also minimal-invasive Eingriffe am Gefäßsystem. Wildgruber ist derzeit verantwortlich für die Überprüfung von Messgeräten: „Bei Patienten mit starker Herzinsuffizienz muss das Herz von einem Defibrillator oder einem Herzschrittmacher stimuliert werden, damit die eigene Schwäche ausgeglichen werden kann“, erklärt der 30-Jährige. Je nach Körperbau eines Patienten sind die Reizschwellen für die nötigen Impulse unterschiedlich hoch. Deshalb müssen die erforderliche Amplitude und Pulsbreite von Messgeräten exakt bestimmt werden. Die Verantwortung, dass diese Messgeräte zu 100 Prozent richtig arbeiten und absolut zuverlässig sind, ist immens. Deshalb wird im Qualitätsmanagement bei Biotronik auch in Zweierteams gearbeitet. Zusätzlich müssen regelmäßig Kontrollberichte angefertigt werden, und die Qualitätsmanager arbeiten eng mit Auditoren zusammen, die die Herstellung der Produkte überwachen.

Rund 20 Kollegen sind für das Qualitätsmanagement in der Messtechnik verantwortlich. Zu den Aufgaben von Andreas Wildgruber zählt es, grundsätzliche Möglichkeiten zu schaffen, um Messgeräte en détail prüfen zu können. Weil ein Programmiergerät, mit dem der Arzt bei der Nachsorge Schrittmacher und implantierbare Defibrillatoren einstellt, aus bis zu einem Dutzend teils sehr komplexer Platinen bestehen kann, muss das Qualitätsmanagement jedes Modul zunächst einzeln prüfen. Die Qualitätsingenieure bei Biotronik konzipieren deshalb je nach Produkt beziehungsweise Modul immer wieder neue spezifische „Messplätze“, an denen die Prüfung beispielsweise von Platinen, aber auch Batterien oder Kondensatoren möglichst automatisch durchgeführt werden kann.

Ein Messplatz ist eine Art Labortisch, an dem alle für die Tests nötigen Hardware-Komponenten bereitstehen. Ein Oszilloskop beispielsweise, das die Testsignale aufzeichnet, ein Funktionsgenerator, der ein herzeigenes Signal simulieren kann, und eine Schaltmatrix, über die einzelne Signalwege individuell angesteuert und geprüft werden können. Acht derartige Messplätze gibt es derzeit allein, um Messgeräte zu prüfen. Andreas Wildgruber ist nicht nur dafür verantwortlich, dass an jedem der individuell ausgestatteten Plätze die Voraussetzungen geschaffen sind, um alle nötigen Prüfungen vornehmen zu können. In Zusammenarbeit mit der Entwicklungsabteilung bestimmt er auch, was genau gemessen werden soll und wo die Limits für Hunderte ausgelesener Werte liegen. Und er programmiert das „User Interface“, über das jeder einzelne Testschritt elektronisch gesteuert und ausgewertet wird. Dabei arbeitet er in drei Stufen, die aufeinander aufbauen: Um zu gewährleisten, dass die Kommunikation zwischen Messgeräten und dem Produkt funktioniert, programmiert er zunächst die nötigen Treiber. Danach konzipiert und programmiert er die Testreihen, die mit Hilfe der Gerätetreiber verschiedene Signalwege schalten und Impulse auslösen oder empfangen. Und schließlich arbeitet er an der Automatisierung, mit deren Hilfe alle Tests in einer festgelegten Reihenfolge ausgeführt und die Ergebnisse mit dem Sollwert verglichen werden.

Der Aufwand, bei dem selbst in der Massenfertigung jedes einzelne Modul auf „Herz und Nieren“ überprüft wird, ist extrem hoch. Allein dies belege die außergewöhnliche Komplexität und den hohen Sicherheitsstandard der Produkte. „Das zeigt den besonderen Anspruch an Perfektion, dem sich Ingenieure in der Medizintechnik stellen müssen“, betont Wildgruber. Biologisches und medizinisches Wissen sei dabei neben dem rein ingenieurwissenschaftlichen Know-how unabdingbar. Andreas Wildgruber hat zwar während seiner Studienzeit medizintechnische Vorlesungen besucht, das entscheidende Wissen aber müsse man bei den Unternehmen durch ständige Weiterbildung erwerben. Die Medizintechnik sei zu vielfältig, um sich gezielt auf mögliche Aufgaben vorbereiten zu können.

Dass Wildgruber bei seiner Arbeit heute nicht mehr unmittelbar mit Medizinern oder gar Patienten in Berührung kommt, stört ihn nicht. „Die Medizintechnik hat zunächst einen rein technischen Anspruch mit dem Ziel, Menschen in existenziellen Situationen nachhaltig zu helfen“, erklärt er. Dies alleine sei aber nicht der ausschlaggebende Grund dafür gewesen, dass er sich für die Medizintechnik entschieden habe: „Im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen, in denen Elektrotechniker und Technische Informatiker arbeiten, ist die Medizintechnik krisenfester“, meint er. Das hätten auch die jüngsten Entwicklungen etwa in der Zulieferindustrie bestätigt: „Im Zweifelsfall verzichten Menschen eher auf die Anschaffung eines Neuwagens oder nutzen ihr Handy einige Jahre länger, als sich gegen die Gesundheit zu entscheiden.“

Biotronik stellt für die Bereiche Entwicklung, Fertigung und Qualitätsmanagement jährlich rund 50 Absolventen ein. Gesucht werden Bewerber mit den Studienschwerpunkten Elektrotechnik, Maschinenbau, Fertigungstechnik, Feinwerktechnik, Mechatronik, IT und Physik. Der Einstieg erfolgt „on the job“.

Kontaktadresse für Bewerbungen: BIOTRONIK SE & Co. KG
Personalabteilung
Woermannkehre 1
12359 Berlin
Tel.: (0 30) 6 89 05-0
http://www.biotronik.de/karriere personnel@biotronik.com

VDE-Ratgeber erschienen

Das Buch „Arbeitsmarkt Elektrotechnik Informationstechnik 2009/10“ beschreibt das gesamte Spektrum der Arbeitsgebiete für Ingenieure der Elektro- und Informationstechnik. Studenten bietet es damit einen praxisnahen Service für alle Bereiche ingenieurwissenschaftlicher Aufgaben. Zudem erhalten sie wichtige Tipps zum Studium und zur Bewerbung. Das Buch kann beim VDE kostenlos über http://www.vde.com/e-service, telefonisch unter (0 69) 6 30 81 27 angefordert werden.

Elektroingenieure trotzen der Wirtschaftskrise

Zwei Drittel der Forschungseinrichtungen und Unternehmen der Elektrobranche sind sich sicher, dass die Elektro- und Informationstechnik weniger von der Wirtschaftskrise betroffen ist als andere Branchen. 63 Prozent glauben sogar, dass Deutschland aufgrund seiner guten Technologieposition gestärkt aus ihr hervorgehen wird. Dies sind Ergebnisse des aktuellen VDE-Trendreports 2009, einer Umfrage unter den rund 1.300 Mitgliedsunternehmen des Verbandes sowie Hochschulen. Über die größte Innovationskraft verfügt Deutschland demnach in der Automation (91 Prozent) sowie in der Energie- (79 Prozent), Elektro- (77 Prozent) und Medizintechnik (70 Prozent). Bis 2020 wird Deutschland seine Spitzenposition in diesen Technologien trotz leichter Verluste halten.

Elektroingenieure weiterhin intensiv gesucht

Über zwei Drittel der Unternehmen der deutschen Elektrotechnik- und Informationstechnik-Branche gehen davon aus, dass sie ihren Bedarf an Ingenieuren im kommenden Jahr nicht decken können. Laut Prognose des VDE verschärft sich zudem der internationale Wettbewerb um Fachkräfte: Fast alle Unternehmen (93 Prozent) sind der Meinung, dass sich dieser im kommenden Jahr verstärken wird. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass 97 Prozent der Unternehmen der Auffassung sind, dass Absolventen und Young Professionals der Elektro- und Informationstechnik nach wie vor gute Berufschancen haben. Insbesondere für die Bereiche Planung/Projektierung/Engineering und Forschung/Entwicklung werden Elektroingenieure gesucht.

Jobs in der Elektrotechnik

In Zusammenarbeit mit dem Verband Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) berichtet der Hochschulanzeiger in jeder Ausgabe über den Berufsalltag und die Karrierechancen junger Elektroingenieure. Der VDE ist einer der größten Verbände für Branchen und Berufe der Elektro- und Informationstechnik Europas. Deutschlandweit vertritt er rund 35.000 Mitglieder - davon 1.300 Unternehmen sowie 11.000 Studierende und Berufseinsteiger. http://www.vde.com/e-service

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 66
Bildmaterial: Biotronik