15. Dezember 2009

Hüter verborgener Datensätze

Als Informatiker im Geldgeschäft

Von Peter Trechow



14. April 2009 
Bei täglich 1,4 Millionen Handelsbewegungen, in denen Hunderte Millionen Euro die Besitzer wechseln und oft Sekunden über Millionenbeträge entscheiden, sind Systemabstürze oder Datenlecks bei Börsen tabu. Gleiches gilt für Banken. Analog zu Panzerglas und Tresoren sichern sie mit Firewalls und ausgefeilten Verschlüsselungssystemen ihren Datenverkehr. Gesucht werden IT-Experten mit exzellentem Fachwissen und Kommunikationstalent.

Nüchtern betrachtet spielt sich Börse heute mehr auf Festplatten als auf dem Parkett ab. „In den letzten 15 Jahren haben vollelektronische, standortunabhängige Handelssysteme das Börsengeschäft revolutioniert“, fasst die Gruppe Deutsche Börse den Einfluss moderner IT auf ihr Geschäft zusammen. Sechs von zehn ihrer Mitarbeiter sind mittlerweile Informatiker.

Anders als häufig wahrgenommen, makelt die Deutsche Börse nicht. Sie stellt lediglich die Arena, in der Makler ihre Hochdruckgeschäfte abwickeln, bietet Händlern Dienstleistungen rund um die Geschäftsabwicklung und stellt das Börsenhandelssystem Xetra bereit. Darauf wickeln 260 Teilnehmer in 19 Ländern der Erde bis zu 1,4 Millionen Transaktionen täglich ab. Hinter den Kulissen betreiben IT-Experten enormen Aufwand, damit die gigantischen Datenströme nicht eine Sekunde stocken oder in falsche Hände geraten. Regelmäßige Leistungstests und Notfallübungen gehören ebenso dazu wie die permanente Weiterentwicklung von Xetra.

„Unser Geschäft stellt hohe, sehr spezielle Anforderungen an Informatiker“, sagt Recruiterin Valerie Keppel. Weil entsprechende Bewerber rar sind, legen die Frankfurter bei motivierten und lernbereiten Absolventen aus Informatik, Mathematik oder Physik selbst Hand an. „Sie springen ins kalte Wasser“, sagt Keppel und beruhigt sogleich, „nach einer intensiv betreuten Lernphase wird das Wasser sehr schnell wärmer.“ Ihr Unternehmen pflege eine ausgeprägte Weiterbildungs- und Trainingskultur und biete beste Perspektiven. Die Standorte Frankfurt, Luxemburg, London, New York und Chicago tauschen regelmäßig Mitarbeiter aus und halten über gemeinsame Projekte Kontakt. Einsteiger lernen die Gruppe „on the job“ kennen und entwickeln dabei ihre Laufbahn: ob als Führungskraft, Projektmanager oder als Experte mit zunehmender fachlicher Verantwortung.

Phillipp Südmeyer arbeitet als IT-Sicherheitsexperte bei der Deutschen Bank in London. Der 31-jährige Ingenieur stieg 2006 gleich nach dem Studium der IT-Sicherheit als Trainee im Bereich Group Technology & Operations der Bank ein. Mit 15.000 Mitarbeitern in 45 Ländern arbeitet hier ein Fünftel der Belegschaft. Informatiker, Mathematiker und Ingenieure sorgen zusammen mit Wirtschafts- und Finanzexperten für einen reibungslosen Geschäftsbetrieb.

Südmeyer wirkte zuerst in einem Projekt mit, in dem die Bank ihr Kontoverwaltungssystem überholte. Dabei fiel er dem Leiter des „Cryptography-Competence-Centers“ (db-CCC) auf, der ihn in seine Abteilung holte. „Das CCC behält die Entwicklungen im Kryptographiemarkt im Blick, um die Verfahren und internen Regelungen unserer Bank jeweils dem Stand der Technik anpassen zu können“, erklärt er. Etwa im Online-Banking, wo Verschlüsselungstechnologien für Sicherheit sorgen: Kundendaten werden verschlüsselt übermittelt und auf Bankseite wieder entschlüsselt. Ein hochsensibler Bereich, dessen Sicherheit stark vom Bewusstsein der Anwender abhängt. „Eine meiner Aufgaben war es, die Kollegen in den Abteilungen im Umgang mit der Technologie zu beraten“, berichtet Südmeyer. Aber er habe dort auch programmiert.

Im Grunde wäre er gern in der Kryptographie geblieben. Doch die Chance auf internationale Erfahrungen wies ihm einen anderen Weg. Kurz vor dem Ende seiner Traineezeit bewarb er sich auf eine Stelle in London. Dort arbeitet er nun im Team Enterprise Security, Strategy & Design. „Wir beobachten Risikotrends, analysieren den IT-Sicherheitsmarkt und leiten aus unseren Beobachtungen Szenarien ab. Daran richten wir dann Sicherheitsstrategien für die nächsten Jahre aus“, fasst er zusammen. Im Fokus stehen ganz unterschiedliche Fragen: Welche Herausforderungen stellen aktuelle Trends in „Service Oriented Architectures“ (SOA)? Welche Gefahren gehen von Fehlern oder Unaufmerksamkeiten der Kollegen aus? Lassen sich Schwachstellen neuer Software bereits in der Entwicklungsphase eliminieren, lange bevor sie in Penetrationstests auffallen? Jede Lücke, die das Team im Vorfeld aufspürt und schließt, spart Zeit und Kosten.

Südmeyer ist glücklich in seinem Job. Statt im stillen Kämmerlein zu programmieren, treibt er mit seinen Kollegen die Sicherheitsdebatte in der Bank voran. „Kommunikation ist dabei das A und O“, erklärt er. Denn schwächster Punkt im System seien die Nutzer. Ihnen Gefahren aufzuzeigen und den Sinn zuweilen lästiger Sicherheitsvorkehrungen zu vermitteln, sei eine ebenso reizvolle wie sinnvolle Aufgabe.

Aktueller Forschungsstand in der IT-Sicherheit

IT-Sicherheit hat drei Hauptaufgaben: Datenklau verhindern, Rechner gegen Manipulationen und Eindringlinge absichern und Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Systeme gewährleisten. Während Firewalls lange nur Eindringlinge abhielten, deren Muster ihnen vorher einprogrammiert wurden, erkennen neue Systeme auch „fremde“ Angreifer an deren Anomalien. Informatiker arbeiten zurzeit daran, dass sich Sicherheitssysteme künftig in Echtzeit neuen Angriffsstrategien anpassen.

Gute Aussichten für Einsteiger

Das Marktforschungsunternehmen IDC prognostiziert ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 14,9 Prozent im Markt für IT-Security-Dienstleistungen und -Produkte. Etwa 12 Prozent aller IT-Investitionen werden hierzulande von Banken getätigt. Bei sehr vielen Kreditinstituten ist IT Kernbestandteil der Unternehmensstrategie oder gestaltet die IT-Abteilung die Unternehmensstrategie aktiv mit (Quelle IDC).

Text: Hochschulanzeiger Nr. 101, 2009, Seite 38