11. Oktober 2008

Viel Kunst - wenig Jobs

Kunst zu verkaufen ist eine Kunst

Von Mechthild Bruns



16. Mai 2006 
Immer mehr Stiftungen und Unternehmen treten als Sammler auf, weltweit wimmelt es von Kunstmessen, und selbst Werke mittelmäßig bekannter Künstler erzielen hohe Preise. Das hebt die Berufschancen für Absolventen aus Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften. Doch der berufliche Erfolg im Kunstmarkt setzt frühzeitiges Engagement und viel Eigeninitiative voraus.

Zwei Dutzend Praktika, Volontariate und eine Handvoll Assistentenstellen. Mehr gibt der Stellenmarkt des Bundesverbands Deutscher Galerien (BVDG) aktuell nicht her. Keine Spur von Boom, obwohl Kunst aus deutschen Landen angesagt ist wie lange nicht. Allen voran die „Neue Leipziger Schule“. Maler wie Tim Eitel, Martin Kobe, Martin Eder oder Tilo Baumgärtel können kaum so schnell arbeiten, wie ihre Werke sich verkaufen. Besonders in den USA ist junge deutsche Malerei heiß begehrt. Wie sehr, beschreibt eine Anekdote des Leipziger Galeristen Gerd Harry Lybke. Als er vor zwei Jahren fünf Werke von Martin Eder auf einer Kunstmesse in Miami präsentierte, waren sie 20 Minuten nach Eröffnung verkauft. Stückpreis: 36.000 Euro.

„Zuletzt sah man viele Galeristen kommen und gehen.“

Kaum vorstellbar, daß es bei solcher Nachfrage keine Stellen in der Kunstvermarktung geben soll. Doch auf Nachfrage bestätigt der BVDG: „Galerien stellen kaum ein.“ Meist handele es sich um Kleinbetriebe mit ein oder zwei Leuten, die, wenn überhaupt, Praktikanten beschäftigen - und zwar unbezahlt. Auch in öffentlich finanzierten Museen, Archiven oder Kunstinstituten gibt es kaum Jobs für junge Akademiker. Im Gegenteil. Um angesichts ständig sinkender Zuschüsse überhaupt noch Geld für Ausstellungsprojekte freimachen zu können, sparen sie am Personal und besetzen freiwerdende Stellen in der Regel nicht neu.

Doch wo landen Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler nach dem Studium? „Eigentlich gibt es drei Möglichkeiten. Forschung und Lehre, den freien Kunstbetrieb oder man gibt gleich auf und wechselt als Quereinsteiger in andere Bereiche“, erklärt Thorsten Hinz, Galerist der Leipziger Galerie b2. Er selbst hat sich für den Kunstmarkt entschieden und dort einen typischen Werdegang hinter sich. Als Student machte der Kunsthistoriker Führungen auf der Dokumenta in Kassel. Später knüpfte er an Kontakte aus Job und Studium an und veranstaltete Ausstellungen oder vermittelte Kunst. Zuletzt baute er ein Kunst- und Kulturzentrum in Aachen auf, bevor er zur b2 wechselte. All das freiberuflich oder auf befristeten Stellen, mit vielen Ortswechseln.

„Natürlich kann man sich auch hinsetzen und auf eine passende Stellenanzeige warten“, sagt Hinz, „doch auf schöne Bewerbungen und gute Abschlußnoten kommt es im Markt nicht an.“ Er hat in all den Jahren nach dem Studium nie erlebt, daß eine Stelle im Kunstbetrieb auf eine Bewerbung hin besetzt wurde. Was zählt, seien Netzwerke und in Projekten erworbenes Know-how. „Mit den hermeneutischen Diskursen aus der Uni kommt man im Kunstmarkt nicht weit“, stellt der Galerist klar. Vielmehr habe er lernen müssen, zwischen den verschiedenen Sprachen von Künstlern, Sammlern und Händlern zu vermitteln. Und noch etwas gibt Hinz angehenden Kunstarbeitern mit auf den Weg: „Freiberufler im Kunstbetrieb dürfen sich keine Hänger erlauben.“ Wer zeitweise von der Bildfläche verschwinde, komme nur schwer wieder rein.

Hinz´ Aussagen decken sich mit den Einschätzungen Bernd Fesels, der in Bonn das Büro für Kulturpolitik und Kulturwirtschaft betreibt. Seit Jahren hält er bei kommunalen Kulturförderern Vorträge, Seminare und Coachings für Künstler und junge Galeristen und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang intensiv mit den Chancen akademischer Berufseinsteiger in der Kunstvermarktung. „Viele Türen öffnen sich erst, nachdem man sich über freie Mitarbeit oder als freier Kurator einen gewissen Ruf erarbeitet hat“, erklärt er. Schon im Studium gelte es, sich über Praktika, Volontariate oder Galerieassistenzen einen Namen zu machen. Gerade die erfolgreichen, international ausgerichteten Großgalerien böten Studenten vielfältige Möglichkeiten der Mitarbeit - und bei besonderem Engagement durchaus auch Aufstiegschancen.

„Vor allem im privaten Bereich gibt es großen Bedarf an Experten, die Kunst vermarkten und vermitteln können“, meint Fesel optimistisch. Während Absolventen den Traum vom festen Job im öffentlichen Kulturapparat getrost abhaken sollten. Der Experte verweist auf die steigende Zahl privater Stiftungen und das Engagement von Unternehmen im Kultursponsoring: „Sie brauchen Experten mit Kunstverstand, die Ausstellungen und Sammlungen managen und die in der Lage sind, zwischen der Sprache der Kunst und der Sprache der Wirtschaft zu vermitteln.“ Das gelte auch für Unternehmen, die eigene Kunstsammlungen unterhalten und aufbauen. Laut Institut für deutsche Museumskunde sammeln hierzulande fast 90 Prozent der 300 umsatzstärksten Unternehmen Kunst - und häufig legen sie Wert darauf, dies auch zu verkünden.

Mit der Zahl der Kunstsammlungen steigen auch die Chancen freier Kuratoren im In- und Ausland. Ob in den USA oder Mexiko, in Südkorea, Japan, China oder Europa - wer es schafft, Sammlungen (und damit auch die Sammler) geschickt in Szene zu setzen, kann schnell zur Persona grata werden. „Neben deutscher Kunst sind derzeit auch deutsche Kuratoren gefragt“, so Fesel, der den weltweiten Kunstboom und die große Affinität der Wirtschaft zur Kunst als untrügliches Zeichen interpretiert, „daß die Kunst die elitäre Ecke längst verlassen hat“.

Damit verändern sich allerdings auch die Anforderungen an Kunstvermittler. Neben fachlicher Expertise seien im wirtschaftsnahen Bereich Zusatzqualifikationen gefragt. „Fortbildungen in Richtung Marketing schaden Kunsthistorikern und Kulturwissenschaftlern gewiß nicht“, rät er. Auch Hinz berichtet, daß er in Phasen zwischen Projekten Existenzgründerseminare besuchte, um sich in betriebswirtschaftlichen und steuerlichen Fragen fortzubilden. Das kommt ihm nun in der Galeriearbeit zugute.

Die b2 ist nicht sein Gründungsprojekt, die zehn Künstler der Galerie haben ihn ausgesucht. Modelle, in denen sich Künstlergruppen einen Agenten suchen oder einen Galeristen anstellen, um ihre Vermarktung in eigener Regie voranzutreiben, sind im Kunstmarkt nicht ungewöhnlich. Maximal die Hälfte der aktiven Künstler steht überhaupt bei Galeristen unter Vertrag. Der Rest muß sich wohl oder übel selbst vermarkten. Doch das ist neben der künstlerischen Arbeit mühsam, und es liegt längst nicht jedem bildenden Künstler, die eigenen Werke anzupreisen und mit Sammlern und Käufern auf Tuchfühlung zu gehen. Verstärkt wird die Problematik der Selbstvermarktung durch den weltweiten Boom von Kunstmessen, auf denen gerade die lukrativen internationalen Geschäfte abgeschlossen werden und die Galerien als Schaufenster dienen. Doch bei Standgebühren ab 10.000 Euro aufwärts plus Transport- und Reisekosten bleiben Selbstvermarkter und kleine Galerien außen vor.

Laut BVGD gibt es etwa 3.000 Galerien in Deutschland, von denen knapp 800 ihr Geschäft professionell betreiben. Genaue Zahlen gibt es nicht. Zwar liegen Zahlen der Galerien und Künstler vor, die regelmäßig Umsätze verzeichnen. Doch für eine trennscharfe Unterscheidung zwischen professionellen, womöglich internationalen Großgalerien oder Hobby- und Produzentengalerien reicht das nicht. Fakt ist, daß es im Kunstmarkt eine beinharte Klassengesellschaft gibt. Hier die kleine Galerie um die Ecke, deren typische Kundschaft in die Jahre kommt und deren Publikumsverkehr stetig abnimmt, dort die internationalen Top-Galerien, die von Messe zu Messe jetten und deren Vertragskünstler kaum genug malen, installieren und modellieren können, um die Nachfrage zu befriedigen. Experten schätzen, daß deutsche Galerien im letzten Jahr circa 400 Millionen Euro umsetzten, wobei die Top 200 ein Drittel davon auf sich vereinen. Einen Großteil der Einnahmen erzielen sie im internationalen Geschäft.

Während alteingesessene Kleingaleristen meist ihre lebenslange Beschäftigung mit Leidenschaft für die Kunst hochhalten und viele von ihnen es über die Jahre zu einem gewissen Vermögen gebracht haben, bekommen Neugründer den rauhen Wind am Markt zu spüren. „Zuletzt sah man viele Galeristen kommen und gehen“, so Fesel. Auch Hinz warnt davor, sich leichtfertig auf eine Existenzgründung im Kunstmarkt einzulassen. Allerdings läuft ohne genügend Eigenkapital sowieso wenig. Förderkredite gibt es für eine Galeriegründung ebensowenig wie Kredite von der Bank. Zu viel Risiko, das die Kreditinstitute gerne den Galeristen überlassen. Denn das Geschäft ist eine ständige Gratwanderung. Wenn sie neue Künstler unter Vertrag nehmen, gilt es, oft über Jahre hinweg, Nachfrage für ihre Werke zu schaffen. Ob dieser mühsame Weg am Ende zum Erfolg führt, bleibt immer eine Glaubensfrage. „Der Erfolg hängt stark vom Ruf und der Glaubwürdigkeit des Galeristen ab“, erklärt Fesel. Ob Galeristen nun Vermögen oder Glaubwürdigkeit einbringen, ihr Beruf bleibt riskant. Denn auf beidem läßt sich aufbauen - und beides läßt sich verspielen.

QUALIFIZIERUNGSSEMINARE FÜR KUNSTVERMARKTER

Die NCC Cultur Concept gGmbH, die gemeinnützige Gesellschaft zur Förderung der Kulturwirtschaft in Nordrhein-Westfalen, bietet regelmäßig Qualifizierungsseminare für Galeristen, Künstler und Kunstberater an und vermittelt Strategien für den erfolgreichen Markteinstieg. Die Teilnahmegebühren sind niedrig (Abendseminare ab 35 Euro). Darüber hinaus gibt das NCC eine Schriftenreihe heraus mit Titeln wie 2Do and Do not für Galeristen und Galeriegründer2 oder 2Geschäftsmodell Galerie2.
www.ncc-culturconcept.de

Informationen über den Kunstmarkt als Arbeitsmarkt gibt es auch beim Praxisforum Berufsorientierung. Das Praxisforum ist ein Qualifizierungs- und Professionalisierungsprogramm auf der Basis praxisnaher Kompaktseminare. Es richtet sich an Kunsthistoriker, Kunstsachverständige, Kuratoren, Kulturmanager, Restauratoren, aber auch an Kommunikationsdesigner und Künstler in allen Phasen der Berufsplanung. Das Praxisforum bietet Workshops und Fachseminare an und hilft beim Aufbau eines Netzwerks.
www.praxisforum-berufsorientierung.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 84, 2006