12. Oktober 2008

Archäologie studiert und dann?

Von Mechthild Bruns



29. Oktober 2007 
Als er anfing, Ur- und Frühgeschichte sowie Geologie zu studieren, war es Daniel Richter noch nicht klar, welch schwierigen Gaul er da sattelte. Ich bin damals einfach meinen Interessen gefolgt, sagt er. Doch bald war ihm klar, wie schwer es würde, einen Job in der Archäologie zu finden. Deshalb lautete seine Strategie: intensiv arbeiten und über den Tellerrand schauen. Unter anderem studierte er ein Jahr in London. In seiner Magisterarbeit kam er dann erstmals mit der Thermolumineszenz in Berührung. Diese physikalische Datierungsmethode nutzt das Phänomen der Speicherung von Energie in Kristallgittern. Zum Datieren wird diese Energie thermisch oder (in einem verwandten Verfahren) optisch geerntet. An der Strahlungsstärke lässt sich errechnen, wie lange sich das Kristallgitter aufgeladen hat. In Richters Spezialdisziplin, der Ur- und Frühgeschichte, können das mehrere Hunderttausend Jahre sein. Richter fand die Datierungsmethode so spannend, dass er sich ohne naturwissenschaftliches Studium tief in die Materie einarbeitete. Der Zufall wollte es, dass die Forschungsstelle Archäometrie am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg kurz danach eine Doktorandenstelle in diesem Bereich ausschrieb. Der Archäologe bewarb sich, bekam den Zuschlag und verließ die Forschungsstelle nach drei Jahren als Dr. Daniel Richter. Es folgten Auslandsaufenthalte im Lumineszenz-Labor der McMaster Universität Canada und der Aufbau eines Labors am Instituto Tecnolgico e Nuclear in Lissabon. Von dort kehrte der Forscher 2003 zurück nach Deutschland. Das Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hatte eine Stelle zum Aufbau eines Lumineszenz-Labor zur Datierung steinzeitlicher Fundstellen ausgeschrieben, die wie für ihn geschaffen war. Noch ist Richter also im Rennen - allerdings erneut befristet. Maximal 3,5 Jahre bleiben ihm noch am Institut. Als dreifacher Vater komme ich natürlich ins Grübeln, was dann wird, räumt er ein. Der Gedanke wird greifbar, dass es mit der Archäologie doch noch zu Ende geht. Doch vorerst bleibt Richter bei seiner alten Strategie. Viel arbeiten, über den Tellerrand schauen und versuchen, möglichst viele Türen zu öffnen: Aktuell lehrt er nebenbei an der Uni Leipzig.



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Physiker, Geologen und Archäologen sprechen unterschiedliche Sprachen. Doch manchmal müssen sie sich verständigen. Etwa wenn es gilt, geomagnetische, geoelektrische oder Georadarbefunde zu interpretieren. Mit solchen Methoden wird im Vorfeld von Bauvorhaben oder Forschungsgrabungen untersucht, ob und wo im Boden historisch bedeutende Zeugnisse verborgen sind. Vorteil: Die Erde wird nur durchleuchtet, was den Zeitaufwand deutlich senkt. Nachteil: Es gibt wenige Menschen, die sowohl von den Geräten als auch von der Archäologie etwas verstehen. Benno Zickgraf erkannte diesen Mangel früh und stieß mit seinem heutigen Geschäftspartner Martin Posselt in die Lücke. Sie gründeten 1997 ein Unternehmen, das auf moderne Prospektionsmethoden spezialisiert ist. Das konnten sie, weil Zickgraf neben Archäologie Physik studiert hat, sein Partner Archäologie und Geologie. Schon im Studium nahmen sie an geomagnetischen Messkampagnen teil. Dabei kamen sie mit dem Glauberg in Berührung, ein seit Jahrzehnten köchelndes archäologisches Großprojekt in Hessen, in dem bereits mehrere frühkeltische Fürstengrabhügel entdeckt wurden. Hier fand das Duo den perfekten Start für ihr Unternehmen. Sie schrieben einen Businessplan, kümmerten sich um Fördergelder und Startkapital und nahmen fortan als Posselt & Zickgraf Prospektionen GbR an den Erkundungen teil. Das Projekt lief bis 2001, berichtet der 39-jährige Zickgraf. Ihr Unternehmen hat bis dahin Hunderttausende Messpunkte auf insgesamt 2,5 Quadratkilometern ausgewertet. Ein spannender Prozess, weil sich mit jedem Punkt ein Gesamtbild vervollständigt, das seit Jahrhunderten verborgen war. Wir erzeugen in jedem Projekt neues Wissen, beschreiben die beiden Gründer ihre Faszination. Oft publizieren sie ihre Erkenntnisse. Allerdings eher nebenher. Einerseits, weil es Spaß macht, zum anderen, weil wir uns damit natürlich in der archäologischen Community in Erinnerung bringen, so Zickgraf. Das gelingt bislang gut. Das Gründerduo beschäftigt heute fünf Mitarbeiter, ist international im Einsatz und erledigt Prospektionen in vielen Bundesländern. Die Arbeit vor Ort dauert meist nur ein bis zwei Tage. Deutlich mehr Zeit verbringen die beiden beim Auswerten und Interpretieren. Trotz einiger Konkurrenz schaut Zickgraf optimistisch nach vorn. Denn als einziger Anbieter in ihrem Bereich beschäftigen sie ausschließlich Archäologen. Und die wissen, wie die Auftraggeber denken und wonach sie suchen. Das ist einem Physiker mit einem Georadar oft nicht so klar, so Zickgraf.



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Nach seinem Zivildienst in der Denkmalpflege war Matthias Billig klar: Das ist es. Die Grabungen im Tagebau in Garzweiler hatten ihm so viel Spaß gemacht, dass er die Warnungen vor der Jobmisere in der Archäologie ignorierte und sich in Bonn einschrieb. Dort berichtete ihm ein Kommilitone von der Unterwasserarchäologie. Billig, der vorher nie getaucht war, horchte auf. Er fand die Disziplin derart spannend, dass er bald darauf den Sporttaucherschein machte und auf eigene Faust und Kosten eine Ausbildung zum Archäologischen Forschungstaucher bei der Teraqua in Konstanz absolvierte. Deren Leiter, Martin Meinberger, ist selbst als freiberuflicher Unterwasserarchäologe tätig und bildet seit einigen Jahren Forschungstaucher aus. In der nicht ungefährlichen Disziplin ist es seit den 70er Jahren berufsgenossenschaftlich vorgeschrieben, dass Taucher, die mit wissenschaftlicher Zielsetzung und im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit tauchen, vorher eine spezielle Schulung durchlaufen. Aktuell schreibt Billig seine Magisterarbeit. Mittelpunkt: ein Schiffswrack aus dem 13. Jahrhundert, das er am Grund eines alten Rheinarms ausführlich untersucht hat. Die Tauchkampagnen machen wir im Winter, weil dann weniger Pflanzen und Schwebstoffe die Sicht trüben, erklärt er. Trotz der Kälte wird ihm unten im Wasser oft richtig warm. Die Arbeit ist schwer, etwa wenn es darum geht, Proben aus dem gut erhaltenen Holz zu nehmen oder Wracks freizulegen. Trotzdem kann es sich der Nachwuchsarchäologe kaum noch vorstellen, an Land zu arbeiten. Mit Gleichgesinnten hat er eine Forschungstauchergruppe gegründet. Zu viert gehen sie regelmäßig auf Unterwassererkundungen. Sei es in Baggerseen oder eben in den alten Rheinarmen, die er als gewaltiges historisches Archiv sieht. Der Fluss habe eine enorme kulturelle Bedeutung und berge gut erhaltene Zeugnisse verschiedenster Epochen. Billig hofft, dass sich diese Erkenntnis auch in den Denkmalschutzbehörden durchsetzt und er in der Nische auf Dauer ein Auskommen findet. Wenn nicht, würde er für seinen Traumjob auch ins Ausland gehen. Etwa in die Schweiz, wo die Archäologie unter Wasser fest etabliert ist.



Sein Lebenslauf liest sich, als hätte Tobias Kienlin alles auf eine UniKarriere angelegt. Tatsächlich ist er einer von zwei Juniorprofessoren der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie in Deutschland. Im Gespräch wird jedoch schnell klar, dass er kein stromlinienförmiger Karriereschmied ist, sondern mit Leib und Seele forscht. Ihn treibt die Frage um, wie Menschen der Bronzezeit metallischer Werkstoffe habhaft wurden, wie sie Werkstoffalternativen entwickelten und nutzten oder auf welchen Wegen sich handwerkliches Know-how in Europa verbreitete. Häufig wundert es mich, wie geradlinig technische Entwicklung dargestellt wird und wie selten dabei ein Nebeneinander verschiedener Methoden und Werkstoffe bedacht wird, sagt er. Kienlin kam in seinem Studium der Ur- und Frühgeschichte, Klassischen Archäologie und Mittelalterlichen Geschichte nur zufällig zur Metallurgie. Eine Professorin aus Sheffield, die eine Vakanz am Institut vertrat, brachte Kienlin darauf. Er folgte ihr nach Sheffield und erwarb dort einen Master of Science of Archaeomaterials. Zurück in Tübingen schloss er sein Studium ab und hing bis 2002 eine Promotion an. Sein Doktorvater regte damals eine Publikation an, die einen Frankfurter Professor so ansprach, dass er Kienlin als wissenschaftlichen Mitarbeiter an sein Institut holte. Leider befristet. Als die Stelle auslief, war er zum ersten Mal arbeitslos. Der Zufall griff sechs Monate später erneut ein. Auf einer Veranstaltung kam er mit einer Archäologie-Professorin aus Leipzig ins Gespräch, an deren Institut eine halbe Stelle zu besetzen war. Bald darauf ergab sich die Option, auf eine Post-Doc Stelle an die Uni Tübingen zurückzukehren. Dort war ich sehr zufrieden, sagt Kienlin. Doch dann las er die Stellenausschreibung für die Juniorprofessor der Ruhr-Uni Bochum. Der Metallspezialist bekam den Zuschlag, wohl auch, weil er auf all seinen Stationen gelehrt hatte. In Bochum fühlt er sich nun pudelwohl. Und das umso mehr, als sein Institut mit dem Bergbaumuseum der Ruhrstadt kooperiert - und da ist er natürlich ganz in seinem Metier. Doch will er sich nicht nur auf Metallurgie festlegen lassen. Eigentlich sehe er sich als Kulturanthropologen, der seine Forschungen auf Siedlungsarchäologie und Metallurgie stütze. Diesen übergeordneten Blick will er künftig auch seinen Studenten nahelegen.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 92, 2007