15. Dezember 2009

Wer soll das bezahlen?

Die Gesundrechner

Von Anne Koschade, Florian Vollmers




19. Juni 2006 
Sparen ist das oberste Gebot in Krankenhäusern, Arztpraxen und Krankenkassen. Doch den Einrichtungen mangelt es oft an entsprechendem Know-how. Deshalb engagieren sie Consultants oder schaffen Stellen für Akademiker, die BWL und Medizin vereinen.

Wenn Reinhard Wichels früher ins Krankenhaus ging, dann nahm er Blutproben, verschrieb Medikamente oder untersuchte per Ultraschall. Wenn Wichels heute dorthin geht, analysiert er Kostenpläne, hält Vorträge über Produktivitätssteigerungen und erstellt Sanierungskonzepte. Vor fünf Jahren hat sich der ehemalige Arzt dazu entschieden, in die Unternehmensberatung einzusteigen. „Als Arzt habe ich nur den Mikrokosmos meiner jeweiligen Station wahrgenommen“, berichtet der 34jährige. „Als Berater muß ich einen Überblick über die Gesamtökonomie eines Hauses gewinnen.“

Daß der Arzt für Innere Medizin und Kardiologie zur Unternehmensberatung McKinsey & Co wechselte und heute dort als Consultant im Bereich Health Care und Associate Principal kurz vor der Partnerwahl steht, ist keine untypische Entwicklung für den Gesundheitsmarkt. „Ich empfinde es gar nicht so, als hätte ich meinen Arztberuf komplett aufgegeben“, erzählt Wichels. „Ich arbeite heute nur auf einem anderen Gebiet.“ Den zunehmenden wirtschaftlichen Druck habe er bereits als junger Arzt gespürt. „Dem darf und kann man sich heutzutage gar nicht mehr entziehen. Jeder Arzt muß beispielsweise auch Budgetverantwortung übernehmen.“ Damals habe ihn das Interesse an der „Ökonomisierung der Medizin“ bewogen, in den Beraterjob einzusteigen.

„Gesundrechner“ wie Reinhard Wichels gibt es derzeit allerorten im deutschen Gesundheitswesen. Der Einzug wirtschaftlicher Grundsätze gilt als längst noch nicht abgeschlossen: Immer noch steckt die Branche tief in den Verwaltungsstrukturen der siebziger Jahre, während gleichzeitig unvermeidliche Kostensteigerungen zu weiteren Sparmaßnahmen drängen. „Die Frage der wirtschaftlichen Effizienz und das Streben nach optimaler Kosten-Nutzen-Relation werden die medizinische Versorgung mehr und mehr bestimmen“, prognostiziert auch Michael Quaas, Personalberater für die Gesundheitsbranche. „In dieser Phase des Umbruchs verbessern sich die beruflichen Chancen für alle, die sich auf das Management im Gesundheitswesen spezialisiert haben.“ Die Folge: Angefangen bei Krankenkassen über Kliniken bis hin zu Apotheken und Arztpraxen - überall halten Verwalter, Controller und Manager Einzug.

Wenn die Prognosen von Unternehmensberatern zutreffen, werden 25 Prozent aller Akutkrankenhäuser in existentielle Schwierigkeiten geraten. Denn der verschärfte Wettbewerb und die zunehmende Leistungs- und Kostentransparenz lassen ökonomische Leistungsunterschiede, Angebotsvielfalt und Qualität sehr schnell erkennen. Um konkurrenzfähig zu bleiben, sind die Anbieter gezwungen, auf den Wettbewerber zu schauen, Betriebsvergleiche anzustellen oder Betriebs- und Abteilungsgrößen anzupassen.

„Natürlich stößt man als Unternehmensberater erst einmal auf Reserviertheit in den Krankenhäusern“, hat Wichels die Erfahrung gemacht. „Aber das ändert sich schnell, wenn man glaubwürdig vermitteln kann, daß man damit nur hilft.“ Detaillierte Kostentransparenz überrasche so manchen Chefarzt, dem oft keine Zahlen vorliegen, wieviel seine Abteilung eigentlich erwirtschaftet. „Die meisten wissen, daß sie etwas ändern müssen, aber sie wissen nicht was und wie.“ Berater Wichels arbeitet in der klassischen Projektarbeit eines Consultingunternehmens: Das beginne bei der zweimonatigen Diagnose des wirtschaftlichen Ist-Zustandes eines Krankenhauses und reiche bis zu zweijährigen Transformationsprogrammen, die die gesamten Abläufe im Haus verändern.

Ein typisches Projekt des Unternehmensberaters ist es beispielsweise, die Zusammenarbeit zwischen den niedergelassenen Ärzten und dem Krankenhaus zu verbessern. Von deren Patientenzuweisungen ist der wirtschaftliche Erfolg eines Hauses stark abhängig. „Wir prüfen dann, ob die Zuweiser auch über ausreichende Informationen zum jeweiligen Krankenhaus verfügen“, berichtet Wichels. „Hat man zum Beispiel neue Medizintechnik angeschafft, sollte man das auch entsprechend am Markt plazieren.“

Besonders die privaten Klinikketten gelten als fortschrittlich im gewinnorientierten Managen ihrer Verwaltung. Um den wirtschaftlichen Nachwuchs zu decken, bieten sie mittlerweile sogar Traineeprogramme in Sparten wie Management, Finanzen und Controlling oder Einkauf und Logistik an. Für den Hochschulnachwuchs entstehen besonders hier neue Jobchancen. Eine rasante Karriere legte zum Beispiel Thomas Wüstner hin: Bei der Helios Kliniken GmbH - mit 25.000 Mitarbeitern und 51 Häusern einer der größten Klinikunternehmen Deutschlands - ist der 26jährige heute für den gesamten Einkauf in Berlin-Brandenburg zuständig. 2.800 Betten und 25 Millionen Euro Jahresbudget stehen in seiner Verantwortung. Die Region erwirtschaftet einen Jahresumsatz von 365 Millionen Euro.

„Manchmal muß ich tief durchatmen, wenn ich über meine Verantwortung nachdenke“, sagt Thomas Wüstner. „Zum Glück stärken mir die Geschäftsführung und mein Team den Rücken.“ Die Krankenhausbetreiber sind froh, daß sie eine Fachkraft wie Wüstner bei sich haben. Denn wer gesundheitliche und BWL-Kenntnisse vereint, ist auf dem Health-Care-Markt nach wie vor Mangelware: Ursprünglich hat Wüstner Betriebswirtschaftslehre an der Berufsakademie in Bautzen studiert. Ersten Kontakt zum Gesundheitswesen bekam er bereits über seinen Zivildienst: Für ein Krankenhaus hatte er ein Versorgungssystem für Einkauf und Warenannahme entwickelt. Nach dem Studium stand für Wüstner fest, daß er eine Traineeausbildung im Management eines Klinikunternehmens absolvieren würde. Bereits ein Jahr nach dem Einstieg bei Helios übernahm er den Einkauf eines Berliner Klinikums. Heute kümmert er sich um die Beschaffung einer ganzen Region.

„Im Prinzip gestaltet sich mein Job so, als würde ich ein Unternehmen führen“, sagt Wüstner. Er trägt Personalverantwortung für die Einkaufsmanager, die - von Spritzen und Kanülen bis zu Herzschrittmachern und neuen Therapien - für bestimmte Produktgruppen zuständig sind. Er berät Ärzte und Geschäftsführer über neue Angebote auf dem Markt und ist Ansprechpartner für Dienstleistungsverträge. „Unsere Häuser bleiben nur dann zukunftsfähig, wenn uns der Spagat zwischen qualitativer Patientenversorgung und Wirtschaftlichkeit gelingt“, sagt Einkaufsleiter Wüstner. Die besondere Herausforderung sei, eine Kombination hinzukriegen, die das ethisch Sinnvolle der Medizin mit effektiver Unternehmensgestaltung verbindet. Um sich am Modell der freien Wirtschaft zu orientieren, hat der Krankenhausmanager sogar die Prozesse bei Automobilzulieferern direkt vor Ort studiert.

Unter massivem Kostendruck stöhnt auch das Versicherungssystem. Besonders bei den Betriebskrankenkassen findet derzeit ein massiver Konzentrationsprozeß statt: „Es entstehen immer größere Einheiten, die ein neues Management erfordern“, weiß Beate Silkenath, bei der Unternehmensberatung Accenture auf den Health-Care-Sektor spezialisiert. Zusätzlich werde die Liberalisierung auf dem Versicherungsmarkt dazu führen, daß Krankenkassen immer mehr individualisierte Verträge mit den Krankenhäusern abschliessen. „Produktentwicklung und Vertrieb rücken deshalb bei den Krankenkassen verstärkt in den Vordergrund - auch als Jobfeld für Hochqualifizierte“, weiß Silkenath. Früher waren es Ausbildungsberufe wie der Sozialversicherungsfachgehilfe. In Zukunft würden bei den Krankenkassen jedoch Absolventen aus Medizin, Jura, Informatik und BWL mehr Jobangebote zur Verfügung stehen. „Das gesamte Kassensystem wird sich in den nächsten Jahren komplett neu aufstellen“, sagt Silkenath. „Und dafür wird eine Menge Personal von den Hochschulen gebraucht.“

Bei der größten Krankenkasse, der Barmer Ersatzkasse, kümmert sich Dunja Kleis um den bundesweiten Einkauf von stationären und ambulanten Krankenhausleistungen. Auch hier spielt das „Gesundrechnen“ eine zentrale Rolle: „Eine der Hauptaufgaben meines Jobs ist es nun einmal, Einsparungen zu realisieren“, berichtet die 38jährige. „Das Gesundheitswesen in Zeiten zu gestalten, in denen der Bedarf steigt, gleichzeitig die Mittel aber sinken - das ist schon eine harte Nuß.“ Kleis steht in Verhandlungen mit Krankenhäusern darüber, was zum Beispiel eine Blinddarmoperation oder eine Hüftprothese kosten darf und wie viele Patienten voraussichtlich versorgt werden müssen. Auch hier gehören Kosten- und Qualitätstransparenz zu den Hauptzielen.

Kleis studierte Volkswirtschaftslehre, spezialisierte sich dann auf Sozialverwaltung und Gesundheitsökonomie, um anschließend über ein Traineeprogramm direkt bei der Barmer Ersatzkasse einzusteigen. Nach der Leitung einer Geschäftsstelle arbeitete sie unter anderem als Revisorin und Geschäftsbereichsleiterin. Heute, als „Sachgebietsleiterin Analyse und Strategie Einheit Krankenhaus“, weiß sie: „Ich kann nur dazu raten, sich auf Gesundheitsökonomie zu spezialisieren und gegebenenfalls auch entsprechende Weiterbildungen wahrzunehmen. Denn der Bedarf an hochqualifiziertem Nachwuchs wächst enorm.“

Universitäten und Fachhochschulen haben auf den neuen Trend zur Gesundheitsökonomie mit zahlreichen Aufbau- und Masterstudiengängen in den Fächern „Gesundheitsmanagement“ oder „Gesundheitsökonomie“ reagiert. Einen Überblick zu Management-Weiterbildung in der Gesundheitswirtschaft bietet die Homepage der Quaas Gesundheitsberufe GmbH:
http://www.quaas.de (Link Bewerber und Weiterbildungs-Center)

Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland

1990: 2.207
1995: 2.081
2000: 2.003
2005: 1.900
2010 (Schätzung): 1.800
2015 (Schätzung): 1.700
2020 (Schätzung): 1.500

Quelle: Ernst & Young

Text: Hochschulanzeiger Nr. 85, 2006
Bildmaterial: Jörg Mühle, Labor