10. Dezember 2007 Angehende Wirtschaftsprüfer erwartet eine harte, langjährige Ausbildung: Nur einer von tausend fertig ausgebildeten Wirtschaftsprüfern ist unter 30 Jahre alt. Dafür werden die Examinierten gut bezahlt und haben exzellente Karriereaussichten.
Klaus Fischer prüft nicht, wenn er in eine Firma kommt - Klaus Fischer ermittelt. Der Tatort: Unternehmen in Deutschland. Hier wird gestohlen, betrogen und veruntreut. Der jährliche Schaden durch Wirtschaftskriminalität beträgt laut Bundeskriminalamt über vier Milliarden Euro. Klaus Fischer arbeitet für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche. Seine Abteilung ist darauf spezialisiert, kriminelle Handlungen in Unternehmen aufzudecken, Betrüger und Diebe zu entlarven. Der Einsatz beginnt meist mit einem Anruf: Wir haben da einen Verdacht, sagen Aufsichtsräte oder Geschäftsführer. Innerhalb von 24 Stunden ist Klaus Fischer dann mit einem Team vor Ort, sichert Daten von Festplatten, überprüft den E-Mail-Verkehr und führt Gespräche mit Verdächtigen. In den Abteilungen für Wirtschaftskriminalität der großen Prüfungsgesellschaften arbeiten mittlerweile bereits rund 200 Wirtschaftsprüfer - obwohl es das Geschäftsfeld erst seit wenigen Jahren gibt. In den nächsten Jahren werden wir weiter wachsen, ist Klaus Fischer sicher.
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| * Zahlen erst von einem der beiden Prüfungstermine verfügbar.
Quelle: Wirtschaftsprüferkammer |
Spannend und abwechslungsreich ist Wirtschaftsprüfung nicht nur, wenn es um Kriminalität geht. Vom Klischee des drögen Erbsenzählers hat sich der Beruf in den letzten Jahren entfernt. Die Jahresabschlussprüfung ist nur noch ein Teil unserer Tätigkeit, sagt Reiner Veidt, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüferkammer mit Sitz in Berlin, die für das bundesweite Zulassungsverfahren zuständig ist. Als betriebswirtschaftliche Experten sind die Prüfer beispielsweise auch gefragte Steuer- und Rechtsberater, berechnen den Wert von Unternehmen, die zum Verkauf stehen, oder arbeiten sogar als Vermögensverwalter.
Bevor sich Hochschulabsolventen Wirtschaftsprüfer nennen dürfen, müssen sie mindestens drei Jahre lang in einem Prüfungsunternehmen gearbeitet haben. Erst dann dürfen sie das Examen vor der Wirtschaftsprüferkammer ablegen. Die meisten von ihnen haben zuvor BWL studiert. Theoretisch ist es zwar egal, welchen Hochschulabschluss Examenskandidaten vorlegen, in der Praxis aber ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Hintergrund fast unumgänglich, um bei der anspruchsvollen Prüfung eine Chance zu haben. Die Durchfallquoten sind enorm: Nur rund 50 Prozent der Bewerber bestehen auf Anhieb. Wer nur knapp gescheitert ist, hat das Recht auf eine Ergänzungsprüfung. Insgesamt werden so pro Jahr rund 70 Prozent der Kandidaten zum Wirtschaftsprüfer vereidigt.
Michael Schröder hat sein Examen im Mai dieses Jahres bestanden: Das war schon Glück. Man kann eigentlich nicht damit rechnen, beim ersten Versuch durchzukommen. Schröder war bei seinem Examen 30 Jahre alt, sehr jung für einen fertig ausgebildeten Wirtschaftsprüfer. In ganz Deutschland gibt es nur 19 Wirtschaftsprüfer, die noch jünger sind - gerade mal 0,1 Prozent sind unter 30.
Anderthalb Jahre lang hat sich Schröder auf die Prüfung vorbereitet. Rund 20.000 Euro kosteten ihn die diversen Lehrgänge, die er dafür besuchte - und so gut wie jede Minute seiner Freizeit: In den letzten Monaten vor dem Examen habe ich zehn bis zwölf Stunden täglich gelernt. Dafür musste ich meinen gesamten Jahresurlaub aufbrauchen. Die Vorbereitungszeit war sehr belastend. Doch zumindest finanziell soll sich der Aufwand bald lohnen: Bereits der Steuerberatertitel, den er vor ein paar Jahren erwarb, brachte ihm einen ordentlichen Gehaltssprung - nach dem bestandenen Wirtschaftsprüferexamen soll der nächste folgen.
Die wichtigste berufliche Entscheidung, vor der Einsteiger stehen, hat Schröder bereits getroffen: Gehe ich zu einer der vier großen Kanzleien, oder möchte ich lieber für ein kleines Prüfungsunternehmen arbeiten? Beide Möglichkeiten haben ihre Vorteile, die Arbeitsweise unterscheidet sich in einigen Punkten aber grundsätzlich. Michael Schröder arbeitet für Curacon, eine mittelgroße Prüfungsgesellschaft, die vor allem soziale Einrichtungen und Unternehmen im Gesundheitswesen prüft und berät. Der Vorteil hier ist, dass man mehr persönlichen Kontakt mit den Mandanten hat als in den ganz großen Kanzleien. Als Prüfer kommt man mit Mitarbeitern auf allen Hierarchiestufen ins Gespräch.
Allgemein gilt: In kleineren und mittelgroßen Kanzleien arbeitet man eher als Generalist, in den großen als Spezialist. Die Mandanten einer mittelständischen Prüfungsgesellschaft sind schließlich meist ebenfalls Mittelständler. Das bedeutet: Oft betreuen wenige oder sogar nur ein einzelner Prüfer den Mandanten. Da reicht es nicht aus, sich in einem einzigen Fachgebiet gut auszukennen. Der Klient hat schließlich nicht nur Fragen zur Jahresabschlussprüfung, sondern will beispielsweise auch steuerrechtliche Ratschläge.
Weil die Mandanten von kleineren Gesellschaften meist in der Region beheimatet sind, ist zudem die Reisezeit kürzer - wochenlange Hotelaufenthalte gehören also zur Ausnahme. Ganz vermeiden lassen sie sich aber nicht. Obwohl auch Schröders Klienten meist relativ schnell erreichbar sind, lohnt sich in manchen Fällen das Pendeln nicht. Rund sechs Wochen Hotelaufenthalte pro Jahr kommen so bei ihm zusammen. Für Berufsanfänger mag das noch sehr aufregend klingen. Nach einiger Zeit gehen einem die Hotels aber gehörig auf die Nerven, sagt er.
In einem gar nicht so unwichtigen Punkt haben kleinere Prüfungsgesellschaften allerdings einen entscheidenden Nachteil: Das Gehalt ist weit niedriger als bei den großen Unternehmen. Im Mittel verdienen die Mitarbeiter von Prüfungskanzleien mit weniger als 100 Mitarbeitern rund 54.000 Euro brutto pro Jahr. Das sind 10.000 Euro weniger als bei den großen Gesellschaften.
Mehr Berufserfahrung verhilft in der gesamten Branche zu ansehnlichen Gehaltssprüngen. Einsteiger bekommen rund 50.000 Euro, nach zehn Jahren Berufserfahrung liegt das mittlere Jahresbrutto bereits bei 63.000 Euro. Ein Viertel der Wirtschaftsprüfer bei Großkanzleien erhält laut einer Studie des Vergütungsberaters Personalmarkt sogar über 80.000 Euro pro Jahr.
In einer solchen Großkanzlei arbeitet Constantin Baack. Der 28-Jährige hat sich auf das Gebiet Transaktionsberatung spezialisiert. Seine Aufgabe: Wenn ein Unternehmen zum Verkauf steht, analysiert Baack seinen Wert, damit ein interessierter Käufer auch weiß, wie viel er dafür ausgeben soll. Trotz der Spezialisierung ist das eine sehr abwechslungsreiche Arbeit, sagt Baack. Das haben nur die ›Big Four‹ der Branche zu bieten.
Big Four, so nennt man die vier großen Unternehmen, die den Markt der Wirtschaftsprüfung dominieren: Sie heißen Ernst & Young, KPMG, PricewaterhouseCoopers und Deloitte. Unter Wirtschaftsstudenten zählen sie zu den beliebtesten aller potentiellen Arbeitgeber, ergab eine Umfrage von Trendence, einem Institut für Personalmarketing. Ernst & Young, PwC und KPMG liegen demnach auf den Plätzen 4, 5 und 6 und wurden nur von BMW, Porsche und Siemens geschlagen. Die Wirtschaftsprüfer sind damit unter den Absolventen als Arbeitgeber noch gefragter als berühmte Unternehmensberatungen wie McKinsey oder Boston Consulting.
Dennoch suchen auch die Big Four dringend Nachwuchs: KPMG stellte im Geschäftsjahr 2007 rund 1.300 neue Mitarbeiter ein, Ernst & Young hatte sogar 1.500 Jobs zu vergeben. PwC plant bis Sommer 2008 mit 1.400 neuen Mitarbeitern, bei Deloitte sollen es 600 sein - von denen 500 Stellen an Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge gehen. Für Leute wie Baack hat der Fachkräftemangel den Vorteil, dass sie nicht lange auf der Wartebank der Jobsuchenden ausharren müssen: Nur wenige Wochen nach seinem Uni-Abschluss wurde er zum Assessment-Center bei Ernst & Young eingeladen - kurze Zeit später hatte er bereits seinen Arbeitsvertrag in der Tasche.
Es besteht ein großer Bedarf an hochqualifizierten Leuten, und die sind momentan schwer zu bekommen, sagt Klaus-Peter Feld, Vorstandsmitglied des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW), der die Interessen der Branche vertritt. Es fehle heute oft die Bereitschaft, einen so harten Ausbildungsweg auf sich zu nehmen. Hauptkonkurrenten um qualifizierten Nachwuchs seien Branchen wie die Unternehmensberatung: Viele denken, dass man dort ähnlich großen Erfolg auf eine weniger schwierige Weise haben kann.
Constantin Baack hat sich bewusst gegen die Consultingbranche entschieden. Bei den Unternehmensberatern heißt es: Entweder kommst du ganz nach oben, oder du fliegst raus. Einen solchen psychischen Druck gebe es bei Ernst & Young nicht, wo er seit zwei Jahren arbeitet. Stressig wird es höchstens, wenn mal ein Auftrag bis zum Wochenende fertig werden soll und man am Freitag dafür noch eine Spätschicht einlegen muss. In der Regel arbeitet Baack erheblich mehr als 40 Stunden in der Woche. Ich finde das aber nicht schlimm, sagt er. Das gehört eben einfach dazu.
Sein Studium beendete Constantin Baack im Juni 2005. Dass er anschließend zu einer der großen vier Gesellschaften gehen wollte, war für ihn schon lange klar: Denn nur hier kann ich in der einen Woche einen Automobilkonzern betreuen und in der nächsten Woche in der chemischen Industrie arbeiten. Und hier kann Baack auch sein Fernweh ausleben: BWL studierte er in Australien, seine erste Station bei Ernst & Young war Shanghai. Hier verbrachte er während seines Traineeships drei Monate damit, den chinesischen Markt für deutsche Unternehmen zu durchleuchten. Nach dem Ende des firmeninternen Trainings kam er wieder zurück ins Hamburger Büro von Ernst & Young. Demnächst will er das Wirtschaftsprüferexamen ablegen. Mein Ziel ist, danach wieder im Ausland zu arbeiten. Ich werde dafür jede Möglichkeit nutzen. Und wenn ihm das gelinge, dann habe sich die ganze Qual auch schon gelohnt.