18. Dezember 2009

Steuern und überwachen

Forschung im Konzern

Von Peter Trechow




13. Oktober 2009 
Der Forschungsbereich von Bosch ist ein eigener Kosmos, in dem ein Heer von 30.000 Forschern und Entwicklern zuletzt über einen Etat von 3,9 Milliarden Euro verfügte. Fünfzehn Patente meldet die Zentralabteilung Gewerblicher Rechtsschutz der Bosch-Gruppe an durchschnittlichen Arbeitstagen an - in Summe macht das 3.850 Patentanmeldungen pro Jahr. Wie lässt sich ein so gewaltiger F&E-Organismus steuern? Wer setzt die Themen, und wie bleibt gewährleistet, dass Bereiche und Abteilungen ihr Know-how teilen?

Scouting
Bevor Bosch ein Forschungsprojekt auflegt, gibt es jede Menge Vorlauf. Der Weg führt über ein umfassendes Scouting: International wird dabei das wissenschaftliche Umfeld beobachtet, und es wird genau verfolgt, was sich in jenen Kompetenzfeldern tut, die das Geschäft von Bosch betreffen. Jeweils ein Dutzend Wissenschaftler ist für ein Technologiesegment verantwortlich, analysiert Forschungsergebnisse und leitet Trends daraus ab. Umgekehrt definiert auch die Geschäftsleitung Suchfelder, etwa in der Energiewandlung, -speicherung oder Elektromobilität. Und nicht zuletzt können auch die Mitarbeiter der Geschäftsbereiche Ideen einbringen.

Ideenprüfung
Jede Idee wird geprüft. Im „Ideenmanagement“ ist verankert, dass dabei sowohl die zentrale Forschung als auch die Geschäftsbereiche einbezogen werden. Denn der Nutzen einer Idee steht und fällt mit der jeweiligen Perspektive. Bei produkt- oder fertigungsnahen Vorschlägen übernehmen die Entwickler der Geschäftsbereiche.



Vorstudien
Ergibt sich Forschungsbedarf, sind die zentralen Vorausentwickler am Zug. Ihre Arbeit fängt mit Vorstudien an. Bleibt eine Idee danach interessant, folgt eine vertiefende Konzeptstudie. Die Mitarbeiter der zentralen Forschung und Vorausentwicklung arbeiten dabei meist parallel an mehreren Studien und Projekten. In ihrer Querschnittsfunktion sind sie Ansprechpartner aller Geschäftsbereiche, mit denen sie intensiven Austausch pflegen. Interessiert sich ein Geschäftsbereich für eine Technologie, wirkt er bereits bei der Projektkonzeption mit, damit die Forscher von vornherein die Erfordernisse einer späteren Vermarktung berücksichtigen.

Wissenstransfer
Neben den Kontakten auf Arbeitsebene folgt der Wissenstransfer zwischen Forschung und Geschäftsbereichen weiteren fest etablierten Wegen. Mitarbeiter treffen sich regelmäßig in Arbeitskreisen und Kompetenznetzwerken, und auch die Leitungsebene diskutiert die F&E-Strategien in regelmäßigen Abständen.

Schutzrechte prüfen
Während Forschung von freiem Austausch lebt, ist bei der Produktentwicklung Abgrenzung gegenüber Wettbewerbern gefragt. Technologieunternehmen müssen sich frühzeitig um die eigenen und fremden Schutzrechte kümmern, um Fehltritte im Minenfeld des Patentrechts zu vermeiden. Bei Bosch zählt es von Anfang an zu den Aufgaben der Forscher, das Patentumfeld zu bewerten, mögliches Konfliktpotential zu analysieren und wo nötig die Spezialisten aus der Patentabteilung einzubeziehen.

Überwachen des Forschungsstands
Die Forschungsgeschäftsleitung hat über „Cockpit-Charts“ stets den Überblick über alle Projekte, die 1.300 Wissenschaftler und Ingenieure der zentralen Forschung und Vorausentwicklung bearbeiten. Anhand grüner, gelber und roter Anzeigen kann sie auf einen Blick feststellen, ob sich Fortschritte wie vereinbart einstellen und woran es hapert, wenn ein Projekt der Planung hinterherhinkt. Es gehört zu den Aufgaben der Projektleiter, die Charts monatlich zu aktualisieren.

Zentrale Vorausentwicklung
Bosch ist nicht nur weltgrößter Autozulieferer, sondern mischt auch in Industrie- und Gebäudetechnik sowie bei Gebrauchsgütern kräftig mit. Angefangen bei Lenk- und Assistenzsystemen für Fahrzeuge, über Antriebs- und Steuerungstechnik für Maschinen und Anlagen, bis hin zu Verpackungssystemen, Solaranlagen, Herden, Kühlschränken, hört das Produktspektrum auch bei Elektrowerkzeugen und den Sicherheitssystemen nicht auf. Damit alle Bereiche von technologischem Fortschritt profitieren, gibt es die zentrale Vorausentwicklung: Ein und dasselbe Werkstoff-, Konstruktions- oder Fertigungs-Know-how kann für ganz unterschiedliche Bereiche nützlich sein. Solche Synergieeffekte bringen Konzernen wie Bosch Einsparungen in Millionenhöhe.

Internationale Vernetzung
Knapp zehn Prozent der 1.300 Mitarbeiter aus der zentralen Forschung arbeiten im Ausland. Sie vertreten Bosch in Förderprojekten und knüpfen Kontakte zu regionalen Clustern. Der internationale Austausch kommt nicht nur den verschiedenen Wissens- und Forschungsschwerpunkten zugute. Zugleich knüpft Bosch so Kontakt zu jungen Spezialisten beteiligter Hochschulen.

Innovationsprozess an einem konkreten Beispiel:

Wohin ein Innovationsprozess führen kann, hat ein junges Forscherquartett gezeigt, das bei Bosch ein preisgekröntes Mikrobearbeitungsverfahren mit ultrakurzen Laserpulsen zur Fertigungsreife entwickelte. Rund 400.000 Laserblitze pro Sekunde prasseln auf die Materialien ein und zerreißen die getroffenen Moleküle buchstäblich. Es gelang den Forschern, das anfangs unzuverlässige Verfahren zu stabilisieren und es gegen Schwingungen einer Fabrik zu immunisieren, obwohl die Lenkspiegelchen des Lasers bis auf ein tausendstel Grad genau ausgerichtet sind müssen, um Materialien mit der gebotenen Genauigkeit abzutragen.

Konkret lief das Projekt so:

> Gescoutet wurde die Technologie an der Uni Jena, wo einer der vier Jungforscher Ende der 90er Jahre in einem staatlich geförderten Forschungsprojekt mit Femtosekundenlasern experimentierte (die Pulse dauern kaum länger als den tausendsten Teil einer Billonenstelsekunde).

> Weiter ging es bei Bosch mit internen Vor- und Konzeptstudien sowie der Weiterentwicklung des Verfahrens im Zuge eines Kooperationsprojekts mit weiteren Hochschul- und Industriepartnern.

> Erst dann intensivierte Bosch die Grundlagenforschung in Richtung industrieller Anwendbarkeit, wobei mehrere Geschäftsbereiche frühzeitig ihre Anforderungen an das Verfahren formulierten.

> Es folgte der Prototypenbau im interdisziplinären Team, das die Laser nach und nach auf Fabrikeinsätze trimmte.

> Heute werden mit dem Laser Drainagen in Hochdruckeinspritzsysteme gebrannt, keramische Sensoren damit gefräst und Einsätze in weiteren Geschäftsbereichen sind angedacht.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 56
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor