12. Dezember 2009

Blickfang-Ausdenker

Von monströs bis »oben ohne«

Von Peter Trechow




20. Oktober 2008 
Sportliche Cabrios und klobige Geländewagen machen zusammen ein Zehntel des deutschen Automarkts aus. Um sie zu entwickeln, arbeiten Ingenieure von Herstellern wie Audi und Porsche Hand in Hand mit den Kollegen ihrer Zulieferer. Die Kooperation beginnt ab der ersten Skizze und bietet Einsteigern einen guten Überblick, wie ein Auto entsteht.

Um ein Cabrio zu bauen, reicht es nicht, beim Ausgangsmodell das Dach wegzulassen. Karosserie und Fahrwerk müssen gründlich umkonstruiert werden. Und die modernen, auf Knopfdruck versenkbaren Dächer sind ohnehin eine Wissenschaft für sich. Auch bei SUV, den monströsen Geländewagen für die Stadt, steckt jede Menge Ingenieurschweiß zwischen Dachreling und Felgen.

Audi macht augenblicklich in beiden Nischen von sich reden. Den Cabrios von A3, A4 und TT sollen in naher Zukunft weitere Oben-ohne-Modelle folgen. Und der geländegängige Kreuzer Q7 bekommt mit dem Q5 zum Jahresende einen kleinen Bruder. Ende 2010 soll er auch als Hybrid mit zusätzlichem Elektromotor erhältlich sein. Die Modelloffensive und die Expansion in neue Märkte hat Audi 2007 das beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte beschert. Zugleich stieg die Zahl der Stellen um 8 Prozent.

„Unser Bedarf an Absolventen und Young Professionals gerade aus Elektrotechnik und Mechatronik steigt“, sagt auch Frank Placzek, Personalreferent in der technischen Entwicklung. Dieses Jahr wird Audi 800 Akademiker einstellen - 200 mehr als im Vorjahr. Ein Drittel der Stellen ist in der technischen Entwicklung offen. „Bei uns gibt es interessante Aufgaben ohne Ende“, wirbt er. Die Entwickler stellen in immer schnelleren Zyklen neue Modelle auf die Beine, müssen dabei steigende Umwelt- und Sicherheitsanforderungen erfüllen und auch alternative Antriebe fest im Blick behalten. „Unsere Entwickler arbeiten an Innovationen, die in Lehrbüchern noch nicht zu finden sind“, sagt Placzek. Um Tuchfühlung mit dem „state of the art“ aufzunehmen, rät er Studierenden auf jeden Fall zu Praktika und Diplomarbeiten im Unternehmen.

Umgekehrt lernt das Unternehmen Nachwuchskräfte dabei intensiver kennen als in den Stunden eines Assessment-Centers. Auch darüber hinaus kann ein Praktikum später bei der Bewerbung helfen. Wer mit klaren thematischen Vorstellungen auf Audi zugeht, stößt laut Placzek oft auf offene Ohren. „Uns kommt es weniger auf die Art der Abschlüsse an als auf ein Thema, das dem Bewerber am Herzen liegt und zu uns passt“, sagt er. Ihnen biete Audi gute Entwicklungschancen und den Freiraum, um Verantwortung zu übernehmen.

Ein ähnliches Bild zeichnet Dr. Martin Meyer, Leiter des Personalmarketings bei Porsche. Der kleinste deutsche Hersteller macht seit Jahren vor, dass sich mit Nischenfahrzeugen gutes Geld verdienen lässt. Cabrios sind Programm. Und der SUV Cayenne geht weltweit immer noch weg wie warme Semmeln. Zwar bremst der hohe Ölpreis den Absatz in diesem Segment. Doch der Porsche-SUV bleibt extrem beliebt. Ende des Jahrzehnts soll eine Hybridversion die Verkäufe zusätzlich ankurbeln. Zudem befindet sich ein ganz neues Modell, der Gran Turismo Panamera, im Stadium der Serienentwicklung. Auch ihn wollen die Zuffenhausener als Hybrid anbieten.

„Mit den Herausforderungen durch die neuen Antriebstechnologien steigt unser Bedarf an Fachleuten aus Elektrotechnik und Mechatronik“, sagt Meyer. Ansonsten habe sich das Spektrum an gesuchten Fachkräften erweitert. Rund 100 Einsteigerstellen verteilen sich auf Vertrieb, Marketing, Consulting, Ingenieurdienstleistungen und die Entwicklung. Ein besonderes Wachstumsfeld: der internationale Vertrieb, zu dem Kundendienste in aller Welt zählen. „Dafür suchen wir Spezialisten, die in neu erschlossenen Märkten die Mitarbeiter unserer Werkstätten schulen“, erklärt er.

Porsche besetzt fast 80 Prozent der Einsteigerstellen mit ehemaligen Top-Praktikanten. Für sie hält das Unternehmen 100 Pole-Positions bereit. Sie stehen in vorderster Startreihe, wenn es um die Vergabe von Auslandspraktika, Werkstudentenjobs oder Diplomthemen geht. Dabei können sie sich für eine Festanstellung empfehlen. Um passende Talente zu identifizieren, bewertet Porsche Praktikanten mit dem gleichen Beurteilungsmodell wie potentielle Führungskräfte. Wer sich besonders hervortut, kann sich laut Meyer im Rahmen der Porsche-Nachwuchsförderung für Führungsaufgaben qualifizieren.

Seit Monaten macht Porsche mit der geplanten Übernahme von VW Schlagzeilen. Auswirkungen auf die Stellensituation befürchtet Meyer nicht. „Porsche bleibt Porsche. VW bleibt VW“, sagt er. Beide Unternehmen sollen ihr operatives Geschäft unabhängig voneinander weiterentwickeln.

Auch die Zulieferindustrie profitiert vom Run auf die Nischenfahrzeuge und arbeitet dabei immer enger mit den Autoherstellern zusammen. So arbeitet die Edscha AG oft „embedded“ in den Werken ihrer Kunden und liefert Cabrio-Verdecksysteme „just in sequence“. „Spätestens zwei Stunden danach sind sie verbaut“, erklärt Frank Bender, Personalleiter der Geschäftseinheit Cabrio-Dachsysteme. Neben der Entwicklung und Produktion übernimmt Edscha die Gesamtverantwortung für alle Funktionseinheiten der Dachsysteme.

Standbein des Zulieferers waren zunächst Türscharniere. Mitte der 80er Jahre stieg er in die Cabrio-Nische ein, die heute mit fast 400 Millionen Euro ein Drittel des Umsatzes beisteuert und jeden Vierten der 6.500 Mitarbeiter beschäftigt. Edscha liefert Soft-, Hard- und Retractable Hardtops, das sind mehrteilige feste Dächer, die sich auf Knopfdruck zusammenfalten und im Heck versinken. Die Kundschaft reicht von Rolls Royce bis Smart, von Bentley bis Peugeot; auch Mercedes, BMW und Audi beziehen Cabrio- Dachsysteme der Remscheider. In solchen Kundenprojekten arbeiten Konstrukteure und Entwickler, Qualitätsmanager, Einkäufer, Vertriebler und Produktionsexperten Hand in Hand. „Bei uns geht es interdisziplinär und international zu“, wirbt der Personalleiter. Im Projektgeschäft ergäben sich globale Einsätze ganz automatisch. Nicht nur dabei achten die Vorgesetzten darauf, ob sich junge Talente für Führungsaufgaben empfehlen. Wer auffällt, bekommt individuelle Förderung, um künftig Aufgaben im Projektmanagement zu übernehmen.

Aktuell sucht der Zulieferer Absolventen und Young Professionals verschiedenster Fachrichtungen: Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Elektrotechnik, Mechatronik und Textiltechnik. Um sie einzuführen, erarbeiten Personal- und Fachabteilungen individuelle Einarbeitungspläne. Im „training on the job“ wachsen Neulinge in die Projektarbeit hinein. Dabei stehen ihnen erfahrene Kollegen als Paten zur Seite. „Diese Praxis hat sich bewährt“, so Bender, „Einsteiger bekommen auch ohne Traineeprogramm schnell den Überblick.“ Denn in den Projekten ergebe sich zwangsläufig ein enger Austausch mit anderen Abteilungen und Fachbereichen.

„Cabrios sind so komplex, dass wir für die Entwicklung viele Spezialisten zusammenbringen müssen“, erklärt Peter Jaksch, Personalleiter der Webasto AG. Beteiligt seien Ingenieure aus Metallurgie und Textiltechnik, Elektro- und Steuerungstechnik, Hydrauliker, Kinematiker oder Fachleute, die sich mit dem Versteifen der Karosserie und der Crash-Sicherheit befassen. Damit sie eine gemeinsame Sprache finden, braucht es qualifizierte Führungskräfte. Webasto bildet sie an einer eigenen Akademie weiter, die den Mitarbeitern über 100 Seminare jährlich anbietet. Angehenden Fach- und Führungskräften gibt sie in 12- bis 18-monatiger Weiterbildung den nötigen Schliff für die komplexe Projektarbeit.

Um Führungsnachwuchs auszubilden, startet Webasto Anfang 2009 ein Traineeprogramm. „Es richtet sich an High Potentials, die nach dem 18-monatigen Programm eine erste qualifizierte Spezialisten- oder Führungsposition einnehmen können“, erklärt Jaksch. Obligatorisch sind ein mehrmonatiger Auslandsaufenthalt und eine fachfremde Station. „Unsere Erfahrung zeigt, dass Mitarbeiter, die sich intern vernetzen, internationale Projekteinsätze übernehmen und Standorte wechseln, erfolgreicher sind“, erklärt der Personalleiter. Das Programm greife das auf. Zunächst sollen zweimal jährlich je zwei Ingenieure und Kaufleute als Trainees starten.

Daneben sucht das Unternehmen Fachkräfte in allen Bereichen, von Vertrieb bis Controlling, von IT bis Entwicklung. Über 20 Angebote richten sich an Ingenieure, idealerweise mit Erfahrung. Weil die kaum zu finden sind, sucht Webasto Kontakt zu Talenten. Allein am Standort Stockdorf absolvieren jährlich 150 Studenten Praktika oder schreiben ihre Diplomarbeit. „Die vorübergehende Tätigkeit im Unternehmen werten wir wie Berufserfahrung“, erklärt Jaksch. Fast zwei Drittel des Umsatzes erzielt Webasto mit Dachsystemen und fährt damit gut. Seit 2005 schuf das Unternehmen 700 Stellen der 7.000 Stellen weltweit, und der Umsatz legte um 400 Millionen auf knapp 1,8 Milliarden Euro zu. Webasto hat Standorte in 40 Ländern, verbindet also die internationale Präsenz eines Konzerns mit der Atmosphäre eines Mittelständlers. Wie viele Autozulieferer sucht das Unternehmen die räumliche Nähe zu den Autoherstellern. Um seine Ressourcen dabei optimal zu nutzen, zieht es für Projekte jeweils Experten verschiedener Herkunft und Disziplinen zusammen. „Teilweise bleiben unsere Leute jahrelang im Ausland“, berichtet Jaksch.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 72
Bildmaterial: Edscha