08. Oktober 2008

Controller im Öffentlichen Sektor

Linke Tasche, rechte Tasche

Von Silke Bigalke




12. Mai 2008 
Im öffentlichen Sektor gibt es demnächst für Controller viel zu tun. Der Grund: Bundesweit wollen Kommunen die doppelte Buchführung einführen und haben sich auch sonst vorgenommen, kaufmännischer zu denken, als sie es bislang getan haben.

Manuel Just war 26, als er 2004 im beschaulichen Rauenberg im Rhein-Neckar-Kreis für einen Umsturz sorgte. Der gelernte Verwaltungswirt und amtierende Kämmerer führte in Baden-Württemberg die doppelte Buchführung ein - damals Neuland in den meisten deutschen Finanzverwaltungen. Manuel Just war einer der Pioniere, doch das neue Haushalts- und Rechnungswesen wird - so ein Beschluss der Ständigen Konferenz der Innenminister von 2003 - demnächst in allen deutschen Städten und Gemeinden Einzug halten. Es soll die Kommunen befähigen, sparsamer zu wirtschaften und länger im Voraus zu planen. Die Umstellung bringt neue Aufgaben für die Kämmerer und ihre Mitarbeiter: das Erstellen von Bilanzen, die Bewertung von Vermögen, das Formulieren von Zielen und Kennzahlen für den öffentlichen Haushalt - alles Controllingaufgaben.

„Damit werden sich die Einsatzmöglichkeiten für Betriebswirte und Absolventen anderer Wirtschaftsstudiengänge in Kommunen verbessern“, sagt Christiane Wenner, Referentin für Finanzmanagement der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt). Bisher gibt es nur vereinzelt kommunale Controller, meist in größeren Städten. Ansonsten werden die Controllingaufgaben vom Kämmerer oder von anderen Verwaltungsmitarbeitern mit übernommen. Für Kommunen mit mehr als 50.000 Einwohnern aber lohnt sich Experten zufolge der Einsatz eines Controllingfachmannes auf jeden Fall.

In Rauenberg mit seinen gerade mal 7.700 Einwohnern war an einen eigenen Controllingfachmann nicht zu denken, so dass Kämmerer Manuel Just den Controllerjob in Personalunion ausüben musste. Dass er während seines Studiums an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl auch Controllingvorlesungen besucht hatte, kam ihm dabei sehr zugute. Die erste Aufgabe nach der Revolution von Rauenberg forderte dem Verwaltungswirt schon einiges ab: In einer Vermögensbilanz erfasste er erstmals, wie viel die Gebäude der Gemeinde - etwa Schulen oder Sporthallen - sowie die Grundstücke und die anderen Vermögensanlagen wert sind. Auf der Minusseite notierte er die Verbindlichkeiten der Gemeinde.

Diese doppelte Buchführung in Konten (Doppik) löst das alte kommunale Rechnungswesen (Kameralistik) ab, in dem nur das Geld gezählt wurde, das die Kommunen einnehmen und ausgeben. Das neue Rechnungswesen hingegen berücksichtigt alles, was die finanziellen Ressourcen einer Gemeinde verändert. Wird zum Beispiel ein neuer kommunaler Beamter eingestellt, zählt jetzt nicht mehr nur dessen Gehalt als Kostenpunkt. Im neuen System taucht auch die Pension auf, die dem Beamten später einmal zusteht. Und bei einer Mülldeponie etwa müssen von Anfang an die Kosten für die spätere Rekultivierung im Haushalt eingeplant werden.

Die zweite große Controllingaufgabe ist der sogenannte Produkthaushalt: Kommunen sollen zukünftig wie jedes Unternehmen in der freien Wirtschaft ihre Leistungen als Produkte anbieten - etwa die „Bereitstellung von allgemeinbildenden Schulen“ oder das „Verkehrswesen“. Für jedes Produkt muss der Controller Ziele und Kennzahlen formulieren, an denen Leistung und Kosten später abgelesen und gemessen werden können. Mit diesen Daten haben es Controller leichter, das Budget zu überwachen oder eine Bilanz zu erstellen.

„Es empfiehlt sich, einen Controller bereits früh im Rahmen der Einführung neuer kommunaler Steuerungssysteme zu beteiligen“, sagt Matthias Specht, der in der Kämmerei der Stadt Frankfurt am Main als Projektleiter für die Einführung der Doppik zuständig ist. Nur dann nämlich sei es ihm möglich, das neue System von Anfang an erfolgreich mitzugestalten. Bevor Betriebswirt Specht zur Stadt Frankfurt wechselte, arbeitete er als Controller in einem größeren mittelständischen Unternehmen.

Anfangs war es für ihn nicht leicht, die Zusammenhänge in der großen Verwaltung zu durchschauen. Denn die sind oft komplizierter als in einem Unternehmen mit überschaubarem Angebot. „Eine kommunale Verwaltung bietet eine Reihe sehr unterschiedlicher Leistungen für den Bürger an“, sagt Specht und rät deswegen allen angehenden kommunalen Controllern, unbedingt ein Praktikum im öffentlichen Dienst zu machen.

Henry Kussauer ist genau den umgekehrten Weg gegangen - er wechselte vom öffentlichen in den privaten Sektor. Der 30-Jährige hat an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Dortmund unter anderem die Fächer Verwaltungsrecht, Betriebswirtschaft und Finanzwesen studiert. Nach seiner Ausbildung zum Diplom-Verwaltungswirt arbeitete er zunächst sieben Jahre für die Stadt Dortmund,
erst im Bauordnungsamt, dann im IT-Bereich und später als Dezernent für Finanzen, Personal und Organisation - in der Stabsstelle Controlling. Seit Oktober ist Kussauer nun beim Beratungsunternehmen Steria Mummert Consulting beschäftigt. Seine Aufgabe dort: Kommunen bei der Umstellung auf den neuen Haushalt zu helfen.

Kussauers aktuelles Projekt ist die Stadt Kiel. Als Teil eines dreiköpfigen Beraterteams hat er unter anderem die Aufgabe, das Berichtswesen, in dem etwa Mittel und Maßnahmen festgehalten werden, zu konzipieren. Dafür liefert er der Stadt Vergleichszahlen aus anderen Städten, etwa die Kosten von Theatern. Damit können seine Kunden einordnen, ob sie mit ihren Kalkulationen richtigliegen. Kussauer und seine Kollegen entwickeln das Controllingkonzept, die spätere Umsetzung aber übernehmen dann städtische Mitarbeiter in Kiel.

Manuel Just, der Pionier der doppelten Buchführung im Rathaus, ist übrigens inzwischen nicht mehr Kämmerer von Rauenberg. Er hat sich im 30 Kilometer entfernten Hirschberg zur Bürgermeisterwahl gestellt und sie gewonnen. Mit dem Doppik-Umsturz kann er sich an seiner neuen Wirkungsstätte aber noch etwas Zeit lassen: In Hirschberg soll das neue Rechnungswesen erst 2011 eingeführt werden.

Die wichtigsten Ausbildungsgänge für Kommunalcontroller

Verwaltungswissenschaften bzw. Politik- und Verwaltungswissenschaften
Die Ausbildung bereitet auf die Arbeit in einer öffentlichen oder privaten Verwaltung vor.
- Uni Konstanz
- Uni Potsdam

Verwaltungswirtschaft
Das Studium hat eine stärker ökonomische Ausrichtung als die Verwaltungswissenschaften. Hauptbestandteile sind Rechtswissenschaften sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften.
- FH Bremen
- Hochschule Harz in Wernigerode

Public Administration
Studieninhalt sind Ökonomie, Recht und Sozialwissenschaften. Das Studium soll auf Managementaufgaben in der Verwaltung oder in sonstigen öffentlichen Einrichtungen vorbereiten.
- FH Frankfurt am Main

Public Management
Das Studium hat ähnliche Inhalte wie „Public Administration“, ist aber teilweise stärker auf die privatwirtschaftliche Tätigkeit im öffentlichen Sektor, zum Beispiel in Beteiligungen, ausgerichtet.
- FH für Verwaltung und Rechtspflege Berlin
- FH Frankfurt am Main
- FH Osnabrück
- Zeppelin-Universität in Friedrichshafen

Studium an einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung
Diese Fachhochschulen arbeiten mit den Landes- und Kommunalverwaltungen zusammen. Ein Studium hier ist verbunden mit der Pflicht zum Dienst in der öffentlichen Verwaltung.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 62
Bildmaterial: Anke Kuhl, Labor