12. November 2009

Vernetzte Branchen

Frauen suchen Frauen aus

Von Gunda Achterhold



Patricia von Unruh, Mentorin beim Münchner Cross-Mentoring-Programm...
31. Januar 2005 
Bloß nicht Wegducken: Das Münchner Cross-Mentoring-Programm stärkt dem weiblichen Führungsnachwuchs erfolgreich den Rücken - und eröffnet Mentoren einen Blick in ganz neue Unternehmenswelten.

Die „gläserne Decke" ist ein feststehender Begriff. Gemeint ist eine unsichtbare Mauer, an die Frauen irgendwann im Laufe ihrer Karriere stoßen und die sie nicht durchdringen können. Gläsern deshalb, weil sie selten deutlich sichtbar ist. „Die wenigsten Männer in Führungspositionen bauen bewußt Barrieren auf", sagt Patricia von Unruh, die als Abteilungsleiterin bei der Deutschen Bank in München für den Bereich Capital Market Sales in Bayern zuständig ist. „Unbewußt ist dieses Verhalten allerdings noch sehr stark da", stellt sie fest, „das hat einfach damit zu tun, daß sich Führungskräfte eher gleichgeschlechtliche Ebenbilder suchen, um sie zu fördern." Kurz: Männer suchen Männer aus.

...und ihre Mentee. Pia Schoester.

Hier setzt das Münchner Cross-Mentoring-Programm an, das in diesem Jahr erfolgreich in seine vierte Runde gegangen ist. Im Gegensatz zum Mentoring im eigenen Unternehmen werden bei dem Münchner Projekt zur Förderung weiblicher Führungskräfte Mentoren und Mentees aus unterschiedlichen Branchen und Konzernen zusammengeführt. Über ein Jahr werden Karriereschritte gemeinsam überdacht, diskutiert und begleitet. Die Tandems aus Mentor und Mentee lernen auf diese Weise ganz unterschiedliche Firmenkulturen kennen - und können offen reden, ohne die leise Befürchtung hegen zu müssen, der Vorgesetzte könne vielleicht doch von gelegentlich höchst persönlichen Fragen und Problemen erfahren.

Beim ersten Durchlauf 2001 waren mit der Allianz, der Deutschen Bank, der Deutschen Telekom und der Fraunhofer Gesellschaft vier Unternehmen am Projekt beteiligt, heute sind es bereits vierzehn. Entwickelt wurde die Idee vom Team Cross Consult, hinter dem mit Nele Haasen, Simone Schönfeld und Nadja Tschirner in der Branche etablierte Beraterinnen stehen. Das Münchner Wirtschaftsreferat hatte das Mentoring-Programm in der Entstehungsphase gefördert, mit einer Konzeptfinanzierung und dem Rathaussaal für eine repräsentative Einführungsveranstaltung. In Zukunft soll das erfolgreich eingeführte Konzept auch über die bayerische Landeshauptstadt hinaus angeboten werden.

„Die wenigsten Männer in Führungspositionen bauen bewußt Barrieren auf."

Allein aus den Teilnehmerinnen der ersten drei Runden hat sich bereits ein reges Netzwerk entwickelt, bei einem Mentee-Stammtisch können Erfahrungen ausgetauscht werden. Während sich das Förderprogramm ausschließlich an weibliche Nachwuchskräfte richtet, sind die meisten der Mentoren Männer. „In den Gesprächen wird einem ein Spiegel vorgehalten", sagt Klaus Diefenbach, Leiter der Personalbetreuung und -qualifizierung der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH in München. „Es kommen Situationen zur Sprache, die man als Führungskraft manchmal selbst schon verursacht hat." Die Mitarbeit bei der zweiten Runde des Münchner Cross-Mentoring-Programms habe ihn sensibilisiert für eine gelegentlich spezifisch weibliche Wahrnehmung. „Es dreht sich dabei häufig um Fragen des Verhaltens", erklärt er. Etwa um die Kommunikation unangenehmer Mitteilungen: Wie teilt man negative Entscheidungen auf Führungsebene mit? Wie kommen sie beim Gegenüber an? Auch als Mentor habe er von diesen Gesprächen profitiert. „Was den Themenkreis Frau, Beruf und Lebensplanung betrifft, habe ich Einblicke erhalten, die man in dieser Offenheit bei den eigenen Mitarbeitern gar nicht mitbekommt."

„Sich selbst etwas zuzutrauen, ist das größte Problem der Frauen."

„Männliche Führungskräfte werden in diesem Projekt bewußt mit den Problemen der Mentees konfrontiert", unterstreicht auch Patricia von Unruh. „Auf diese Weise kann man einen Umdenkungsprozeß erreichen." Für die zweite Runde des Programms ist auch sie in die Beraterrolle geschlüpft. Ihr Schützling, die promovierte Chemikerin Pia Schoester, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fraunhofer Gesellschaft in der Patentstelle für die Deutsche Forschung. „Das ist natürlich eine ganz andere Welt", räumt die Mentorin lachend ein. Für Pia Schoester war es positiv, daß ihr bei Entscheidungen jemand von außen, ohne „FhG-Brille", objektiv zur Seite stehen konnte.

Die beiden Frauen pflegen ein freundschaftliches Verhältnis auf gleicher Augenhöhe. „Es sollte auf jeden Fall eine partnerschaftliche Beziehung sein", bestätigen beide, wobei die Mentee die Richtung vorgebe. Auch nach dem offiziellen Ende ihres Tandems führen sie den Kontakt auf lockerer Basis weiter. Etwa einmal im Monat haben sie sich während des Jahres getroffen, im Büro oder auch mal zum Essen. „Es ging selten um rein fachliche Themen, sondern zunehmend um spezielle berufliche Fragestellungen und Situationen", beschreibt Schoester die Gespräche zwischen Mentee und Mentorin.

Die 43 Jahre alte Wissenschaftlerin hat ihrem Vorgesetzten allein durch die Teilnahme am Cross-Mentoring-Programm signalisiert, daß sie Karriereschritte anstrebt. Für die Chemikerin hat das Projekt einen ganz konkreten Wert gehabt. „Ich habe viele Ideen, die wir besprochen haben, auch gleich umgesetzt." Pia Schoester geht heute selbstbewußter und gleichzeitig lockerer mit beruflichen Herausforderungen um. „Die Gespräche haben mir gezeigt, daß ich auf dem richtigen Weg bin - und daß meine Vorstellungen und Ideen genau richtig sind. Dieses Feedback war mir wichtig." Mangelndes Selbstbewußtsein ist auch für Mentorin von Unruh ein wichtiger Punkt. Seit Jahren macht sie sich firmenintern für den weiblichen Führungsnachwuchs stark und hat bereits an diversen informellen Netzwerken gestrickt. „Sich selbst etwas zuzutrauen, ist das größte Problem der Frauen", unterstreicht die Abteilungsleiterin. Frauen neigten nach wie vor dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu relativieren. Ihre bislang einzige Mentee hat sich auf jeden Fall weiterentwickelt. „Ich dachte immer, ich dürfte mich nicht so in den Vordergrund stellen", sagt Pia Schoester rückblickend, um mit einem selbstbewußten Lachen festzustellen: „Das sehe ich jetzt anders!"

Infos zum Münchner Cross-Mentoring-Programm:

Cross Consult Nele Haasen Demmelweg 4 82054 Sauerlach-Arget Tel.: 0 81 04/64 70 70 Fax: 0 81 04/64 70 58 nele.haasen@crossconsult.biz http://www.crossconsult.biz

Text: Hochschulanzeiger Nr. 76, 2005
Bildmaterial: Privat