13. Oktober 2009 International und interdisziplinär zusammengesetzte Teams, die unter extrem hohem Zeit-, Kosten- und Leistungsdruck arbeiten - so sieht heute der Arbeitsalltag in Forschungsabteilungen aus. Gefragt sind deshalb kommunikative Teamplayer, die vor administrativen Aufgaben nicht zurückschrecken. Wirtschaft, Unis und Forschungsorganisationen reagieren mit fachlicher und organisatorischer Vernetzung.
Ob auf medizinischem, physikalischem, geisteswissenschaftlichem oder technischem Gebiet: Geforscht und entwickelt wird überall. Doch längst nicht alle Bereiche geben gleich viel Geld für ihre Forschung aus. In der Wirtschaft rühmt sich die Autoindustrie ihrer Spitzenposition. Knapp 19 Milliarden Euro investierte sie letztes Jahr und damit fast doppelt so viel wie die Elektroindustrie. Allein die zwei Spitzenreiter schulterten 2008 die Hälfte aller F&E-Investitionen, die laut Stifterverband für die deutsche Wirtschaft bei 57 Milliarden Euro lagen. Chemiebranche und Maschinenbau waren ebenfalls überdurchschnittlich an den Ausgaben beteiligt.

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Dabei stellt sich die Frage, wem es angerechnet wird, wenn ein Chemieunternehmen Autolacke entwickelt, ein Elektronikbetrieb Steuergeräte für Maschinen oder ein IT-Unternehmen Leitwarten für Anlagen. Und welche Ausgaben werden konkret auf die Kostenstelle Forschung gebucht? Zwar gibt es dafür internationale Standards. Doch wo rechnet eine Pharmabranche Ausgaben für internationale Arbeitsgruppen ab? Zählt das Ausrichten von Tagungen dazu? Der Bau neuer Entwicklungsstandorte, Ausstattung?
Die Fragen sind schwierig zu beantworten, sagt Dr. Katharina Jansen, Sprecherin für Wissenschaft und Forschung bei der Bayer AG. Bei Auslandskooperationen hänge vom Vertrag ab, wer sie finanziere. Aufzudröseln, wo wie viel für F&E ausgegeben werde, sei ebenso kompliziert wie die thematische Abgrenzung. So ist Marktforschung bei Bayer Aufgabe des Marketings, ebenso wie gemeinsame Entwicklungen mit Kunden bei neuen Materialien, aber Arzneimittelstudien aller Phasen zählen zur Forschung.
Einfacher ist es beim F&E-Personal. Über die Hälfte davon beschäftige Bayer in Deutschland und rund zwei Drittel innerhalb der EU. Die Personalausgaben sind laut Jansen neben den Infrastrukturausgaben der größte Posten im 2,9 Milliarden Euro schweren F&E-Etat des Konzerns.
Die Schwierigkeiten geben Antworten darauf, was Forscher und Entwickler können müssen. Denn Ursache des schwammigen Bildes ist die hohe organisatorische und fachliche Komplexität der Forschungslandschaft. Ohne Chemiker keine Autos, ohne Maschinenbauer keine Plastikkanüle und ohne Physiker weder Lasermaschine noch optische Messverfahren. Um heute Technologien zur Marktreife zu bringen, rücken Disziplinen zusammen, bilden sich überregionale, branchenübergreifende Netzwerke und arbeiten High Potentials mit Arbeitern und Anlagenfahrern zusammen. Dünkel geht gar nicht, so Robert Eckl, der als promovierter Elektrotechniker bei Linde Engineering forscht und entwickelt. Vielmehr sei Offenheit gefragt und die Bereitschaft, Ideen und Hinweise von Einkäufern, Vertrieblern und Projektmanagern ebenso aufzugreifen wie Tipps von Meistern, Anlagenfahrern oder technischen Zeichnern.
Kooperation über nationale, organisatorische und hierarchische Grenzen hinweg prägt auch die staatliche Forschungsförderung. Der Staat unterstützt den Aufbau von Netzwerken und regionalen Clustern, um spezialisierte Mittelständler und Konzerne mit Wissenschaftlern von Hochschulen und privaten Forschungseinrichtungen zusammenzubringen. Auch die Förderer selbst handeln im Rahmen der High-Tech-Strategie ressort- und politikfeldübergreifend, was laut aktuellem Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation einen positiven Effekt auf die Effizienz der nationalen Forschungs- und Innovationspolitik hat.
Der positive Trend kommt auch im Arbeitsmarkt an. Im Jahr 2007 waren mehr Mitarbeiter als je zuvor in Forschungseinrichtungen und Hochschulen mit F&E befasst. Seinerzeit entsprach die Kapazität laut BMBF 179.000 Vollzeitstellen. Kurz vor dem Konjunkturabsturz Ende 2008 prognostizierte das Ministerium wegen der positiven Haushaltsentwicklung 2008 und 2009 eine weitere Steigerung um 20.000 bis 30.000 Beschäftigte. Einiges spricht dafür, dass die Prognose trotz grundlegend neuer Vorzeichen eingetreten ist. Denn die Konjunkturpakete und langfristige Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern spülten zuletzt weitere Gelder in Hochschulen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Forschungsorganisationen. Dank finanzieller Planungssicherheit haben sie Luft, um junge Wissenschaftler einzustellen.
Von Einsteigern im Wissenschaftsbetrieb wird neben fachlicher Exzellenz das Mitwirken in der Administration verlangt. Wer es versteht, Förderanträge zu stellen, Drittmittel zu werben und Führungsaufgaben zu übernehmen, hat derzeit trotz aller Befristungen gute Aussichten auf eine Karriere im Forschungsbereich.
Und in der Wirtschaft? Bis Ende 2008 gab es auch hier einen steten Anstieg bei den F&E-Stellen. Rund 322.000 waren es laut Stifterverband zuletzt - 6 Prozent mehr als 2005. Die Krise dürfte den Anstieg vorerst gestoppt haben. Zwar behaupten viele Unternehmen, ihre F&E ungebrochen weiterzuführen. Doch hinter vorgehaltener Hand räumen Personaler ein, dass auch hier nur noch die nötigsten Stellen besetzt werden. Und auch nur dann, wenn sich absolute Überflieger bewerben. Was solche Überflieger ausmacht? Fachliche Exzellenz, längere Auslandsaufenthalte, um sprachliche und interkulturelle Kompetenz für zunehmend internationale Zusammenarbeit aufzubauen, Teamgeist und eine möglichst interdisziplinäre Ausrichtung. Und weil Unternehmen nicht für Veröffentlichung in Wissenschaftsmagazinen forschen und entwickeln, sondern mit innovativen Produkten Märkte erobern wollen, sollten sie hellwachen Unternehmergeist mitbringen.