11. Oktober 2008

Der Traum vom eigenen Label

Die jungen Modemacher von Berlin

Von Mechthild Bruns



20. März 2006 Rund 350 selbständige Modedesigner leben und arbeiten in Berlin, und es werden immer mehr. Doch wie etablieren junge Kreative ihre Marken in Zeiten, in denen ein rückläufiger Bekleidungsmarkt mit Billigware aus China überschwemmt wird?

Für Guido Bednarz war die Maueröffnung ein Schock. Noch zu DDR-Zeiten hatte der Absolvent der FHTW in Friedrichshain einen eigenen Laden durchgeboxt, um selbstentworfene und -geschneiderte Kollektionen zu verkaufen. Als er dann die Modevielfalt Westberlins sah, erdrückte ihn das Angebot. „Es gab ja schon alles“, erinnert er sich, „für jeden Stil eine Ladenkette.“

Bednarz hat dennoch weitergemacht. Heute betreibt er ein Ladenatelier in der Berliner Auguststraße. Die Mäntel, Kostüme oder Anzüge dort sind alle selbstentworfen und von ihm und seinen Schneidern im Laden genäht. Dafür sind die Preise vergleichsweise moderat: Viele Stücke liegen zwischen 200 und 300 Euro. Das hängt mit Bednars Geschäftskonzept zusammen. Er macht nicht viel Tamtam um seine Kollektionen, die Selbstdarsteller der Modeszene sind ihm zuwider. Der Designer setzt auf handwerkliche Qualität, pflegt einen sachlichen Stil und hat sich so eine treue Stammkundschaft aufgebaut.

Die Wendeerfahrung des Berliner Designers ist auf heutige Modegründer übertragbar. Modeläden und Kaufhäuser bersten vor billiger Kleidung, die meist in China genäht wird. Es gibt praktisch alles. Die seit Jahren anhaltende Misere im Bekleidungsgewerbe macht es Neuanfängern nicht eben leichter. Bis 2007 schrumpfe der Modemarkt weiter, prognostiziert die Deutsche Industriebank. Der Abwärtstrend hat auch große Teile der Berliner Bekleidungsindustrie fortgerissen. Von 1.400 Stellen bleiben ganze 350 übrig. Gab es 1998 noch 15 Textilbetriebe mit über 20 Beschäftigten, sind es heute nur noch drei.

Kein gutes Pflaster, um ein eigenes Geschäft aufzubauen. Und doch. In Berlin geht was. Im gleichen Atemzug mit dem Niedergang der traditionellen Industrie etabliert sich in der Hauptstadt eine bunte Szene junger Modedesigner. Über 350 sind es bereits, Tendenz steigend.

„Wenn schon knüppeln, dann für mich selbst.“

Gerade in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain wimmelt es von Läden und Ateliers, in denen die Modeschöpfer hart daran arbeiten, eigene Labels aufzubauen. Manche haben das geschafft - etwa Daniela Biesenbach und Carl Tillessen. Seit ihrer ersten Kollektion 1998 heimste ihre „Firma“ diverse internationale Modepreise ein und gilt als das Aushängeschild des jungen deutschen Modedesigns. Ihren Laden in Mitte nennen die beiden Erfolgsdesigner ihren Flagship-Store - und so sieht er auch aus. Kein chaotisches Atelier von Kruschtlern, sondern das Schaufenster eines erfolgreichen Modeunternehmens.

Das rauhe, unfertige Berlin der 90er hat einige international anerkannte Modeschöpfer hervorgebracht. Und die Szene hat ständig neuen Input. Allein die sieben Berliner Mode(hoch)schulen bringen laufend neue Modeabsolventen hervor, von denen viele ihr Glück in der Selbständigkeit suchen. Zudem zieht die Spreemetropole Kreative aus aller Welt an. Sie alle träumen vom eigenen Label. Doch nur wenige können sich diesen Traum erfüllen. „Das Modegeschäft ist sehr hart“, sagt Esther Perbandt. Nach dem Studium an der Berliner Universität der Künste (UdK) schloß sie ein Aufbaustudium am Institut Français de la Mode in Paris an und fand anschließend als Designerin zum Prêt-à-porter-Label Chacok. „Der Druck und die Arbeitsbelastung dort waren enorm“, berichtet sie. Oft arbeitete sie 16 Stunden am Tag. Ein freies Wochenende gab es selten. Irgendwann beschloß sie, „wenn schon knüppeln, dann für mich selbst“. Seit 2003 baut sie nun ihr eigenes Label in Berlin auf. Um ihr Leben zu finanzieren, arbeitet sie nebenher für die Jeansmarke Mustang. Das Label läuft, ihre Kollektionen kommen gut an, und die Einnahmen sprudeln schon. Doch noch sind die Ausgaben für Stoffe, Schneider und Messeauftritte höher. Ein Zuschußgeschäft also. Doch Perbandt sieht Licht am Ende des Tunnels. Dieses Jahr rechnet sie zumindest mit einer ausgeglichenen Bilanz.

Messeteilnahmen sind das A und O für junge Modedesigner, denn hier treffen sie ihre Kunden. Vor der Anmeldung sollten sie allerdings genau prüfen, ob ihre Kollektionen zur Messe passen. Häufig kostet schon die Standgebühr 5.000 Euro. Dazu kommen Anreise, Unterkunft, Standdekoration und seriös gestaltetes Werbematerial. „Da sind leicht 10.000 Euro weg“, erklärt Franziska Schwarz vom Label „Hut up!“. Deshalb rät sie jungen Designern, ihre Kollektionen vor dem Messeauftritt möglichst vielen Experten zu zeigen und sich des Zuspruchs anderer zu vergewissern: „Wer etwas verkaufen will, darf einfach keine Angst davor haben, damit rauszugehen und es zu zeigen.“

Mit seinem Modecluster in der östlichen Mitte ist Berlin nicht nur für Messevorbereitungen ein guter Standort. Perbandt hat am Prenzlauer Berg viele befreundete Designer um die Ecke. „Klar gibt es auch Konkurrenz, doch wir helfen uns gegenseitig sehr oft“, sagt sie. Sie selbst stellt auf zwei Messen im Jahr aus. In Paris und in Berlin. Hier haben sich inzwischen drei große Messen mit viel Fachpublikum etabliert. Neben Bread & Butter, die seit 2001 in der Hauptstadt residiert und sich junge Mode auf die Fahne schreibt, gibt es die Premium Exhibitions für hochwertige Designerware und die „B in Berlin“ mit Freizeitmode. Daneben sprudelt die Szene vor Eigeninitiative, um ihre Mode vorzustellen. Ob im eigenen Laden, im „Berlinomat“ (ein Laden von Designern für Designer in der Frankfurter Allee) oder im „temporären Verkaufsraum“ des Netzwerks „Berlinerklamotten“. Auf jeweils befristet angemieteten Ladenflächen stellten Berliner Modedesigner darin für einige Wochen ihre Kollektionen aus.

Trotz solcher Aktionen sind die großen Modemessen in Paris oder Mailand ein Muß. Ein guter Auftritt will allerdings durchdacht und vorbereitet sein - was selbst Könnern nicht immer gelingt. Trotz ihrer Erfahrungen in der Pariser Modeszene lag Esther Perbandt schon einmal daneben. Am Ende der Messe hatte sie nicht ein einziges Stück verkauft. Ein herber Rückschlag. Doch sie weiß: „Um sich am Markt durchzusetzen, braucht es viel Selbstvertrauen, ein gewisses finanzielles Polster und vor allem einen langen Atem.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 83, 2006
Bildmaterial: Fiedler
 
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