Africa Cup

Im Land der Pyramiden halten auch die Stadien

Von Christian Eichler

19. Januar 2006 Diskussionen um Stadionsicherheit? Undichte Dächer? Schwankende Tribünen? Abgesagte Galas? Nein, es gibt auch Ausrichter von Fußball-Großereignissen 2006, die vor dem Anpfiff ohne Skandale auskommen. Sie sitzen in Ägypten.

Mit Sicherheit und Haltbarkeit von Immobilien kennt sich das Land der Pyramiden seit Jahrtausenden aus. So hat man sechs Stadien in vier Städten grundlegend renoviert, allen voran das "International Stadium" in Kairo, in dem an diesem Freitag 71.000 Zuschauer die Partie Ägypten gegen Libyen erleben werden als Auftakt zum 25. "Africa Cup of Nations".

Hort unzähmbarer Spielfreude

Die Afrikameisterschaft wird traditionell gern als Gegenentwurf zum gut organisierten, professionell gestalteten, zum gezähmten europäischen Fußball gesehen; als Hort unzähmbarer Spielfreude des ärmsten Kontinents. Doch dieses Jahr dürfte das Turnier so europäisch daherkommen wie nie. Die Ägypter bemühen sich, ihre Organisation europäischem Standard anzunähern - die Spielweise der meisten Teams tut es ohnehin. Weil immer mehr afrikanische Profis für europäische Topklubs spielen und viele Nationalteams von Europäern trainiert werden, wird das Niveau des Turniers und damit des afrikanischen Fußballs höher eingeschätzt denn je. Fifa-Präsident Joseph Blatter, der einen Großteil seiner Hausmacht auf dem schwarzen Kontinent hat, machte sich dort am Mittwoch weiter beliebt, als er in Kairo eine Aufstockung des afrikanischen WM-Kontingents für 2010 von fünf auf sechs Starter in Aussicht stellte.

Dennoch, ein paar kleine kontinentale Unterschiede bleiben. Etwa in der durchschnittlichen Haltbarkeit von Trainern. Von den 16, die bei der letzten Afrikameisterschaft 2004 im Amt waren, ist bis heute nur einer nicht gefeuert worden, nämlich der, der das Turnier gewann: der Franzose Roger Lemerre. Er darf seinen Titel mit Tunesien nun verteidigen. Alle, die den Titel nicht gewannen, verloren den Job. Diese Drohung schwebt selbst über den Kollegen, die mit der erstmaligen WM-Qualifikation ihrer Teams schon einen Riesenerfolg vorzuweisen haben. So weiß Lemerres Landsmann Henri Michel, daß der Africa Cup zwar nicht seinem Team, der Elfenbeinküste, aber doch ihm selbst die WM-Teilnahme noch vermasseln kann. Er wurde schon zweimal nach einer Afrikameisterschaft entlassen, 2000 von den Marokkanern und 2002 von den Tunesiern, mit denen er eigentlich vier Monate später zur WM wollte.

Bundesliga gut vertreten

So könnte Ägypten mehr als nur die erste und größte Generalprobe des WM-Jahres werden, nämlich für manchen Trainer die persönliche WM-Qualifikation. Alle fünf afrikanischen WM-Starter sind vertreten, neben Tunesien die WM-Debütanten Angola, Togo, Ghana und die Elfenbeinküste (mit Chelsea-Torjäger Didier Drogba). Als Favoriten gelten aber eher die, die den Start in Deutschland verpaßten und sich dafür nun entschädigen wollen: Kamerun (mit Barcelonas Star Samuel Eto'o), Nigeria, Senegal oder Gastgeber Ägypten.

Aus der Bundesliga sind neun Spieler vertreten. Sollten ihre Teams das Finale am 10. Februar erreichen, könnten sie vier Klubspiele verpassen. Es sind die Hamburger Atouba (Kamerun) und Demel (Elfenbeinküste), die Wolfsburger Sarpei (Ghana) und Thiam (Guinea), die Nürnberger Chedli und Mnari (beide Tunesien), der Bielefelder Zuma (Südafrika), der Kölner Sinkala (Sambia) und der Dortmunder Neuzugang Amoah (Ghana). Wie üblich gaben die Klubs ihre Spieler mit knirschenden Zähnen ab. Der Nürnberger Trainer Hans Meyer nannte die Abstellung seiner Tunesier "eine mittlere Katastrophe".

Torjäger aus der Bezirksliga

Wegen des Termins mitten in der Klubsaison wird die Afrikameisterschaft alle zwei Jahre zum Ärgernis für europäische Klubtrainer - die denn auch schon allerlei versuchten, um ihre Spieler, trotz der Verpflichtung durch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa), in Europa zu behalten. "Man weiß ja, wie das funktioniert", sagte vieldeutig der Serbe Ratomir Djukovic, der Ghana trainiert. "Ein Spieler kann ,verletzt' sein, und die medizinische Abteilung bestätigt das." Jose Mourinho, Trainer des FC Chelsea, hatte es bei Djukovic erst mit dem Angebot probiert, Michael Essien zwischen Einsätzen für Ghana per Chelsea-Privatjet zu Spielen in die Premier League hin und zurück zu fliegen. Djukovic lehnte ab. Dann verletzte sich Essien, seit seinem 38-Millionen-Transfer von Lyon nach London teuerster afrikanischer Kicker, am Sprunggelenk und mußte absagen.

Den Versuch, den zehnten "deutschen" Afrikaner vom Start abzubringen, hat sein Klub erst gar nicht unternommen, obwohl er daheim wohl ein noch größeres Loch reißt als die neun Bundesliga-Akteure bei ihren Klubs. Denn Sherif Toure, der im Kader von Togo als Cougbadja Sherif geführt wird, schießt seine Tore, wenn er nicht gerade beim Africa Cup ist, für Concordia Ihrhove in der ostfriesischen Bezirksliga.



Text: F.A.Z. vom 20. Januar 2006
Bildmaterial: AP

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