Hooligans

Die polnische Front

Von Olaf Sundermeyer, Danzig

Kampfszenen im Stadion: Zabrze im März 2006

Kampfszenen im Stadion: Zabrze im März 2006

02. Juni 2006 Für einen, der die berufsmäßigen Bedenkenträger im Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft in Angst und Schrecken versetzt, hat Marek ein recht gesundes Verhältnis zu seinem massigen Körper. „Laßt mein Bier mal im Kofferraum, ich muß doch auf meinen Hund aufpassen“, sagt der 24 Jahre alte Student im Kreise dreier Hooligan-Freunde - und schiebt grinsend das rechte Hosenbein nach oben. Ein frisch tätowierter Pitbull auf der Wade wird enthüllt, dem die kleinen Blutstropfen noch von den gefletschten Zähen perlen. Jetzt Alkohol zu trinken wäre gefährlich: Bloß nicht krank werden, schließlich geht es in ein paar Tagen in den Urlaub nach Deutschland.

Darauf freuen sich Marek und seine Danziger Kumpels schon lange, besonders auf das Vorrundenspiel der Gruppe A, Deutschland gegen Polen am 14. Juni in Dortmund. Tickets haben sie keine, Marek, Dariusz und zwei weitere Männer, die zuhören, aber nicht reden wollen hier beim konspirativen Treffen in einem Buchenwald an der Ostsee. Auch Übernachtungen haben sie nicht gebucht. In deutschen Wäldern, auf Feldern oder in Parks wollen sie sich mit Gleichgesinnten aus ganz Europa zum Kampf treffen. „Bei der WM wird man schon noch über polnische Hooligans reden“, tönt Marek.

Polnische Regierungsinszenierung

Ihr Ruf eilt ihnen voraus. In den Wochen vor der Weltmeisterschaft sind häßliche Nachrichten aus Polen über die Grenze geschwappt: In Krakau erstachen nach dem Lokalderby Cracovia-Hooligans einen Wisla-Fan in Krakau, in Warschau verwüsteten nach dem letzten Saisonspiel Anhänger von Legia die Innenstadt, 231 wurden festgenommen, in Kattowitz wurden bei Ausschreitungen 14 Polizisten verletzt.

Das Medienecho in Deutschland hat die polnische Regierung aufgeschreckt: Sie verbreitet seit Wochen Zahlen von Polizeieinsätzen, Mannschaftsstärken und Einsatzkosten, die niemand überprüfen kann. Offizielle Anfragen nach der Weitergabe von Daten über auffällig gewordene Fußballrowdies an deutsche Behörden werden mit dem Verweis darauf beantwortet, daß doch die Daten derjenigen, die über den polnischen Fußballverband PZPN Tickets gekauft haben, weitergeleitet würden.

Hauptdarsteller in der Regierungsinszenierung von Entschlossenheit und Stärke ist der 36 Jahre alte ehrgeizige Justizminister Zbigniew Ziobro von der Partei Recht und Gerechtigkeit, der im persönlichen Gespräch leidenschaftlich für die Wiedereinführung der Todesstrafe plädieren kann. Gegen die Hooligans, die „Banditen und Pseudofans“, hat er eine 24-Stunden-Schnellgerichtsbarkeit vorgeschlagen und die Verlegung von Grenztruppen aus Ostpolen an die deutsche Grenze.

Im Epilog ein friedliches Fußballfest

Dort, am Übergang Kolbaskowo-Pomellen in der Nähe von Stettin, steht Jacek Ogrodowicz und wartet auf die unerwünschten polnischen Deutschland-Urlauber. Major Ogrodowicz von der polnischen Grenzwacht hat diesen strengen prüfenden Blick. Welches Gesicht aber das typische Gesicht eines Hooligans ist, können die Kontrolleure nur sehr schwer einschätzen. Möglicherweise ist der Grenzbeamte Marek und einigen von dessen einschlägig vorbestraften Kumpels auch schon begegnet, ohne daß man voneinander wußte. Schließlich überqueren sie diesen beliebten Übergang öfter - mal mit Frau und Kind, um Freunde in Berlin zu besuchen, mal auf dem Weg zu einem Bundesligaspiel. Nach Bremen etwa, „weil Werder so einen schönen Fußball spielt“, sagt Dariusz, 29 Jahre alt, Familienvater, Außendienstler eines Süßwarenherstellers.

„Wie sollen wir garantieren, daß diese Jungs nicht über die Grenze kommen?“ fragt Major Ogrodowicz ratlos. Das hier sei schließlich Europa. Im übrigen stören den gereizten Offizier auch die ewigen Fragen nach der Hooligan-Datei, in der all jene aufgeführt sein sollten, die im Gastgeberland der WM nicht willkommen sind. In Großbritannien etwa sind bei der Polizei 3286 Fußballschläger registriert, die ab sofort ein Ausreiseverbot haben. „Natürlich haben wir so eine Datei, aber wie die funktioniert, kann ich Ihnen nicht sagen, das ist geheim“, sagt der Grenzer.

Im übrigen habe er erwartet, daß ihm Fragen nach der „erfolgreichen Übung“ gestellt werden, die seine Leute gemeinsam mit den deutschen Kollegen durchgeführt hätten. Die lief folgendermaßen ab: 40 grölende Hooligan-Statisten rollen in ihrem Reisebus auf die Grenze zu und randalieren bei der Personenkontrolle. Der Bus wird mit Gewalt von den Grenzbeamten geräumt, die Hooligan-Statisten werden festgenommen. Im Epilog feiert Deutschland ein friedliches Fußballfest.

„Die einen gehen ins Kino, wir kämpfen eben“

Marek und Dariusz finden dieses Schauspiel lustig. „Als ob wir mit einem Reisebus nach Deutschland fahren, auf dem ,Hooligans on the road' steht, und jeder von uns trägt als Erkennungszeichen noch einen Fanschal um den Hals.“ Unter Gelächter greift Dariusz in den Kofferraum und reißt die zweite Halbliterdose „Tyskie“ auf. „Na zdrowie!“ - „Zum Wohl!“ Von diesen Dosen werden sie einige mitnehmen, wenn sie zu viert in diesem Audi 80 nach Deutschland fahren. Damit werden sie so unterwegs sein wie immer zu ihren „Ustawki“, den verabredeten Kämpfen abseits von Grenzübergängen oder Stadien. „Die einen gehen ins Schwimmbad, andere ins Kino und wir kämpfen eben - wegen des Adrenalins“, sagt Marek, als rede er über eine Partie Doppelkopf.

Die Verabredungen laufen per Handy, meist als SMS mit genauer Ortsangabe durch die Hooligans der Heimmannschaft. Die Gegner formieren sich in Wäldern, auf Feldern oder auf ehemaligen Militärgeländen in Mannschaftsstärke und rennen dann auf Kommando los. „Bum!, wie im Krieg!“ Viele trainieren einen Kampfsport. Manchmal ist auch ein Arzt mit dabei, der für die Erstversorgung der Verletzten schwarz bezahlt wird. „Ich trainiere doch nicht zehn Jahre lang, um dann auf der Straße den nächstbesten Penner umzutreten“, sagt Marek, der Gegner, nicht Opfer sucht. Vielleicht kommen die Deutschen deshalb glimpflich davon. „Das sind Weicheier“, sagt Marek und macht eine Pause, damit der Satz wirken kann. Eine lange Pause.

Die „Crème de la crème“ der Hooligan-Szene

Auf der anderen Seite der Grenze ist der Respekt tatsächlich groß. „Wenn die Polen kommen, dann kommt die Crème de la crème“, sagt ein Berliner Hooligan aus der sogenannten Kategorie C der deutschen Polizeisystematik, ein die Gewalt suchender Fußballfan. Bei den Schlägern im Anhang von Union und Dynamo Berlin aus der berüchtigten Oberliga Nordost haben die Polen den Ruf, die verwegensten unter den europäischen Hooligans zu sein, „weil die alle eine paramilitärische Ausbildung haben“.

Die Berliner sind auch keine Waisenkinder. Beim letzten Aufeinandertreffen dieser von Union und Dynamo schafften es 1000 Bereitschaftspolizisten nicht, die Hooligans auseinanderzuhalten. Das Spiel wurde abgebrochen und der Stadtteil Hohenschönhausen abgesperrt. Und das waren nur die „deutschen Weicheier“.

Die vier im Buchenwald dagegen halten sich für harte Jungs. Ihr Adrenalin wird nicht nur durch Faustkämpfe frei. „Es gibt auch Kämpfe, bei denen alles möglich ist. Messer und Äxte, Stangen, alles.“ Dafür sind polnische Hooligans bekannt, den meisten deutschen Randalierern verbietet das ihr Ehrenkodex. Gefährlich wird es bei unverabredeten Überfällen auf gegnerische Fans, bei denen alle Gegenstände fliegen, die greifbar sind. Stühle, Bistrotische, Mülleimer und Steine. Auf Kommando rottet sich schnell eine Gruppe zusammen, dann vermummen sich die Hooligans mit Kapuzen und Schals, die viele sonst unter der Jacke tragen, und sprinten als Horde auf die gegnerischen Fans zu, wo immer es gerade paßt.

Amateurfilme im Internet

Um solche Angriffe zu verhindern, eskortiert die Polizei nach sogenannten Risikospielen die Auswärtsfans in eigens angemieteten Bussen und mit Polizeibesatzung zum Bahnhof. Vor den meisten Stadien stehen Wasserwerfer, und zwischen den verfeindeten Fangruppen ist ein Sonderkommando der Polizei im Stadion. Selbst die polnische Bereitschaftspolizei trägt Pumpguns und mobile Wasserwerfer, Hochdruckreiniger mit Wassertanks auf dem Rücken, gegen den Mob.

Ihre größten Schlachten nehmen die Hooligans auf, die Amateurfilme werden im Internet verkauft. Solche Filmchen schaut sich auch Bartek C. an, der in Deutschland als „szenekundiger Beamter“ bezeichnet würde. Hier ist er ein verdeckt ermittelnder Kriminalkommissar, der in einem schlichten Büro in der heruntergekommenen Polizeikommandantur einer südostpolnischen Wojewodschaft (Regierungsbezirk) sitzt und die lokalen Anhänger eines Erst- und eines Zweitligaclubs beobachtet.

„Die polnischen Hooligans werden sich während der WM vereinen, dann gibt es keine Clubrivalitäten, nur eine polnische Front“, sagt der unscheinbare Mann in der Lederjacke, kramt einen langen Schlüssel aus der Schreibtischlade und öffnet damit die knarrende Tür eines wuchtigen Tresors: Hier lagern wohl einige der Daten, über die die Landeskriminalämter in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen gerne verfügen würden, wo die polnische Nationalmannschaft während der WM antritt.

Mord wegen eines falschen Schals

Kommissar C. zerrt hand- und maschinengeschriebene Verhörprotokolle und erkennungsdienstliche Beweisaufnahmen hervor und fängt an zu blättern: Schwarzweißfotos von tätowierten Körperteilen und einzelnen Hieb- und Stichwunden an Armen, Beinen und muskulösen Rückenpartien, Bilder einzelner Waffen: Beile, Messer, Pistolen. Bleibende Eindrücke, zum Beispiel von den „Teddy Bears“, einer Hooligan-Gruppe vom polnischen Meister Legia Warschau, die in der Hauptstadt dem organisierten Verbrechen zugeordnet wird und zu Auswärtsspielen auch den Weg hierher in die Provinz findet.

Unter dem Schreibtisch steht ein neuer Computer, den das blaue Logo der Europäischen Union ziert, darauf ein Flachbildschirm. Die elektronische Datenerfassung hat hier keine lange Tradition. Schließlich räumt der Kommissar die Handakten wieder zurück in den Schrank. Noch ein Griff, und C. hält ein konfisziertes Butterfly-Messer in der Hand, so eines mit zwei spreizbaren metallenen Griffen. „Diese Dinger mögen sie besonders.“ Klack. Klack. Mit einer solchen Waffe wurde vor ein paar Wochen in Krakau der Mord an einem Wisla-Fan verübt, weil er den falschen Schal trug.

„Die Presse redet nur über uns, nicht mit uns“

Michal ist bloß ein virtueller Hooligan, der vorsichtig aus dem Kinderzimmer heraus operiert: „Wegen der Mutter“ bittet er den Besucher, die Schuhe auszuziehen. Beim Tee zwischen weißem Kunstledersofa und Schrankwand klagt der schmächtige 23 Jahre alte Webmaster dann sein Leid. Er betreut eines der Fanforen, auf denen auch Hooligans sich treffen. „Aber in letzter Zeit werden da keine echten Informationen mehr ausgetauscht.“ Zu viele Polizisten, zu viele Journalisten lesen mit. „Und die Presse redet ja immer nur über uns, nicht mit uns.“

Nach den Ausschreitungen am letzten Spieltag der polnischen „Ekstraklasa“ in der Warschauer Innenstadt begann die Springer-Zeitung „Dziennik“ eine Kampagne unter dem Titel „Null Toleranz“ und half mit ihren Fotoreportern der Polizei, indem sie eigene Fotos von mutmaßlichen Straftätern abdruckte und dazu aufrief, die Abgebildeten zu identifizieren. Über dem Aufmacher lächelte milde Justizminister Ziobro, der dem plötzlichen „Kampf gegen die Hooligans“ sein Gesicht gegeben hat.

Polnische Kumpels in England

Dariusz und Marek läßt das scheinbar unberührt: „So eine Datei wie die Engländer kriegen die hier sowieso nicht hin, schon gar nicht vor der WM.“ Bei der für sie zuständigen Danziger Polizeikommandantur heißt es optimistisch: „Von den Kontakten zu unseren Partnern in Deutschland und England lernen wir viel, in ein paar Jahren werden wir auch soweit sein.“

Auch unter den 400.000 jungen Polen, die wegen der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit seit dem EU-Beitritt nach Großbritannien gekommen sind, sind Hooligans. Dariusz und Marek, Michal und Kommissar C. - jeder kennt einen polnischen Hooligan auf der Insel. Irgendwo in Liverpool wuchten sie auf einem Schlachthof Rinderhälften oder zapfen im Londoner Eastend Bier. „Das müssen Sie sich mal vorstellen, die können unbemerkt in England eine Fähre oder einen Billigflieger besteigen und zur WM reisen, während englische Hooligans zu Hause bleiben müssen“, hatte der Kommissar dazu gesagt.

Michal hat darüber nur schadenfroh gelacht, und Marek und Dariusz hoffen, sich mit den polnischen Kumpels von der Insel in Deutschland zu treffen. Vielleicht in Dortmund, zum Deutschland-Spiel. Beim Abschied dann wünschen Marek, Dariusz und die zwei stummen Kapuzenmänner ihrem Besuch aus Deutschland noch alles Gute, für die WM und so. Brasilien wird Weltmeister, ist doch klar. Und dann kommt noch eine Frage an den Gast: „Weißt du eine Übernachtungsmöglichkeit in Dortmund?“ Gelächter und noch ein Dosenbier, für Marek keines.

Text: F.A.Z., 02.06.2006, Nr. 127 / Seite 3
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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