Glosse

Im Fußballwahn

Von Evi Simeoni

12. Januar 2006 Aufatmen in Deutschland. Endlich macht sogar der Bundesinnenminister Nägel mit Köpfen und diskutiert gemeinsam mit allerlei wichtigen Deutschen das Thema Nummer eins so lautstark, wie es ihm gebührt: die Sicherheitsmängel, welche die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bedrohen. Die sind in der Tat erheblich.

Man denke nur an die Zustände im Strafraum der deutschen Nationalmannschaft. Besorgniserregend, fürwahr. Wieso eigentlich, fragt man sich nach der Aufregung der vergangenen Tage, haben die Über-Experten der „Stiftung Warentest“ noch nicht die Qualität der deutschen Elf unter die Lupe genommen? Ist Ballack wirklich Weltklasse? Sollen wir Kahn oder Lehmann ins Tor stellen? Welche Note hat unsere Innenverteidigung zu befürchten? „Beängstigend“?

Es ist nie zu spät, um in Panik auszubrechen

Mit nichts kann man zur Zeit eine ähnliche Medienlawine auslösen wie mit Alarmrufen rings um die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. So wurde nach den Erkenntnissen der „Stiftung Warentest“, die sich mit den WM-Stadien auseinandergesetzt hat, der Reportertunnel im Berliner Olympiastadion zur zeitbombenähnlichen Zuschauerfalle. Allerdings hat bereits vor siebzig Jahren Hitlers filmender Liebling Leni Riefenstahl mit ihrem Team in diesem Tunnel gestanden und Aufnahmen für ihr Olympia-Epos gedreht. Er steht unter Denkmalschutz.

Zugegeben: Es ist nie zu spät, um in Panik auszubrechen. Am besten, man beruhigt dann seine Nerven, indem man in der Frankfurter Zentrale des WM-Organisationskomitees anruft, wie das irgendein aufgescheuchtes Huhn auch am Mittwoch morgen tat: Was tun Sie eigentlich, wollte der besorgte Bürger wissen, wenn bis zur Weltmeisterschaft die Vogelgrippe ausbricht? Ja, was? Und was, wenn die komplette deutsche Bevölkerung im Juni im Fußballwahn völlig austickt? Nicht auszudenken!

Lustig, nicht?

Obwohl: Viel fehlt schon jetzt nicht mehr. Manche Neuigkeiten auf dem Kicker-Globus sind aber auch von schwindelerregendem Format. Zum Beispiel folgende: Lothar Matthäus zeigt als erster Europäer einer brasilianischen Mannschaft, wie das Fußballspiel geht. Ja, diese Meldung soll wirklich wahr und nicht von der „Bild“-Zeitung gut erfunden sein, auch wenn es sich (noch) nicht um die weltmeisterliche Selecao handelt, sondern um die Erstliga-Mannschaft Paranaense.

Lustig, nicht? Am Freitag allerdings wird es ernst. Dann läßt sich der deutsche Meister Bayern München in Teheran bei einem Spiel gegen Persepolis von 100.000 Iranern feiern. Was deren Präsident immer so gegen Israel sagt und wann und wie diese Leute ungeachtet aller Warnungen ihr Atomprogramm wiederaufgenommen haben, ficht die Kicker doch nicht an. Man solle auf dem Teppich bleiben, heißt es, Sport und Politik müsse man trennen können.

So, als handelte es sich beim FC Bayern um eine Amateurmannschaft auf Friedensmission und nicht um ein Profit-Unternehmen mit Expansionsdrang nach Asien, das sich laut Sport-Informationsdienst ein üppiges Entgelt für seinen Auftritt hat zahlen lassen. So etwas würde die „Stiftung Warentest“ wohl Etikettenschwindel nennen, doch leider reicht ihr langer Arm nicht bis nach Teheran.



Text: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 30
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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