Mankell im Interview

„Angola - das ist wie die Rettung des Fußballs“

24. Januar 2006 Der Schriftsteller Henning Mankell über kickende Mörder, die Würde des Spiels und die Zukunft, die in Afrika liegt.

In Ägypten kämpfen derzeit 16 Teams um den Afrika Cup. Was ist das Besondere an Fußball in Afrika?

Für mich ist der Afrika Cup das unterhaltsamste Turnier der Welt. Weniger Taktik, mehr Phantasie. Fußball, der einfach Spaß macht. Ich glaube, daß Afrika den Fußball gewissermaßen neu erfindet, wieder erfindet, so wie er einmal war. Es ist eine Art von Würde, die dem Spiel im europäischen Ergebnisfußball verlorengeht.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Angola, das sich erstmals für die WM qualifiziert hat - eine frühere portugiesische Kolonie wie Mocambique, wo sie leben.

Ein Land, das wie Mocambique einen blutigen Bürgerkrieg hinter sich hat. Wie in Angola ein Team aus unbekannten Spielern zusammenwuchs, das ist eine unglaubliche Geschichte. Vielleicht werde ich später ein Buch darüber schreiben. Daß ein Team wie Angola sich für die WM qualifiziert, das ist ein bißchen wie die Rettung des Fußballs.

Angola bei der WM, wie muß man diese Sensation einstufen? Etwa wie den Europameistertitel der Dänen 1992?

Noch höher. Ein Land nach dem Krieg. Und dann die Qualifikation gegen Nigeria, einen Fußballriesen in Afrika.

Angolas Spieler sind in Europa unbekannt. Profis aus Ghana, Kamerun oder der Elfenbeinküste spielen dagegen für Klubs wie Chelsea oder Barcelona. Wird nicht der afrikanische Fußball dem europäischen immer ähnlicher?

Wenn Teams aus Afrika verlieren, dann nicht wegen ihrer technischen Fähigkeiten, sondern weil andere besser organisiert sind. Aus Gründen der Selbstverteidigung müssen sie sich also mit taktischem Denken und so etwas beschäftigen. Früher oder später wird es ein afrikanisches Team geben, das es gelernt hat. Es wird sehr, sehr schwer zu schlagen sein.

Afrika als Rettung für den Fußball - Sie haben diese Wirkung auch schon umgekehrt erlebt.

Ja, das war vor rund 15 Jahren, beim eigenartigsten Fußballspiel, das ich je sah. Es hatte einen grausamen Bürgerkrieg in Mocambique gegeben, mit vielen ganz jungen Soldaten, ganz vielen Mördern. Viele von ihnen hatten Hunderte umgebracht, manche ihre eigenen Eltern. Nun war Frieden.

Was sollte man mit diesen jungen Soldaten tun?

Sie sollten lernen, mit Konflikten auf andere Art umzugehen. Und sie taten das beim Fußball.

Zwei Mannschaften von Mördern, die die Regeln und den Gegner respektierten?

Ja, dieses Spiel war sehr bewegend für mich. Ich glaube nicht, daß es das Problem löste. Aber es zeigte eine Möglichkeit auf. Ich hatte das Gefühl, diese Jungen würden nicht mehr losziehen und sich gegenseitig umbringen. Denn sie hatten sich nun unter anderen Vorzeichen kennengelernt.

Also braucht man, um Frieden zu lernen, manchmal nur einen Ball?

Oft nicht einmal das. Ich sah Kinder mit den unglaublichsten Dingen Fußball spielen, einer ausgestopften Damenhandtasche, einem gefüllten Fischernetz.

Und Europa? Wofür kann der Fußball in Europa gut sein?

Heute gibt es überall in Schweden und anderswo in Europa Fußballteams mit Spielern aus fünf, sechs Ländern, die vorbildlich zusammenspielen. Sie sind für mich eine Avantgarde dessen, was in einer multikulturellen Gesellschaft möglich ist. Von den Amateuren in lokalen Teams bis hin zu Zlatan Ibrahimovic von Juventus Turin. Er spielt eine Rolle wie Zidane in Frankreich: ein Vorbild für alle Einwandererkinder in Schweden.

Andererseits wird Fußball immer mehr zur großen Geldmaschine.

Das ist erschreckend. Vor allem Chelsea, ein völlig künstlicher, überflüssiger Klub. Da kommt dieser Typ aus Rußland, mit Unmengen Geld, und kauft alles. Ich befürchte, so etwas wird auch in anderen Ländern passieren, nicht nur in England, auch in Frankreich oder Deutschland werden nur noch ein oder zwei Teams gewinnen.

In Schweden gibt es ein, zwei Klubs, die für die anderen außer Reichweite geraten, weil sie Investoren haben. Wer soll sich dafür interessieren?

Für Spieler werden absurde, lächerliche Summen bezahlt. Und arme Teams müssen den reichen ihre Besten verkaufen: Das ist Klassenkampf.

Fußball als Big Business, ist das nicht Stoff für einen Krimi?

Nein, nicht für mich. Noch nicht, wer weiß. Aber guter Stoff ist es, keine Frage. Ich glaube, Balzac hatte recht, als er vor über 150 Jahren sagte: "Hinter jedem großen Reichtum steht ein verstecktes Verbrechen."

Die Wallander-Krimis machten ihn zu einem der erfolgreichsten Autoren Europas. Doch Henning Mankell führt ein Doppelleben: Seit zwanzig Jahren lebt er zeitweise auch in Maputo in Moçambique, wo er ein Theater betreibt und sich gegen Armut und Krieg in Afrika engagiert. Eine Rolle spielt dabei der Fußball, den er in seiner Kindheit in Schweden nicht besonders mochte.

Die Fragen stellte Christian Eichler.



Text: F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite 32
Bildmaterial: dpa

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