07. April 2006 Es ist entschieden. Aber am Ende hat es in der Frage, die den deutschen Fußball wie keine andere vor der Fußball-Weltmeisterschaft beschäftigte, nur zu zwei dürren Pressemitteilungen gereicht.
Am Freitagnachmittag um 14.47 Uhr teilte nicht etwa der Deutsche Fußball-Bund (DFB) offiziell die Entscheidung mit, daß sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann bei der Suche nach der Nummer eins im deutschen Tor gegen Stammhalter Oliver Kahn und für seinen Herausforderer Jens Lehmann entschieden hat, sondern der FC Bayern München. (Siehe auch: Kommentar: Der getriebene Richter)
Kahn läßt Zukunft offen
Lehmann reagierte mit Freude auf seine Berufung. Ich freue mich, daß die Entscheidung zu meinen Gunsten ausgefallen ist, sagte er am Freitag abend in einer vom DFB verbreiteten Stellungnahme. Ich werde mich noch mehr reinhängen als ohnehin schon, um den Anforderungen bei der Weltmeisterschaft gerecht zu werden und alles daran setzen, um das Vertrauen des Trainers zu rechtfertigen. Gleichzeitig äußerte Lehmann Mitgefühl für Oliver Kahn: Nachdem ich bei insgesamt vier Turnieren auf der Bank gesessen habe, weiß ich, wie es in dem aussieht, der nicht spielt, sagte er in einer ersten Stellungnahme.
Ich bin über diese Entscheidung von Jürgen Klinsmann sehr überrascht und maßlos enttäuscht. Ich werde mich nun in den kommenden Wochen voll auf meine Aufgaben beim FC Bayern, in der Bundesliga und im DFB-Pokal konzentrieren. Über meine weitere Zukunft in der deutschen Nationalmannschaft werde ich mir in den kommenden Wochen Gedanken machen und mich zu gegebener Zeit dazu äußern, wird Kahn in der Mitteilung des deutschen Rekordmeisters zitiert.
Damit endete nach 16 Monaten ein ganz persönliches Duell ziemlich überstürzt, das der Bundestrainer noch vor wenigen Tagen eigentlich in aller Ruhe erst am Anfang des kommenden Monats entscheiden wollte (Siehe auch: Chronologie: Das Duell Kahn gegen Lehmann). Drei Minuten nach der Nachricht aus Bayern kleckerte dann auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit seiner Erklärung zum Zweikampf der besonderen Art hinterher. Dies war die schwierigste Entscheidung meiner Amtszeit, wird der Bundestrainer darin zitiert, der zusammen mit Assistent Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke dem 36 Jahre alten Kahn in München am Vormittag die Nachricht von seiner Niederlage im Duell mit Lehmann überbracht hatte.
Vorgezogene Entscheidung nach öffentlichem Druck
Das Trainerteam hob in der DFB-Erklärung die sportliche Einstellung von Kahn hervor, mit der er die Entscheidung aufgenommen habe. Natürlich ist Oliver enttäuscht, aber er hat sich als wahrer Sportsmann präsentiert, sagte Klinsmann. Die endgültige Entscheidung aber, ob er sich bei der Weltmeisterschaft, die für Deutschland am 9. Juni gegen Costa Rica ausgerechnet in München beginnt, als Nummer zwei zur Verfügung stellt, hat sich Kahn ausdrücklich vorbehalten. An diesem Samstag spielt er erst einmal im Tor des FC Bayern beim Bundesliga-Spitzenspiel in Bremen.
Der Bundestrainer begründete die vorgezogene Entscheidung mit dem öffentlichen Druck, der in den vergangenen Tagen entstanden war. Die Torwartdiskussion hatte sich vor allem nach dem schwachen Spiel des Bayern-Torhüters am vergangenen Samstag beim 2:2 gegen Köln zugespitzt. Kahn unterliefen zwei Fehler, die zu Toren führten, woraufhin der FC Bayern immer vehementer eine Entscheidung von Klinsmann forderte.
Lehmann paßt besser zu unserer Spielphilosophie
Manager Uli Hoeneß bezeichnete das lange Abwarten des Bundestrainers als Psychoterror gegenüber Kahn. Klinsmann reagierte zu Wochenbeginn noch in der gewohnten Weise und behauptete, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und an seinem Zeitplan festzuhalten. Am Donnerstag allerdings, nachdem der Druck sich immer weiter verstärkt hatte, beharrte der Bundestrainer nicht mehr auf einer Entscheidung Anfang Mai. Er verkündete, das Thema mit seinen Helfern zu beraten. Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in den vergangenen 22 Monaten intensiv analysiert und nun eine Entscheidung getroffen, heißt es dazu in der DFB-Mitteilung weiter.
Torwart-Trainer Köpke sagte, daß es nur minimale Unterschiede in der Beurteilung von Lehmann und Kahn gegeben habe. Beide Torhüter haben außergewöhnliche Fähigkeiten. Wir sind jedoch davon überzeugt, daß Jens Lehmann besser zu unserer Spielphilosophie paßt, sagte Köpke. Beim 4:1 gegen die Vereinigten Staaten war Kahn ein Fehler unterlaufen, der als Wegweiser für die Entscheidung gelten kann. Kahn, der die Torwartrolle nicht so aktiv und offensiv wie Lehmann versteht, verschätzte sich bei einem Ball an der Strafraumgrenze.
Appelliere an alle, diese Entscheidung zu respektieren
Der FC Bayern hingegen erklärte, daß Trainer Felix Magath und der Vorstand die Entscheidung für falsch hielten, aber sie dennoch akzeptierten (Siehe auch: Reaktionen auf die Entscheidung für Lehmann). Weitere Erklärungen werde es zu diesem vorerst nicht geben. Ich appelliere an alle, diese Entscheidung zu respektieren und dem Team und Jens Lehmann das nötige Vertrauen entgegenzubringen, forderte Manager Oliver Bierhoff nach einem Torwartduell, das sich immer wieder zu einer hitzigen und emotional geführten Auseinandersetzung vor allem zwischen dem FC Bayern und dem Bundestrainer entwickelt hatte.
Klinsmann hatte seine Arbeit im August 2004 mit der umstrittenen Ankündigung einer Torwart-Rotation begonnen. Kahn und Lehmann wechselte sich seither als Nummer eins immer wieder ab. Somit entstand ein Zweikampf um das deutsche Tor in einer zuvor nicht gekannten Weise. Damals legte der Bundestrainer auch die Rollen fest, die jedoch nur bis zu der Entscheidung an diesem Freitag Gültigkeit besaßen: Es gibt eine ganz klare Grundkonstellation: Oliver Kahn ist die Nummer eins, Jens Lehmann die Nummer zwei und Timo Hildebrand im Moment die Nummer drei. Jens ist der Herausforderer, Oliver muß seinen Platz verteidigen. (Siehe auch: Hintergrund: Das Torhüterduell in Zitaten)
Statistisch gesehen war das Duell nach zwanzig Monaten unter Klinsmann jedoch ziemlich ausgeglichen. Unter Kahn gelangen der deutschen Mannschaft in zwölf Spielen sieben Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Unter Lehmann gab es in elf Begegnungen sechs Siege, zwei Unentschieden Remis und drei Niederlagen. Kahn kassierte insgesamt 18 Gegentore (alle 59 Minuten), Lehmann 14 (alle 67 Minuten).
Text: F.A.Z. vom 8. April 2006
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