03. März 2006 Italia quattro. Germania uno. Buona notte. Mehr als die letzten Worte des Sprechers im Stadio Artemio Franchi waren nicht nötig, um einhundert Tage vor dem Beginn der Weltmeisterschaft dem Zustand des Teams von Jürgen Klinsmann ziemlich nahe zu kommen. Gute Nacht, deutscher Fußball, so verdüstert jedenfalls wirkten zur Geisterstunde die Gesichter der deutschen Spieler und Trainer, die den Weg von der Kabine zum Mannschaftsbus antraten, um die schlimmste Stunde ihres gemeinsamen WM-Projekts in der Medienzone aufzuarbeiten.
Wie zur Illustrierung des nach Erklärungen ringenden deutschen Trauerzugs trugen der Bundestrainer und seine offiziellen Helfer ihre neuen, dunklen Anzüge und Krawatten, während sich nebendran quietschvergnügte italienische Fußballprofis nach einer weltmeisterlichen Vorstellung unter ihre Fans mischten. Die germanischen Opfer der italienischen Leichtigkeit und fußballerischen Grandezza stellten sich zwar tapfer den Fragen nach ihrem WM-Projekt. Die Antworten fielen in der toskanischen Nacht vor allem bei den Profis ziemlich kleinlaut bis zerknirscht aus. Solche Niederlagen machen einiges zunichte, vor allem das Selbstbewußtsein und die Entwicklung der Mannschaft. Jeder hegt Selbstzweifel, gab Kapitän Michael Ballack zu. Und der Bundestrainer mußte eingestehen: Es gibt Tage, da geht es in die falsche Richtung. Diesmal ist es in die völlig falsche Richtung gegangen.
Es wird keine Konsequenzen geben
Am Abend saßen dann Trainer und Mannschaft im Hotel beisammen, um das sportliche Schockerlebnis aufzuarbeiten. Die erste Konsequenz wird sein, daß die Fitnesstests vor dem kommenden Länderspiel am 22. März in Dortmund verschoben werden, um mit aller Kraft und Konzentration gegen die Vereinigten Staaten eine Reaktion zu zeigen, wie Klinsmann sagte. Aber an dem von ihm im Sommer 2004 ausgegebenen Ziel, am 9. Juli im Berliner Olympiastadion als Weltmeister dazustehen, wollte der Bundestrainer nach der höchsten Niederlage in seiner knapp zwanzigmonatigen Amtszeit nicht rütteln lassen - ebensowenig am Weg dorthin.
Die Planung steht, ist in sich geschlossen und überzeugend. Es wird keine Konsequenzen geben. Alle Spieler, die in Italien dabeiwaren, werden auch gegen die USA eingeladen, sagte Klinsmann bei einer kurzfristig am Donnerstag einberufenen Pressekonferenz in Frankfurt. Mit der Medienoffensive wollte Klinsmann sich auch dem von ihm erwarteten heftigen Gegenwind entgegenstemmen.
Macht keinen Sinn, reinzuschlagen
Der bisherige Chefkritiker Uli Hoeneß allerdings, der auf der Tribüne mit versteinerter Miene das Debakel neben Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff verfolgte, war als Vorsitzender des Arbeitskreises Nationalmannschaft schon in Italien in schlichtender Mission unterwegs. Es macht keinen Sinn, reinzuschlagen. Es war kein gutes Spiel. Es besteht aber kein Grund zur Panik, sagte der Manager von Bayern München nach dem Fiasko von Florenz. Er forderte vielmehr einen Schulterschluß für die Nationalmannschaft. Er ermutigte Klinsmann sogar ausdrücklich, seinen Weg geradeaus und konsequent weiterzugehen und nicht umzudrehen. Sonst gib es ein Chaos. Neue Namen zu diskutieren, bringt nichts. Auch ein Christian Wörns hätte es nicht besser gemacht, sagte Hoeneß.
Man dürfe jetzt auch das Ziel, Weltmeister werden zu wollen, nicht widerrufen. Der Augenschein in Florenz allerdings läßt diese Erwartung immer tollkühner erscheinen. Bierhoff differenzierte die Vorgabe denn auch ein klein wenig, ohne sie von der Agenda zu streichen. Weltmeister werden zu wollen ist unser Traum. Aber wir sagen nicht, daß wir Favorit sind. So verrückt sind wir auch nicht, sagte der Manager.
Zu schlecht, um wahr zu sein
Das war gegen den dreimaligen Weltmeister auch eindrücklich zu beobachten. Schon nach sieben Minuten mußten die Deutschen alle Hoffnungen drangeben, aus der italienischen Herausforderung unbeschadet oder sogar gestärkt auf die WM-Schlußstrecke zu gehen. Alberto Gilardino (4. Minute) und Luca Toni (7.) stutzten mit ihren Treffern das auswärts ohnehin nur schwächlich ausgeprägte Selbstbewußtsein einer Mannschaft mit geringer Ligapraxis (Mertesacker, Huth, Metzelder, Deisler, Schweinsteiger) vollständig. Von diesem Schock haben wir uns nicht mehr erholt, sagte Klinsmanns Assistent Joachim Löw zum kapitalen Fehlstart ins WM-Jahr. Die weiteren Tore von Daniele de Rossi (39.) und Alessandro del Piero (57.) waren daher ein nahezu selbstverständlicher Lohn für eine spielerische und taktische Meisterleistung der erstklassigen Auswahl von Marcello Lippi. Auch das einzige Tor von Huth (82.) konnte die deprimierte Stimmung beim WM-Gastgeber kein bißchen aufhellen.
Ein italienischer Journalist versah eine Frage an Lippi nach dem Zustand der Deutschen mit der Feststellung: Zu schlecht, um wahr zu sein. Lippi versuchte höflich zu antworten, und sagte, er habe nur seine eigene Mannschaft beobachtet: Die Deutschen habe ich nicht gesehen. So kann man es natürlich auch sagen.
Italien - Deutschland 4:1 (3:0)
Italien: Buffon/Juventus Turin (28 Jahre/59 Länderspiele) - Zaccardo/Palermo (24/11), Nesta/AC Mailand (29/73) ab 81. Materazzi/Inter Mailand (32/26), Cannavaro/Turin (32/91), Grosso/Palermo (29/15) - Camoranesi/Turin (29/19) ab 89. Pasqual/Florenz (23/1), Pirlo/AC Mailand (26/22) ab 74. Barone/Palermo (27/12), De Rossi/AS Rom (22/15) - Del Piero/Turin (31/72) ab 81. Iaquinta/Udinese Calcio (26/11) - Toni/Florenz (28/16), Gilardino/AC Mailand (23/13) ab 64. Perrotta/AS Rom (28/22)
Deutschland: Lehmann/Arsenal London (36 Jahre/29 Länderspiele) - Friedrich/Hertha BSC (26/33), Mertesacker/Hannover (21/19) ab 46. Metzelder/Dortmund (25/19), Huth/Chelsea London (21/15), Lahm/Bayern München (22/17) - Deisler/München (26/36), Frings/Werder Bremen (29/49) ab 68. Borowski/Bremen (25/16), Ballack/München (29/62), Schneider/Bayer Leverkusen (32/60) ab 68. Schweinsteiger/München (21/24) - Klose/Bremen (27/51), Podolski/Köln (20/21) ab 46. Asamoah/Schalke 04 (27/37)
Schiedsrichter: Eduardo Iturralde Gonzalez (Spanien)
Tore: 1:0 Gilardino (4.), 2:0 Toni (7.), 3:0 De Rossi (39.), 4:0 Del Piero (57.), 4:1 Huth (82.)
Zuschauer: 38.317
Gelbe Karten: Nesta - Frings, Ballack
Text: F.A.Z. vom 3. März 2006
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS