Von Daniel Meuren, Kaiserslautern
02. Mai 2008 Was waren das damals für Jubelszenen, am 2. Mai 1998. Der 1. FC Kaiserslautern hatte mit einem 4:0-Sieg über den VfL Wolfsburg am vorletzten Spieltag der Bundesligasaison 1997/98 das bislang in Deutschland einmalige Kunststück fertiggebracht, als Aufsteiger den Titel zu erringen. In der ganzen Pfalz lagen sich an jenem Tag die Menschen in den Armen. Was wir geschafft haben, das wird es nie wieder geben, sagt Martin Wagner, damals Schütze des 2:0 gegen Wolfsburg.
Heute, auf den Tag zehn Jahre später, steht der Klub vom Betzenberg nun am Abgrund. Der FCK kämpft als Tabellenfünfzehnter der Zweiten Fußball-Bundesliga gegen den Absturz in die Drittklassigkeit. Um 18 Uhr, zu einem Zeitpunkt, an dem vor zehn Jahren die Feierstimmung auf dem Höhepunkt war, müssen die Nachfolger von Spielern wie Wagner, Miroslav Kadlec, Ciriaco Sforza oder Olaf Marschall beim Aufstiegsanwärter FSV Mainz 05 antreten (Live bei Premiere und im FAZ.NET-Liveticker).
Damals wurde die Seele der Mannschaft verraten
Die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt Mainz, achtzig Kilometer von Kaiserslautern entfernt, spielte vor zehn Jahren weder in der zweiten noch in der ersten Liga eine Rolle. Damals drückten viele Mainzer noch den Lauterern die Daumen auf dem Weg zum großen Ziel. 1998, sagt Meisterspieler Wagner heute, war der Anfang vom Ende.
Der 40 Jahre alte Spielerberater gilt seit Jahren als einer der schärfsten Kritiker des 1. FC Kaiserslautern und seiner jeweiligen Vereinsvorstände. Wagner sagt: Damals wurde hier viel Geld für Spieler wie Djorkaeff und Basler ausgegeben und damit die Seele der Mannschaft verraten. Außerdem haben verschiedene Verantwortliche mit Größenwahn alles kaputtgemacht, was vorher Generationen von Spielern von Fritz Walter bis zu unserem Meisterteam aufgebaut haben.
Altlasten der Personalpolitik, Neulasten des Stadions
Tatsächlich ist der FCK seit dem vierten Titelgewinn der Vereinsgeschichte Jahr für Jahr sportlich schwächer geworden. 1999 und 2000 verspielten die Lauterer jeweils am letzten Spieltag die Qualifikation für die Champions League, die die Führungsriege um Vorstandschef Jürgen Friedrich mit riskanten Transfers angepeilt hatte. 2001 verpasste der Klub nach der Trennung von Trainer Otto Rehhagel im Saisonendspurt den Sprung ins internationale Geschäft; von 2003 an kämpften die Pfälzer - dann unter dem so genannten Sanierer und Friedrich-Nachfolger René C. Jäggi - sowohl sportlich als auch wirtschaftlich um die Behauptung ihres Platzes im Profifußball.
Der FCK musste nicht nur die Altlasten der Personalpolitik, sondern auch den Zusammenbruch des Kirch-Imperiums und den daraus folgenden Einbruch bei den Fernseheinnahmen verkraften. Zudem konnte der Klub den Ausbau des Fritz-Walter-Stadions für die Weltmeisterschaft 2006 nicht mehr stemmen. Nur der Verkauf der Arena an die Stadt Kaiserslautern, wofür 65 Millionen Euro an Steuergeldern aufgewendet wurden, rettete dem FCK das wirtschaftliche Überleben. Der Abstieg aus der Bundesliga, begünstigt durch weitere Fehler in der Personalpolitik, im Jahr 2006 war indes ebenso wenig aufzuhalten wie der weitere Absturz in Richtung Drittklassigkeit.
Stefan Kuntz und seine Lebensliebe Kaiserslautern
Seit drei Wochen hoffen sie jedoch wieder in der Pfalz. Da übernahm Stefan Kuntz, der Torjäger der Meistermannschaft von 1991, den Vorstandsvorsitz des FCK vom Finanzfachmann Erwin Göbel. Erstmals seit vielen Jahren steht nun ein Fußballfachmann an der Spitze des Vorstands.
Es geht nicht, dass in einem Verein mit mehr als einer Stimme gesprochen wird, sagt der vom Managerposten beim VfL Bochum zu seiner Lebensliebe Kaiserslautern gewechselte Europameister von 1996. Der in diesem Klub zuvor mächtige Aufsichtsrat habe das eingesehen, sagt Kuntz, und mir die Alleinverantwortung fürs Sportliche übertragen.
Er wird das wirtschaftliche Überleben sichern
Seither tritt nur noch der 45 Jahre alte Kuntz in der Öffentlichkeit auf, nachdem vor wenigen Wochen noch jede Meldung vom Betzenberg von mindestens drei vermeintlichen Entscheidern des Klubs kommentiert wurde. Ich habe manchmal den Eindruck, als ob Stefan plötzlich wieder auf dem Platz steht und Tore für uns schießt, sagt Trainer Milan Sasic. Tatsächlich hat Kuntz dazu beigetragen, dass die Spieler wieder etwas befreiter agieren und mit zwei Heimsiegen nacheinander den Anschluss an die Nichtabstiegsplätze hergestellt haben.
Er hat uns viel Druck genommen, weil er uns versichert hat, dass er das wirtschaftliche Überleben des Klubs sichern wird, sagt Torhüter Tobias Sippel. Zudem hat die FCK-Stürmerlegende die Herzen der Fans zurückerobert, die ihre Mannschaft kürzlich nach einer 0:2-Niederlage gegen Hoffenheim noch minutenlang vor der Westkurve niedergebrüllt hatten. Nun stehen die Pfälzer wenigstens wieder vereint am Rande des Abgrunds.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
