Von Richard Leipold
23. Mai 2008 Am Ende der Vorstellung hielt Jürgen Klopp ein putziges schwarz-gelb lackiertes Nashorn hoch und strahlte für die Fotografen über das ganze Gesicht. Das Begrüßungsgeschenk soll ihm als Talisman dienen und Kraft symbolisieren. Kraft wird Klopp auch brauchen. Schließlich ist der Mann mit dem jungenhaften, gewinnenden Lächeln dazu ausersehen, der traurigen Dortmunder Borussia ihr Lachen zurückzubringen. Am Freitagvormittag präsentierte der börsennotierte Bundesligaklub einer Hundertschaft von Reportern und Kameraleuten den 40 Jahre alten Fußballlehrer aus Mainz als neuen Cheftrainer.
Klopp, der einen Zweijahresvertrag erhält, tritt die Nachfolge von Thomas Doll an, der am Montag von seinem Posten zurückgetreten und damit seinem Rauswurf zuvorgekommen war. Wir freuen uns, dass er jetzt bei Borussia Dortmund ist, obwohl er ja noch andere Möglichkeiten gehabt hätte, sagte Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der BVB-Geschäftsführung, der bei der Verpflichtung einem Vorschlag des Sportdirektors Michael Zorc folgte. Wie es heißt, hatte auch Ligakonkurrent Bayer Leverkusen Klopp als Kandidaten in Betracht gezogen. Der Umworbene wollte sich zu Anfragen anderer Vereine nicht äußern.
Klopp: Es ist eine Ehre für mich, Trainer von Borussia Dortmund zu sein
Klopp hatte am vergangenen Sonntag wie angekündigt die Arbeit bei seinem bisherigen Verein Mainz 05 nach elf Jahren als Spieler und sieben Spielzeiten als Trainer beendet. Er wäre nur dann bei den Rheinhessen geblieben, wenn die Mainzer Mannschaft in die Bundesliga aufgestiegen wäre. Es war eine extreme Woche für mich, sagte Klopp. Am Sonntag sind wir nicht aufgestiegen, da habe ich mich gar nicht gut gefühlt, obwohl mir das ja schon ein paarmal passiert ist. Doch im Laufe der folgenden Tage wurde sein Befinden zusehends besser. Schon am Montag, nach einem Anruf Zorcs, habe er zügig begonnen, sich mit der eigenen Zukunft zu beschäftigen.
Es folgten zwei weitere Gesprächsrunden mit Zorc und Watzke. Dann stand der Entschluss, bei der Borussia den nächsten Karriereschritt zu wagen und zu verkünden: Es ist eine Ehre für mich, Trainer von Borussia Dortmund zu sein. Bei der Präsentation trat Klopp so locker, ja beinahe beschwingt auf, wie das Publikum ihn aus dem Fernsehen kennt - ob als Mainzer Trainer oder als halbjournalistischer Begleiter der deutschen Nationalmannschaft im Auftrag des ZDF. Nach der Europameisterschaft wird Klopp als Fernsehkommentator aufhören. Während des Turniers sieht er die Belange seines neuen Arbeitgebers durch seine Nebentätigkeit aber nicht berührt: Da wird ab und zu gesendet und die übrige Zeit gearbeitet.
Klopp verspricht leidenschaftlichen Hochgeschwindigkeitsfußball
Im ersten Teil der Sommerpause wird die Personalpolitik im Vordergrund stehen. Dabei dürfte Klopp eher mehr Geld zur Verfügung haben als seine Vorgänger. Watzke kündigte an, bei den Investitionen in neues Personal stärker ins Risiko zu gehen, ohne dabei das wirtschaftliche Fundament zu gefährden, wie es seine Vorgänger getan hätten. Jürgen Klopp kennt die Zahlen, und er findet, dass wir genügend Geld investieren werden, sagte der Geschäftsführer. Klopp entgegnete mit gespielter Entrüstung: Da ist schon das erste Missverständnis.
Vor lauter lustigen Dialogen nach dem mainzerisch anmutenden Motto: Die Witzigkeit kennt keine Grenzen wurden konkrete Ziele und Vorgaben nur schemenhaft erkennbar. Es sei nicht der Tag und der Anlass, über Tabellenplätze zu sprechen, sagte Klopp. Erst einmal komme es drauf an, eine ordentliche Truppe aufzubauen, die ans Limit geht und den Fußball spielt, den die Zuschauer sehen wollen: attraktiv und zugleich erfolgreich. Wie dieser Fußball aussehen soll? Es werde jedenfalls kein Rasenschach sein, sagte der Trainer. Er gedenke, das entwöhnte, aber ungeheuer begeisterungsfähige Dortmunder Publikum mit leidenschaftlichem Hochgeschwindigkeitsfußball unterhalten zu lassen. Und wann werden die angekündigten Zuwächse in der B-Note auch zu messbarem Erfolg führen? Bei dieser Frage geht Klopp, der rhetorische Draufgänger, ausnahmsweise in die Defensive: Auf Sicht muss der BVB dahin kommen, wo er schon mal war. Vor gut zehn Jahren war Dortmund führend in Deutschland und Europa.
Am Abend wartet die Abschiedsfeier in Mainz
Was auf Sicht bedeutet, konkretisiert Klopp nicht an diesem Standort der oft übertriebenen Erwartungen. Lieber macht er eine Wettervorhersage und verspricht, die Sonne werde in Dortmund künftig öfter scheinen als in den vergangenen Jahren. Zumindest werde es sich so anfühlen. Gegen Ende der launigen Präsentation im Innern des größten deutschen Fußballstadions kommt er auf seinen früheren Arbeitgeber, den selbsternannten Karnevalsverein Mainz 05, zu sprechen. Wer ihn je dabei erwische, dass er ein böses Wort über diesen Klub seines Herzens verliere, möge ihm sofort mit einer Eisenstange gegen das Schienbein schlagen, fordert Klopp.
Was auch immer er mit Dortmund erreicht, Klopp ist ein Trainer, der aus dem Rahmen fällt. Das hat sich schon an seinem ersten Tag gezeigt. Am Abend wurde er in Mainz zurückerwartet, um mit mehr als 10.000 erwarteten Fans an einer Jubelabschiedsfeier zu seinen Ehren teilzunehmen. Am selben Tag im neuen Klub herzlich begrüßt und vom alten dankbar gefeiert - schon diese Dramaturgie macht Klopp einzigartig.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS