Analyse

Geldpolitik in Krisenzeiten

Von Claus Tigges

Kämpft mit verschiedenen Mitteln: Fed-Chef Ben Bernanke

Kämpft mit verschiedenen Mitteln: Fed-Chef Ben Bernanke

18. März 2008 Die Stabilität des amerikanischen Finanzsystems ist in Gefahr. Dieser Eindruck drängt sich auf angesichts der erheblichen Spannungen auf den Geld- und Kreditmärkten und des drohenden Zusammenbruchs einer der führenden Investmentbanken des Landes, Bear Stearns, der nur durch die beherzte Hilfe des Konkurrenten J. P. Morgan Chase und vor allem der Notenbank (Fed) in Washington verhindert werden konnte. Die amerikanische Finanzkrise, die nun schon seit dem vergangenen Sommer schwelt und ihren Ursprung auf dem Markt für zweitklassige Hypothekendarlehen nahm, hat einen weiteren Höhepunkt erreicht.

Während sich J. P. Morgan und Bear Stearns inzwischen auf eine Übernahme verständigt haben, pumpt die Fed frisches Geld in das Bankensystem in der Hoffnung, die Kreditklemme zu überwinden und das für die Gesamtwirtschaft unentbehrliche Funktionieren des Finanzsystems zu gewährleisten. An diesem Dienstag werden die Währungshüter um den Vorsitzenden Ben Bernanke eine weitere Leitzinssenkung beschließen, die sechste seit Beginn der Runde von Zinsschritten im frühen Herbst. Hinzu kommen Hunderte Milliarden Dollar, die die Währungshüter den Banken auf neuen Wegen im Rahmen zeitlich befristeter Leihgeschäfte zur Verfügung stellen.

Das Geld wird wieder aus der Markt genommen

Die geldpolitischen Maßnahmen – die Verringerung des Leitzinses und die vorübergehende Bereitstellung von Geld gegen die Hereinnahme von Wertpapieren – müssen in ihrer Wirkung unterschieden werden: Über einen niedrigeren Leitzins wird, wenn auch nur mittelbar über die Banken, die Geldversorgung der gesamten Wirtschaft auf Dauer großzügiger gestaltet. Damit verbinden die Währungshüter die Hoffnung, dass günstigere Kreditzinsen Investitionen und Konsum anregen und der Konjunktur neuen Schwung verleihen.

Die Milliardengeschäfte am Geldmarkt hingegen sind mit einer Rückkaufvereinbarung versehen und versorgen so die Banken nur für begrenzte Zeit mit zusätzlichem Geld. Das kann helfen, Zahlungsengpässe im Handel der Banken untereinander zu überwinden, die durch das gegenseitige Misstrauen im Zusammenhang mit der Immobilien- und Hypothekenkrise entstanden sind. Wenn sich die Lage entspannt und die Kreditgewährung unter den Banken wieder einigermaßen reibungslos funktioniert, können die Währungshüter dieses Geld mühelos wieder aus dem Markt nehmen.

„Kreditgeberin der letzten Instanz“

Diese Liquiditätsspritzen lassen sich rechtfertigen mit der Aufgabe der Fed, in Krisenzeiten als „Kreditgeberin der letzten Instanz“ bereitzustehen und einen Zusammenbruch des

Finanzsystems zu verhindern. Ganz ohne Tücken ist die beherzte Hilfe gleichwohl nicht: Indem die Notenbank den Geschäftsbanken frisches Geld anbietet, belohnt sie ein Stück weit deren überaus riskantes und unbedachtes Engagement in amerikanischen Baudarlehen. Zumal die Fed als Sicherheit nun auch jene Wertpapiere annimmt, hinter denen Forderungen aus zweifelhaften Hypothekendarlehen stehen. Das könnte manchen Banker dazu verleiten, auch in Zukunft wieder Risiken zu vernachlässigen, trotz der schmerzhaften Milliardenabschreibungen zahlreicher Institute.

Ordnungspolitisch bleibt es fragwürdig

Die Rettungsaktion für Bear Stearns besitzt eine eigene Qualität; sie mag sinnvoll und notwendig erscheinen, um eine gefährliche Kettenreaktion im Bankensystem zu verhindern. Ordnungspolitisch bleibt es fragwürdig, dass die Fed nun für die Fehler einer privaten Investmentbank geradesteht.

Riskant ist aber vor allem das nahezu hemmungslose Aufdrehen des Geldhahns durch die schnelle Verringerung des Zielzinssatzes für Tagesgeld. Es leistet der nächsten Preisblase Vorschub. Diese muss nicht in einem noch schnelleren Anstieg der Verbraucherpreise sichtbar werden, sondern wird womöglich wieder die Preise für bestimmte Vermögenswerte antreiben. Bernanke vertraut ebenso wie sein Vorgänger Alan Greenspan auf die kurzfristige Wirkung geldpolitischer Schübe und lässt das Stabilitätsrisiko außer Acht, das eine Geldversorgung ohne ausreichende Potentialfundierung birgt.

Am Rande einer Rezession

Amerika steht am Rande oder womöglich schon in einer Rezession. Darum sind die Erwartungen, die die Marktakteure an Wall Street und nicht zuletzt die Politiker in Washington an die Währungshüter richten, gewaltig. Denn im Herbst wählt Amerika nicht nur einen neuen Präsidenten, auch die Kongressmitglieder im Repräsentantenhaus und ein Drittel der Senatoren müssen sich dem Votum der Wähler stellen. Ihre Chancen werden auch davon abhängen, wie es um die Wirtschaft bestellt ist. Die Fed gibt diesem politischen Druck nach, indem sie die Inflationsbekämpfung hintanstellt und viele Milliarden Dollar dauerhaft in die Wirtschaft pumpt.

Dies hat die Märkte bisher kaum beruhigt. Womöglich schürt die Fed sogar noch die Unsicherheit, die sie bekämpfen will. Die Illusion, die Geldpolitik böte einen preiswerten Ausweg aus der Krise, ist längst zerstört. Die Schwierigkeiten der Banken lassen sich mit billigem Geld allein nicht lösen. Die Fed muss zusehen, dass sie ein verlässlicher Stabilitätsanker bleibt. Das gilt nicht zuletzt mit Blick auf die Preise.

Text: F.A.Z.

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