Kommentar

Analystenprognosen sind mit Vorsicht zu genießen

Analysten agieren nicht über den Wolken. Meistens stochern sie im Nebel - wie alle anderen auch

Analysten agieren nicht über den Wolken. Meistens stochern sie im Nebel - wie alle anderen auch

28. April 2008 In den vergangenen Jahren wurde schon viel geschrieben über die vielen Systenfehler, die Analysten bgehen. Diese zum Teil sehr harsche Kritik hat sich dazu beigetragen, dass diese zwischenzeitlich und ernsthaft versuchen, die Probleme zu beheben.

Manches ist dadurch besser geworden. Aber wirklich sattelfest ist das Konstrukt bis heute nicht. Besonders in schwierigen Zeiten ist es immer noch extrem anfällig für Fehler. Dabei wären die Anleger gerade in schwierigen Phasen besonders auf gute Ratschläge angewiesen.

Ernüchternde Ergebnisse

Was im vierten Quartal 2007 passiert ist, war kein Ruhmesblatt für die Branche. Denn mit ihren Prognosen für die amerikanischen Unternehmen in diesem Berichtszeitraum haben die 1800 Analysten der Wall Street um mehr als 30 Prozentpunkte zu hoch gegriffen. Konkret wurde mit Gewinnsteigerungen von 7,9 Prozent gerechnet, letztlich sanken sie aber um 22,6 Prozent. Damit lagen sie so weit daneben wie noch nie.

Zugegeben: Dieses Ergebnis stellt auch den Unternehmen selbst kein gutes Zeugnis aus. Nachdem sie die Analystenschätzungen kennen, hätten sie vorzeitig entsprechende Korrekturhinweise geben können und müssen.

Aber das war nicht der einzige Fauxpas, der den Analysten zuletzt unterlaufen ist. Auch unter Berücksichtigung eines längeren Zeitraumes und einer geografisch breiteren Basis wird das Bild nicht vorteilhafter. Laut einer Studie des Internetanbieters von Finanzseiten Sharewise erwies sich rund die Hälfte von rund 6700 untersuchten Aktienempfehlungen von 35 Banken rückblickend als falsch.

Bei dieser Fehlerquote kann man zur Aktienauswahl auch den berühmten Affen mit Dartpfeilen auf ein Kursblatt werfen lassen. Völlig wertlos sind Analysten und deren Prognosen und Empfehlungen deshalb zwar nicht. Als Anleger muss man aber wissen, wie sie zu lesen sind und wie diese Vorhersagen zustande kommen.

Man kann vieles besser machen

In dieser Hinsicht muss konstatiert werden, dass es noch immer zu viele systemimmanente Fehler gibt. Analysen werden zu oft von anderen Interessen beeinflusst. Dies kann beispielsweise die Geschäftsbeziehung einer Bank zu den betroffenen Unternehmen sein. Das dem so ist, lässt sich auch an dem hohen durchschnittlichen Verhältnis von 5:1 beim Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsempfehlungen ablesen.

Negativ beeinflusst wird die Prognosequalität aber auch durch zu großen Konformismus. Wegen der Angst vor einer Blamage und negativen beruflichen Konsequenzen traut sich nur selten jemand mit außergewöhnlichen Thesen hervor, die weitab des Konsens liegen. Dabei schwimmen historisch gesehen die erfolgreichsten Investoren oft gegen den Strom.

Ein ganzheitlicher Ansatz bringt mehr

Ein wichtiger Schritt zu einer höheren Prognosegüte wäre es, einen ganzheitlicheren Analyseansatz als bisher zu verfolgen. In einer komplexen Welt reicht es nicht, sich auf die fundamentale Betrachtung einer Branche zu konzentrieren. Der Zustand der Wirtschaft allgemein, die Richtung der Geldpolitik, die Entwicklung der Liquidität, der Risikoneigung der Anleger sind bei der Vorhersage der Kursrichtung mindestens ebenso wichtig. Auch Hilfsmittel wie die Charttechnik sollte berücksichtigt werden.

Punktlandungen wären auch dann die Ausnahme. Schließlich sind die Finanzmärkte zu komplex, als dass man ihre Entwicklung punktgenau berechnen könnte. Aber die Häufigkeit schwerwiegender Prognosefehler könnte damit verringert werden. Schlechter als bisher kann es jedenfalls kaum werden. Das sollte es leichter machen, neue Wege einzuschlagen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: AFP

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