Kommentar

Dividendenverzicht: Arbeit ohne Lohn

Von Hanno Beck

27. April 2009 Es gibt nur wenige Weisheiten, die völlig unbestritten sind - eine dieser Weisheiten ist, dass man Menschen, die arbeiten, für ihre Arbeit entlohnen muss. Niemand käme auf die Idee, von den Arbeitnehmern angesichts der Finanzkrise zu fordern, eine Weile auf ihren Lohn zu verzichten.

Was für den Produktionsfaktor Arbeit unbestritten ist, gilt derzeit in der Volksmeinung nicht für den Produktionsfaktor Kapital: Aktionäre, so die Meinung, sollen angesichts der Finanzkrise auf ihre Dividenden verzichten - also auf den Lohn dafür, dass sie den Unternehmen ihr Kapital überlassen.

Entgegen der landesüblichen Meinung sind Dividenden und Zinsen aber kein Einkommen ohne Leistung: Wer Aktionär oder Gläubiger ist, verzichtet für die Zeit der Überlassung auf sein Kapital und geht das Risiko ein, sein Geld nicht wiederzusehen - ist das etwa keine Leistung? Auch das Argument, dass die Aktionäre nicht auf die Einkünfte aus Dividenden angewiesen sind, dürfte nicht immer korrekt sein, beispielsweise nicht für Menschen, die ihre Altersvorsorge darauf aufgebaut haben.

Forderung mit Bumerang

Wie schräg die Forderung auf den Verzicht, Dividenden zu zahlen, ist, zeigt ein Blick auf die Kapitalnöte der Unternehmen: Viele von ihnen zahlen derzeit astronomische Zinsen, um an Fremdkapital zu kommen. Wer statt dieses teuren Fremdkapitals gern Eigenkapital aufnehmen möchte, das erstens langfristiger im Unternehmen bleibt und zweitens einen Teil des Risikos trägt, muss den potentiellen Eigenkapitalgebern erläutern, warum sie ihm Geld überlassen sollen, wenn es dafür keinen Lohn - sprich Dividenden - gibt.

Aus dieser Perspektive erweist sich die Forderung nach dem Dividendenverzicht als Bumerang: Wer knapp an Kapital ist, muss dieses anlocken, doch die Aussicht auf einen Dividendenverzicht ist da wenig hilfreich - niemand gibt sein Geld ohne Gegenleistung her. Auch Kapital arbeitet, und gute Arbeit will eben entlohnt sein. HANNO BECK

Text: F.A.Z.

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