09. Mai 2008 Besonders am Wochenende beschleicht einen der Verdacht, dass das "Shoppen" die Lieblingsbeschäftigung vieler Deutscher sei. Besonders gerne vergnügen sich die Kauffreudigen in einem der riesigen Einkaufszentren, "Malls" genannt, die meist in der Innenstadt liegen und es erlauben, bequem und trockenen Fußes von Geschäft zu Geschäft zu schlendern. Häufig wird die Geschäftsagglomeration als monolithischer Baukomplex mitten in die gewachsene Umgebung gestellt. Was solcher Wandel im Handel für die traditionelle Struktur der Innenstädte und ihre kulturelle Vielfalt bedeutet, hat jetzt die Berliner Architekturprofessorin Kerstin Dörhöfer an zehn Berliner Shopping Malls untersucht, darunter die Spandau Arcaden, das Forum Köpenick, die Gropius Passagen, das Märkische Zentrum und das Neue Kranzler Eck, allesamt erst nach der Wiedervereinigung entstanden.
Anders als die luxuriösen, von betuchten männlichen Flaneuren aufgesuchten Einkaufspassagen des neunzehnten Jahrhunderts in London und Paris, Brüssel und Mailand sind Shopping Malls ein Kind aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und die Antwort auf industrielle Massenproduktion mit ihrer immer breiteren Palette erschwinglicher Konsumartikel. Erfunden hat den neuen Bautyp Victor Gruen, ein 1938 aus Wien nach Amerika emigrierter Architekt, der mit der heilen Welt überdachter, mehrgeschossiger Einkaufszeilen unter gläserner Rotunde gegen städtische Unordnung, verstopfte Straßen und verwahrloste Bausubstanz angehen und die Innenstädte revitalisieren wollte. Europa übernahm das Konzept in den siebziger Jahren.
"A woman's place is in the mall", sagen die Amerikaner. Tatsächlich hat auch Kerstin Dörhöfer die Berliner Shopping Malls von heute als spezifisch weiblichen "Freiraum" ausgemacht. Denn knapp zwei Drittel der Besucher sind Frauen. Sechzig Prozent davon kommen allein oder mit dem Nachwuchs im Schlepptau. Kein Wunder, denn die Zentren erleichtern mit konzentriertem, preiswertem Angebot die effektive, häusliche Versorgung, erlauben mit viel Mode und Kosmetik femininen "Erlebniskauf", erleichtern die Beaufsichtigung von Kindern.
Die weibliche Emanzipation allerdings befördern die neuen urbanen Räume nicht. Kerstin Dörhöfer jedenfalls rügt: "Das Ambiente, die Arrangements und Atmosphären, die in den Shopping Malls geschaffen werden, die stilisierten Traumwelten und imaginierten Sehnsüchte tragen dazu bei, Stereotypen, die mit den Geschlechtern verbunden sind, zu bestätigen."
Als Konsumtempel verstärken die Malls zudem durch Größe und Zentralisation den ökonomischen Trend zur Konzentration, dem die gewachsene Einzelhandelskonkurrenz der Nachbarschaft kaum standhält. Überkommene Stadtstrukturen werden damit zerstört. Die Architektin Dörhöfer rät deshalb, Shopping Malls besser als bisher mit ihrem städtischen Umfeld zu vernetzen: "Shopping Malls und innerstädtische Einkaufszentren sollten ein transitorischer Raum werden, der sich mit der Stadt verknüpft." Dies erfordert allerdings eine baukünstlerische Gestaltung des Äußeren - sowohl der Fassade als auch des Umfelds.
ULLA FÖLSING
Kerstin Dörhöfer: "Shopping Malls und neue Einkaufszentren". Urbaner Wandel in Berlin. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2008. 190 S., 141 Farb-und 5 S/W- Abb., 22 Strichzeichnungen, 4 Karten,
3 Tabellen, geb., 29,90 [Euro].
Buchtitel: Shopping Malls und neue Einkaufszentren - Urbaner Wandel in Berlin
Buchautor: Dörhöfer, Kerstin
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2008, Nr. 108 / Seite 41
