Von Christian Geyer
09. Mai 2008 Es wird vehemente Angriffe auf dieses Buch geben. Man wird es frivol nennen, es als Sympathiesantenliteratur denunzieren, ihm den Ruf des Traumtänzerischen anhängen wollen. Das wohl intelligenteste Buch, das je über die Rote Armee Fraktion geschrieben wurde, ist zugleich das unerträglichste. Wie sollte es nicht angegriffen werden, wo Angreifbarkeit doch sein darstellerisches Prinzip ist: Die Autorin hat sich selbst und ihr Buch verwundbar gemacht, in der Überzeugung, dass sich nur so ein neues, ein aufschließendes Verhältnis zu dem alten Thema RAF gewinnen läßt. Zu diesem Thema, das in einer verwundeten Bindung, in wounded attachment, wie die Psychologen zu sagen pflegen, ein deformierender Teil von uns geworden ist.
Carolin Emckes Buch Stumme Gewalt trägt den Untertitel Nachdenken über die RAF. Es lässt sich auch lesen als ein Buch über das Nachdenken. Wie denkt man nach? So rücksichtslos und umsichtig zugleich, wie in diesem Buch über die RAF nachgedacht wird. Denn so geht Nachdenken: eine Möglichkeit durchspielen, bis sie ganz nah davor ist, falsch zu werden; einen Faden spinnen, ungeachtet jener anderen Fäden, mit denen er sich verheddern könnte; schützende Bastionen verlassen, innerhalb derer Argumente funktionieren, drückt man nur mal eben das richtige Knöpfchen.
Das ewige Eis aufbrechen
Emcke drückt keine Knöpfchen, statt dessen gibt sie einen wesentlichen Strang ihrer Lebensgeschichte preis und gewinnt so die Freiheit (und eine eigentümliche moralischen Autorität), dasselbe von anderen zu erwarten. Mit dem erklärten Ziel, das in ewiges Eis erstarrte Schweigen über Täterschaften und Drahtzieher des RAF-Terrorismus doch noch aufzubrechen. Ausdrücklich fragt Emcke zum Beispiel nach einer Verbindung von Stasi und RAF. Warum blieben die Hinweise auf eine mögliche Verwicklung der Stasi in die letzten Morde der RAF so unbeachtet? Warum scheint es für kaum jemanden relevant zu sein, was David Crawford vom ,Wall Street Journal' da recherchiert hat: weder innerhalb der Bundesanwaltschaft noch innerhalb der konservativen Partei, die doch ansonsten jedem noch so kleinen IM nachjagt, aber bei der Frage, ob die Staatssicherheit der DDR nicht nur Aussteiger aus der RAF bei sich aufnahm, sondern möglicherweise aktive, militärische Hilfe bei der Konzeption und Ausführung von Mordanschlägen in der Bundesrepublik geleistet hat, stumm bleibt. Wundert das nur mich?
Nicht, dass es der Journalistin Emcke leichtgefallen wäre, sich hier als Angehörige, als Patenkind des 1989 von der RAF ermordeten Alfred Herrhausen, des Deutsche Bank-Chefs, zu offenbaren. Sie hat lange gehadert, ob sie ihre freundschaftliche Bindung zu dem Ermordeten öffentlich machen sollte. Und sah am Ende keine andere Möglichkeit: weil nur ein Ende des Schweigens fordern kann, wer selber zu sprechen bereit ist. Das ändert nichts daran, dass die Zweifel an der Entscheidung, Ich zu sagen, der Autorin geblieben sind. Ich, Caro Emcke - das könnte schlimmstenfalls klingen wie Ich, Olli Kahn enthülle. Aber so klingt es natürlich nicht, wenn diese Autorin bekannt gibt, dass sie mit einem Blackout, mit starkem Nasenbluten und mit Nikotinsucht auf Herrhausens Ermordung reagierte.
Korruptes Gewäsch bei Hausbesuchen
Wieder und wieder habe ich mich das gefragt: ob es nicht angemessener wäre, die eigene Rolle zu verschweigen. Wieviel leichter wäre das? Ich habe mir gewünscht, ich könnte befreit nachdenken über die Geschichte der RAF und die Reaktionen auf sie, unbefangen schreiben über die stumme Gewalt - ohne mich preiszugeben, ohne mich den abstrusen Vorstellungen darüber aussetzen zu müssen, was es bedeutet, jemanden durch die RAF verloren zu haben. Von vornherein erweist eine Lesart einer ,betroffenen' Autorin besonderen Kredit, eine andere entzieht ihn umgehend. In Kreisen, in denen der Mythos der Authentizität durch die mediale Inszenierung der Wirklichkeit geistert, wird einem solchen Text besondere Glaubwürdigkeit zugeschrieben. In Kreisen hingegen, in denen der Fetisch der Kollektivität durch die Ideologie geistert, wird einem solchen Text jede politische Relevanz abgesprochen. Wenn Emcke Ich sagt, dann weiß sie um das Risiko in einer Debattenkultur, die dazu neigt, alles in Personalisierungen zu banalisieren. Sie will nicht mitmachen beim Frischekult eines ums Überleben kämpfenden Journalismus, der Hausbesuche bei Betroffenen für den ultimativen Stand der Aufklärung hält, ohne sich des korrupten Gewäschs bewusst zu sein, dass auf diese Weise in die Welt geblasen wird.
Warum, so lässt Emcke nicht locker zu fragen, stürzten sich alle in eine historisierende Debatte, mit den ewig selben Bildern und den ewig selben Urteilen, anstatt eine wirklich ergebnisoffene Diskussion um die unverstandenen, unbekannten Geschichten der Geschichte der RAF zu führen? Gäbe es beispielsweise diese Verbindung von Stasi und RAF, hätte Emcke sicher recht: dann stünde eine Debatte an, die ganz andere politische und gesellschaftliche Dimensionen erreichen müsste als nur die Frage der Aufklärung von individuellen Verbrechen. Emcke legt es nicht auf Verschwörungstheorien an. Man nimmt es ihr ab, wenn sie erklärt, ihr sei es einerlei, ob die RAF von der Stasi oder irgendeiner anderen Organisation operative Hilfe bekommen haben könnte: Ich möchte nur Gründe und Argumente dafür oder dagegen hören, ich möchte verstehen, warum die Bundesanwaltschaft eine Version gegenüber einer anderen vorzieht, warum eine Möglichkeit wahrscheinlicher als eine andere sein soll. Wenn man doch angeblich nicht weiß, wer an diesem Mord beteiligt gewesen ist, wieso weiß man dann, wer nicht daran beteiligt gewesen ist?
Eine klare Blickrichtung
Angesichts solcher, logischerweise das ganze Gemeinwesen betreffender Fragen ist der Versuch Winfried Hassemer unverständlich, Stumme Gewalt auf die Blickrichtung des Opfers festzulegen. Ja, dieser Versuch könnte gar wie eine saloppe Ausflucht der Justiz vor unbequemen Fragen wirken: ,Stumme Gewalt' hat eine klare Blickrichtung: die des Opfers - sowohl des Angehörigen als auch der mitbeteiligten Öffentlichkeit, damals und heute. Die Täter bleiben, bis auf Einzelheiten, blass schreibt der ehemalige Bundesverfassungsrichter in seiner Stellungnahme in Emckes Buch. Gehören das Recht und seine Organe etwa nicht zur mitbeteiligten Öffentlichkeit? Wie lässt sich übersehen, dass das um Vermittlung der Perspektiven bemühte Buch natürlich auch diese Blickrichtung einnimmt: die des Rechts und seiner Organe? Hier scheint es fast so, als trenne Hassemer selbst Recht und Lebenswelt durch eben jene scharfe Linie, die er an Text und Subtext Emckes kritisiert.
Auch erscheint die Täterseite in diesem Buch alles andere als blaß. Äußerst farbenfroh etwa Emckes Beschreibungen der lächerlichen Erotik eines Andreas Baader oder Christian Klar. Eindringlich die Beobachtungen zum Rassismus und Antisemitismus der RAF-Leute (Papa geht aus dem Haus und mordet, Mama bleibt in der Küche und bereitet das Abendessen vor, schreibt Emcke zu der Bemerkung Andrea Klumps, sie habe lediglich mit Horst Ludwig Meyer das Bett geteilt und den Haushalt geführt).
Eine Verklärung der Verbrechen?
Dennoch liegt es in der Materie dieses Buches, dass es missverstanden werden wird. Man lese daher am besten zunächst die Seiten, auf denen die Autorin selbst die naheliegenden Missverständnisse reflektiert. Das sind die Seiten 114, 115 und 116. Wer diese drei Seiten liest, erspart sich möglicherweise ein Herzversagen. Jedenfalls wird er leichter den Fehler vermeiden, nach Stellen im Buch zu fahnden statt das Buch zu lesen. Da gesteht Emcke der RAF zunächst ernstzunehmende politische Motive zu, zutreffende gesellschaftliche Diagnosen, welche beide aber durch die terroristische Gewalt sich ihrer Kraft beraubt hätten. Emcke schreibt, sie halte es für lohnend, die eigentlich politischen Fragen, die in der allgegenwärtigen Propaganda der Tat verschüttet waren, wieder frei(zu)legen. Und fragt dann, wie über sich selbst erschrocken: Darf dieser Satz da stehen? Gibt es etwas, das sich zu retten lohnt, obgleich es von jenen gedacht oder gewollt wurde? Jenen Verbrechern? Darf das gedacht werden? Klingt das nicht bedenklich nach einer Beschönigung der Verfehlungen? Geht das überhaupt: eine Unterscheidung zwischen Absicht und Ergebnis? Zwischen Anfang und Ende einer Geschichte? Zwischen Individuen und Kollektiv? Verwischt das nicht die moralischen Grenzen? Ist das nicht eine Verklärung der grauenhaften Verbrechen, die im Namen dieser angeblichen politischen Vision begangen wurden?
Wenn Carolin Emcke die unerbittliche Forderung nach Einfühlungsvermögen unter unmöglichen Umständen erhebt (Alexander Kluge), dann nicht, weil sie nachholend den Ideologemen der RAF auf den Leim ginge, nicht, weil sie einen laxen Umgang mit dem rechtsstaatlichen Ethos pflegte, auch nicht, weil sie als Opferangehörige eine spezielle Perspektive geltend machte. Nein, Emckes unerbittliche, und doch so nachgiebig vorgetragene Forderung nach Einfühlungsvermögen zielt auf eine Wahrheit, die partikulare Perspektiven - der Opfer, der Täter, der Bundesanwaltschaft - gerade überschreiten und in einem Forum der Aufklärung miteinander vermitteln will. Insoweit handelt es sich in der Tat um ein, wie Alexander Kluge sagt, poetisches Plädoyer, freilich mit durch und durch politischem Anspruch.
Ein Forum der Aufklärung
Stumme Gewalt plädiert für ein Forum der Aufklärung, das dem Geständigen (ob inhaftiert oder unentdeckt) eine Amnestie bietet. Anders sei ohnehin keine Aufklärung zu bekommen und die rechtlichen Institutionen seien stabil genug, um diesen Schritt zu tun. Winfried Hassemer stellt am Ende des Buches die rechtspolitischen Erwägungen an, die dieses Forum der Aufklärung zu berücksichtigen hätte, das nach der Vorstellung Emckes kein stabiler Ort, keine dauerhafte Institution zu sein bräuchte. Auch Hassemer sieht viele Möglichkeiten der Einrichtung und Ausstattung eines solchen Forums, solange es die Grenzen der Rechtlichkeit nicht verletzt. Zu wahren sei insbesondere das Recht der Beschuldigten, zu schweigen, sich nicht selbst belasten zu müssen, und das Recht jedes anderen Tatzeugen, Fragen auzuweichen, die ihn in die Nähe strafrechtlicher Haftung bringen könnten. Das gibt Hassemer im Blick auf die Frage zu bedenken, wie Anwesenheit und Rede bei einem solchen Forum durchsetzbar sind.
Die Möglichkeit einer Amnestie, wie sie Emcke vorschwebt, wird dadurch nicht in Frage gestellt. Insoweit bleibt ihre Feststellung im Raum: Wer eine Amnestie ablehnt, weil solche Verbrechen unbedingt bestraft gehörten, verkennt, dass sie bisher auch nicht bestraft wurden, dass die letzten ungeklärten Morde der RAF auch nicht mehr bestraft werden, weil sie mit Mitteln der Bundesanwaltschaft nicht mehr aufgeklärt werden können. Wer de jure dagegen argumentiert, dass die einmal erkannten Täter freikommen sollen, plädiert de facto dafür, dass die unbekannten Täter frei bleiben.
Vielleicht wird sich am Ende nur die Unmöglichkeit zeigen, die Geschichte der RAF noch einmal anders zu schreiben. Aber selbst dann gilt für dieses Buch das Beste, das sich über ein Buch sagen lässt: Es hat uns auf andere Gedanken gebracht.
Carolin Emcke: Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF. Mit Beiträgen von Winfried Hassemer und Wolfgang Kraushaar. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. 190 S., geb., 16,90 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
Seher in der Stadt der Blinden: Zur Eröffnung des Filmfestivals von ![]()
Pop-Art-Künstler Robert Rauschenberg ist tot
Tokio Hotel: Der Traum vom deutschen Exportschlager
Apokalypse vorgestern: Beim Aktionskünstler Nitsch in Prinzendorf
Erdbeben in Sichuan: In China gelten Naturkatastrophen als Zeichen
