Von Christoph Albrecht
03. November 2009 In einer der amüsantesten Filmszenen des Jahres 1985 spielt ein Kopfhörer die Hauptrolle. Michael J. Fox ist in Robert Zemeckis Komödie Zurück in die Zukunft der Teenager Marty McFly, der von einer Zeitmaschine ins Jahr 1955 zurückversetzt wird und seinen künftigen Eltern begegnet. Das Raum-Zeit-Kontinuum gerät dadurch in ödipale Verwirrung und muss repariert werden. In der nächtlichen Schlüsselszene erscheint Sohn Marty seinem künftigen Vater George McFly deshalb als vorgeblicher Außerirdischer. Per Walkman-Kopfhörer lässt er den Heavy-Metal-Sound der verzerrten E-Gitarre des Eddie van Halen in den Ohren von George kreischen und programmiert so das schüchterne Muttersöhnchen zum draufgängerischen Liebhaber seiner Mutter um.
Die Laufbahn des Kognitionspsychologen Daniel Levitin wurde auch durch ein Kopfhörer-Erlebnis angestoßen. Es verwandelte den jugendlichen Beatles-Fan und Sohn einer Schriftstellerin in einen Sucher nach der Wirklichkeit und Wirkung der Musik. Der Hobby-Gitarrist brach ein Studium der Elektrotechnik ab; es folgte eine Karriere als Toningenieur und Plattenproduzent, nebenbei arbeitete Levitin als Musikredakteur. Schließlich wird er zum Erforscher unserer Klangwahrnehmung.
Vergnügen trotz einschüchternder Begriffe
Levitins größte Sorge ist es, uns zu versichern, dass der Musikgenuss nicht geschmälert wird, wenn wir mehr über die Wirkungsweise der Musik erfahren. Und er weiß das in seinem Buch überzeugend vorzuführen. Umgekehrtes Poisson-Problem? Multiple Trace-Gedächtnismodelle? Mit Vergnügen widmen wir uns selbst solch einschüchternden Begriffen, weil der Autor sie mit unseren Erfahrungen als Musikliebhaber rückkoppelt. Fast dreihundert Hörbeispiele größtenteils populärer Musikstile können dazu auf yourbrainonmusic.com angeklickt werden.
Levitins Fragen ergeben eine Tonleiter aufsteigender Abstraktion: Wie synthetisiert das Gehirn Tonhöhen-Verhältnisse aus bloßen Frequenzen? Wie werden in unserem Gehirn verschiedene Klangströme erzeugt, etwa von Instrumenten eines Orchesters? Wie genau werden Obertonreihen und Einsatzzeiten wahrgenommen? Warum können wir so gut mit den Füßen wippen? Und wie gelingt es Musikern, uns durch geschicktes Unterlaufen musikalischer Erwartungen anzuregen?
Das Gedächtnis als Tonband
Levitin sammelt die empirischen Beweise dafür, dass Musik und musikalisches Gedächtnis eine konstruktive Leistung des Gehirns sind: Wir speichern einen verallgemeinerten Prototyp eines Stücks, den wir auch dann wiedererkennen, wenn alle Parameter wie Tonhöhe, Tempo oder Klangfarbe geändert sind.
Dann präsentiert Levitin die empirischen Befunde dafür, dass unser musikalisches Gedächtnis nicht bloß Modelle bildet, sondern auch wie ein Tonband funktioniert: Beliebige Versuchspersonen können ihre Lieblingspopsongs auf genau der Tonhöhe und in dem Tempo und oft sogar mit dem stimmlichen Ausdruck singen, wie sie sie von der CD kennen. Was also nun? Bildgebende Verfahren zeigen, dass beim Musikhören sowohl Gedächtsniszentren aktiviert werden als auch solche Bereiche, die etwa für das Verrechnen von Melodien und das Bilden von Generalisierungen und Mustern zuständig sind.
Etwas Evolutionspsychologie muss auch noch sein, und sie führt zurück zur Verwendung der Musik in den Kopfhörern des George McFly: Von den in Höhlenmalereien dokumentierten Tanzritualen über Wagners Liebestrank bis zum Electric Ladyland von Jimi Hendrix geht es demnach nämlich um sexuelle Verheißungen. Womit über die unumgängliche Berufung auf Darwins Theorie der sexuellen Selektion die Musik zuletzt in jenen Instinkten verankert wird, auf den der deutsche Titel des Buches abhebt.
Daniel J. Levitin: Der Musik-Instinkt. Die Wissenschaft einer menschlichen Leidenschaft. Aus dem Englischen von Andreas Held. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009. 427 S., Abb., geb., 26,95 €.
Buchtitel: Der Musik-Instinkt
Buchautor: Levitin, Daniel J.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag