21. Juli 2008 Literarisches Chemnitz" - auf den ersten Blick ein verblüffender Buchtitel. Diese rauchige Industriestadt, in alten Zeiten zuweilen sächsisches Manchester genannt, zwischen 1953 und 1990 mit dem Namen Karl-Marx-Stadt belastet, soll ein Ort deutscher Dichtung sein? Zwar stammte hin und wieder ein Autor aus Chemnitz, Stefan Heym zum Beispiel, Stephan Hermlin, Irmtraud Morgner, Rolf Schneider. Aber nie würde man auf die Idee kommen, ihre Werke auf ihre Heimatstadt zu beziehen.
Genau das tun jedoch die emeritierten Literatur-Professoren Wolfgang Emmerich und Bernd Leistner. Emmerich wurde 1941 in Chemnitz geboren und wanderte 1958 in die Bundesrepublik aus. Leistner kam 1939 im erzgebirgischen Eibenstock zur Welt. Nach der Wende hielt er Vorlesungen über Deutsche Literatur der Neuzeit an der Chemnitzer Technischen Universität.
Was können sie uns Neues vermitteln über Chemnitz respektive Karl-Marx-Stadt, über die an jenem Ort entstandenen Bücher? Gibt es etwas, das östliche oder westliche Literaturlexika noch nicht verzeichnet haben? In der Tat, eben das, was nicht auf Lexikonwissen abstellt. Zwar herrscht in diesem Buch die peinliche Ordnung guter Nachschlagewerke vor, aber getragen ist es doch von der Freude am Erzählen. Die herausgebenden Professoren haben eine Gruppe von kenntnisreichen Beiträgern aktiviert, die ihr Wissen nicht im Stil strenger Lehrer von sich geben, sondern mit der Sanftmut liebevoller Erzieher. Und obwohl die Ost-West-Trennung eine wesentliche Rolle spielt, ja: spielen muss, reicht die Bandbreite der Vorträge weit darüber hinaus. Geschrieben und gelesen wurde in Chemnitz ja nicht nur zu DDR-Zeiten.
Der erste Aufsatz, verfasst von Wolfgang Emmerich, trägt den Titel: "Chemnitz und die schöne Literatur zwischen 1870 und 1990". Er fasst die Begründung der Industriegemeinde und die speziellen, für die Masse der Bevölkerung erwartungsgemäß schweren Lebensbedingungen zusammen. Daran konnten weder die vielfältigen Kunstbemühungen noch der Besuch Johann Wolfgang von Goethes im Jahre 1810 etwas ändern. Wie Emmerich nachweist, interessierte sich der Dichterfürst für die Chemnitzer Spinnmaschinen. Die empfangenen Eindrücke lassen sich in "Wilhelm Meisters Wanderjahre" nachweisen, darunter der Satz: "Das überhand nehmende Maschinenwesen quält und ängstigt mich, es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen."
Zwar gab es keinen zweiten Besuch, von dem solche Strahlkraft ausgeht, aber die Stadt kann sich doch großer Namen rühmen. Hedwig Courths-Mahler ist darunter, zwar nicht in Chemnitz geboren, aber von 1895 bis 1905 hier wohnhaft. Ebenso Karl May, auch er nicht aus Chemnitz stammend, doch eine Weile dort als Fabrikschullehrer tätig und - das kennt man aus seiner Biographie - mehrmals in Chemnitzer Gefängnissen inhaftiert. Als echter, weil hier geborener Stadt-Sohn wäre Lothar-Günther Buchheim zu nennen, Autor unter anderem von "Das Boot", oder Peter von Zahn, einer der Väter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auch der einem jüdischen Elternhaus entstammende Schauspieler und Autor Michael Degen stammt von hier. Über die Verfolgung im "Dritten Reich" gab er in "Nicht alle waren Mörder" Auskunft.
Die Verfasser des Chemnitz-Buches sprechen ausgiebig von den literarischen Vereinen, die von der bürgerlichen Bevölkerung gegründet und betrieben wurden. Viele der darin Wirkenden waren seit dem neunzehnten Jahrhundert Juden. Während man diese Passage liest, ahnt man bereits die unheilvollen Schatten, die die Stadt bald verdunkelten.
Und gleich nach der ersten Katastrophe drängte die zweite an, jene, die Karl-Marx-Stadt hervorbrachte; Schatten folgt auf Schatten. Im Buch rücken nun die Schriftsteller nach vorn, die wir aus DDR-Zeiten kennen. Weder die östliche noch die westliche Wahrheit wird dabei hervorgekehrt. Die Beiträger des Chemnitz-Bandes stellen jeweils den Menschen im Schriftsteller in den Vordergrund, so präzise die Informationen auch sind, die sie bieten. Das eben ist der Grund, warum man ihren Ausführungen so gern folgt. Es rührt an Herz und Seele, wenn man erfährt, wie die späteren Schriftsteller Heym, Hermlin, Heiner Müller, Dieter Noll oder der Aufbau-Verlagsleiter Walter Janka lebten, als sie jung waren. Von welchen Einflüssen sie geformt wurden, was sie leiden machte, woran sie glaubten, worauf sie hofften. Bei aller DDR-Eigenart, so ganz verschieden waren ihre Jugendwelten nicht von den Lebenswelten anderswo. Man erlebt die Aufwachsenden des alten Chemnitz fast so, als hätte man neben ihnen gewohnt. Manches an ihnen, an dem, was sie später taten, sagten und schrieben, scheint unter diesem Blickwinkel begreiflicher.
Das aber soll nicht heißen, dass dieser literaturgeschichtliche Beitrag alle unsere Vorstellungen über den Haufen wirft. Unser Urteilsvermögen wird nicht angetastet, nur seine Grundlagen werden erweitert. Was immer wir an den Schriftstellern der einstigen DDR zu loben oder zu kritisieren hatten - wir wissen jetzt genauer, was hinter den Wirkungen steckte, die ihre Bücher auf uns ausübten. Weil wir einen so tiefen Einblick in ihren persönlichen und politischen Alltag bekommen, scheinen diese Autoren nicht mehr einer fremden, fernen Welt zu entstammen. Es wird klar, dass sie und wir immer in einer einzigen Welt lebten, oft als zerstrittene Nachbarn, aber keineswegs als Feinde. Haben wir das nicht immer gewusst? Irgendwie schon. Aber ins helle Bewusstsein gehoben hat es das liebevoll erzählende, sanft belehrende Buch über den literarischen Kosmos Chemnitz.
SABINE BRANDT
"Literarisches Chemnitz". Autoren - Werke - Tendenzen. Hrsg. von Wolfgang Emmerich und Bernd Leistner. Verlag Heimatland Sachsen, Chemnitz 2008. 160 S., 237 Abb., geb., 24,95 [Euro].
Buchtitel: Literarisches Chemnitz - Autoren - Werke - Tendenzen
Buchautor: Emmerich, Wolfgang
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2008, Nr. 168 / Seite 30