Reinhard Brandt: Können Tiere denken?

Verwandte im Federkleid

Von Marianna Lieder

08. Juli 2009 Lässt sich die Rede von der Sonderstellung des Menschen, die er im Tierreich innehat, noch aufrechterhalten? Für den Marburger Philosophen Reinhard Brandt liefert selbst die einschlägige Forschung, die immer Eindrucksvolleres über die kognitiven Fähigkeiten von Tauben und Schimpansen offenbart, keinen Anlass, hier grundsätzlich etwas zurückzunehmen. Wenn er bei Vertretern der empirischen Disziplinen ebenso wie bei Fachkollegen die Tendenz feststellt, dem Menschen die Einzigartigkeit seiner geistigen Anlagen streitig zu machen, sieht er im Wesentlichen unzureichend geklärte Begrifflichkeiten am Werk. So lässt sich unter dem strapazierfähigen Konzept der „kognitiven Fähigkeiten“ einiges zusammenfassen: die bloße Vorstellung einer räumlichen Gegebenheit ebenso wie das Lösen eines Kreuzworträtsels. Fürs argumentative Fortkommen hingegen scheint Brandt ein pointierteres Modell des menschlichen Geistes geeigneter.

Denken, präzisiert der Kant- und Aristoteles-Experte, sei unauflöslich mit der Urteilsfähigkeit verbunden: In der elementaren Form des „S ist/ist nicht P“ ist das Urteil durch drei Eigenschaften gekennzeichnet: Erstens bedarf es eines urteilsexternen Bezugs: Wenn gesagt wird: „Die Tulpe ist rot“, geht es im Normalfall nicht um das grammatische Subjekt „Tulpe“, sondern um eine Pflanze im Vorgarten. (Hier ist es gleichgültig, ob dem Subjektbegriff des Satzes etwas in der Realität entspricht oder nicht. Die Aussage „Das Einhorn ist rot“ verweist ebenfalls auf etwas außerhalb ihrer selbst.) Zweitens ist ein Urteil bejahend oder verneinend und drittens wahr oder falsch.

Ohne Urteilen geht's nicht

Mit diesem Schnellkurs in Urteilstheorie werden von Brandt die artspezifischen Eigenheiten des menschlichen Selbst- und Weltbezugs herausgearbeitet. Durch das auf etwas referierende, bejahende und verneinende urteilende Denken verlieren die Dinge ihre uneingeschränkte Macht als bloße, unmittelbare Reize, als welche sie auf die animalische Natur des Menschen einwirken. Sie werden zu Objekten, auf die in begrifflicher Distanzierung Bezug genommen werden kann. Aufgrund seiner Urteilsfähigkeit kann der Mensch Widersprüche artikulieren, nach Ursachen fragen und Schlüsse ziehen. Abgesehen davon, dass er seinen Hunger empfindet und den Apfel auf dem Tisch wahrnimmt, kann er diesen Sachverhalt thematisieren - in Alltagssprache, Kunst oder Wissenschaft.

Selbstverständlich geht auch Brandt davon aus, dass das Denken seine Entstehung dem selektiven Verfahren des Naturgeschehens verdankt, ebenso wie alle übrigen mentalen und psychischen Fähigkeiten, von denen er es als „qualitativ verschieden“ verstanden wissen will. Erst durch die geistige Sonderkompetenz können Empfindungen und nichtbegriffliche Vorstellungen in die semantische Ordnung einer sprachlichen Äußerung mit wahrheitsfähigem Gehalt gebracht werden. Dabei werden keineswegs vorhandene oder funktionierende Sprechorgane als zentral angesehen. Wer zur basalen logischen und grammatischen Form imstande ist, kann diese in Gebärdensprache ebenso ausdrücken wie auf Deutsch oder Babylonisch.

Begriff versus Instinkt

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Können Tiere denken?
von Brandt, Reinhard
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Nun wird niemand erwarten, dass sich das zufällige Gebell eines Hundes auf die Frage „Können Tiere denken?“ als Vorform einer urteilsbasierten Antwort dechiffrieren ließe. Aber muss man deswegen gleich die Überzeugung unterschreiben, kein Tier sei zu einer logisch strukturierten Unterscheidung oder zum Erfassen eines Kausalzusammenhangs in der Lage? Brandt zumindest lässt sich von der Amsel nicht beeindrucken, wenn sie den nahrhaften Käfer vom ungenießbaren Kieselstein „unterscheidet“. Mit eleganter Begriffsschärfe macht Brandt plausibel, dass sich die vermeintlich explizite Entscheidung des Vogels zufriedenstellend als instinktgesteuerte Reaktion „auf den am stärksten psychisch präsenten Reiz“ - der in diesem Fall vom Käfer ausgeht - erklären lässt. Von einer Intervention des kognitiven Vermögens im engeren Sinne kann hier also nicht die Rede sein.

Ähnlich wird mit den übrigen Labormäusen, Primaten und Fischen verfahren, die von anderen herangezogen wurden, um eine dem Denken gleichrangige Kompetenz zu demonstrieren. Brandt findet hier höchstens den Beleg für eine mangelhafte Differenzierungsleistung der Interpreten. Unter Berufung auf das Gebot der sogenannten wissenschaftlichen Sparsamkeit tadelt er den leichtfertigen Überschritt zum höherstufigen Vermögen und zeigt, dass die Deutung tierischen Verhaltens ebenso gut mit weniger anspruchsvollen Konzepten wie Konditionierung, Assoziation, Instinkt und Reiz-Reaktions-Schemata bewerkstelligt werden könne.

Gegen steile Thesen der Hirnforscher

Außer Frage steht, dass Tiere Schmerz, Lust und Sorge empfinden, dass sie über Kommunikationsformen, Vorstellungen und „im Rahmen ihrer mentalen Fähigkeiten“ über ein Bewusstsein verfügen. Hier liegt also kein Versuch vor, die kartesische Sichtweise vom Tier als einer Maschine mit Stoffwechsel wieder salonfähig zu machen. Anders als Descartes bindet Brandt den Bereich des Psychischen weder ans Cogito, noch lädt er ihn substanzontologisch auf. Unter „der Psyche“ versteht er bei Tier und Mensch die urteilsfreien Kognitionsleistungen ebenso wie die naturhaften Affekte und Emotionen.

Neben der Absicht, den Menschen als den exklusiven Eigner des Denkens auszuweisen, geht es ihm darum, die Reflexion über den Geist als ureigenen Kompetenzbereich der Philosophie gegenüber den empirischen Wissenschaften zu verteidigen. Als besonders anmaßenden Übergriff kritisiert er den Reduktionismus aus den Reihen der Hirnforscher, die meinen, „dem ganzen Menschen, in einer Schlucht der Gehirnwindungen, der Neurone und der Synapsen auflauern“ zu können.

Brandts Anliegen, dem denkenden Subjekt seine Sonderstellung zu sichern, soll seine Berechtigung nicht abgesprochen werden. Allerdings erscheint dabei die Auffassung des menschlichen Erkenntnisvermögens, dem in völliger Loslösung von allen übrigen Zuständen seine volle Bedeutung zugeschrieben wird, problematisch. Diese Position stößt nicht erst in der heutigen Philosophie des Geistes auf Gegner, bereits bei Hume ebenso wie im spätmittelalterlichen Denken Ockhams finden sich hier bereits Einwände.

Reinhard Brandt: „Können Tiere denken?“ Ein Beitrag zur Tierphilosophie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 159 S., br., 10,- €.



Buchtitel: Können Tiere denken?
Buchautor: Brandt, Reinhard

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Verlag

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