10. Oktober 2007 Lassen Sie sich, liebe Leser, nicht einreden, die Deutschen seien in ihren ausschlaggebenden Kräften Romantiker. Rückwärtsgewandt, unpolitisch, unpraktisch gar, Träumer, Theoretiker, entscheidungsunfähig, verspätet - so werden sie seit dem achtzehnten Jahrhundert und bis heute geschildert. Die angebliche Anhänglichkeit der Deutschen an die Natur, an Waldeinsamkeit, Mönche am Meer und Alpenbesteigung - die Ersten, die es taten, waren aber Engländer - und an Sonnenunter- mehr als -aufgang, an Lindenbaum und Müllers Lust, dient dafür als Belegstück. Umgekehrt hatte Rudolf Borchardt, als er 1927 seine Anthologie "Der Deutsche in der Landschaft" herausbrachte, behauptet, so ein Buch sei überhaupt nur innerhalb der deutschen Geschichte, und zwar "der geistigen", möglich.
Währenddessen aber, während die Intellektuellen Deutschland in seinen meist unglücklichen, zuweilen forschenden, aber immer naturverehrenden Wanderern und Fernreisenden zu fassen suchten - also in sich selber -, trug sich zu, wovon das Buch des englischen, seit längerem schon in Harvard lehrenden Historikers David Blackbourn handelt. Die deutsche Landschaft selber veränderte im knappen Vierteljahrtausend zwischen 1770 und 1995 ihr Gesicht vollkommen. Nicht durch Dichter und Denker, sondern durch Ingenieure und einen riesigen, zumeist rücksichtslosen Einsatz von Arbeitskraft. Wer aber kennt Haerlem, Brenckendorff, Tulla, Intze? Hier lernt man sie, die Oderbruchentwässerer, Rheinbegradiger, Talsperrenbauer, kennen. Nicht durch Träume und Reflexionen, sondern durch Staudämme, Kanäle und Durchstiche sowie das Trockenlegen von Sumpflandschaften wurde das Land, was es jetzt ist. Blackbourn interessiert sich also vor allem für den Kampf der deutschen Naturpolitik gegen das Wasser, um das Wasser und mit ihm. Der deutsche Untertitel seines im Original 2006 publizierten Werkes ist insofern gut gewählt: Es handelt sich tatsächlich um "eine" Geschichte der deutschen Landschaft in diesem Zeitraum. Erst weitere, in denen die Forstwirtschaft, die Landschaftserschließung durch Straßen, das Gartenwesen und der Ackerbau oder der Tourismus ins Gewicht fallen müssten, würden die vollständige Korrektur des romantisierten Bildes der Deutschen in ihrer Landschaft ergeben.
Das ist nun alles andere als ein Einwand gegen das Buch, denn um es gleich zu sagen, es gehört zum Klügsten, was es zur Zeit über die Geschichte dieses Landes zu lesen gibt. Vor allem, weil es sich großspuriger Thesen enthält: Was wären das auch, Thesen, die Beobachtungen zu einem ganzes Land über mehr als zweihundert Jahre hinweg integrieren könnten? In fünf großen Fallbeispielen für den Versuch, Natur zu bändigen, findet Blackbourn stattdessen die Naturbezähmung als ein Thema, das aufgeklärte Absolutisten ebenso beschäftigte wie Beamte zu Zeiten Napoleons, für Militärs genau so interessant war wie für Energiewirtschaftler und zuletzt auch für die Siedlungs- und Versklavungsphantasien des Nationalsozialismus. Das sechste Kapitel behandelt Motive der Umweltpolitik nach 1945; allerdings auf so knappem Raum und so kursorisch, dass es mehr wie ein Nachwort wirkt. Zuvor aber wird dem Leser ein Blick auf deutsche Landschaften gegeben, wie er sie nicht kennt. Eine Norddeutsche Tiefebene, die im achtzehnten Jahrhundert, als das deutschsprachige Europa 22 Millionen Einwohner zählte, vor lauter flachen Wassern und Mooren kaum befahrbar und nur von kleinen Fischerdörfern besiedelt war.
Im Oderbruch schöpfte man die Fische mit Eimern aus den Gewässern, und Flusskrebse schüttelte man aus den Bäumen, aber es war auch ein Gebiet, in dem das Fieber lauerte und Heuschreckenschwärme sich austobten. Aus dem Alten Rhein konnte noch Goethe Lachse ziehen, und um 1830 lieferte der Fluss den Badenern jährlich 13 Kilo Gold. Nach seiner Begradigung war der Rhein doppelt so schnell - deswegen verschwanden die Lachse und das Gold -, um Tausende von Inseln und Auen ärmer sowie zwischen Basel und Worms um achtzig Kilometer kürzer. Blackbourn beschreibt, wie die Preußen nach 1848 Ostfriesland kolonisierten und eine ganze Stadt am Jadebusen bauten, Wilhelmshaven, samt Eisenbahnverbindung, Tiefwasserrinne und Kanal, um dort Schiffe günstig zu stationieren. Er schildert, wie vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts an das Land mit Talsperren überzogen wurde, um Trinkwasser zu speichern sowie Strom zu gewinnen. Und seine abschließende Fallstudie gilt den nationalsozialistischen Plänen, die Pripjetsümpfe an der polnisch-weißrussischen Grenze, das noch immer größte Feuchtgebiet Europas, trockenzulegen, um Raum für rassistische Umsiedlungsprojekte zu gewinnen.
An den Anfang seiner Studien stellt David Blackbourn das Wort des Schotten James Dunbar von 1780: "Lasst uns lieber einen Krieg gegen die Elemente führen als gegen unseresgleichen." Ein Leitmotiv der deutschen Landschaftseroberung war, dass dies keine zwingende Alternative darstellte. Stets stand das Bezwingen von Natur auch in militärischen Zusammenhängen. Das galt schon für Friedrichs des Großen Urbarmachung der Oderlandschaft - "Hier habe ich im Frieden eine Provinz erobert" -, das galt für die flottenpolitische Umgestaltung im Jeverland und erst recht für die Blut-und-Boden-Politik der Nationalsozialisten. Der Osten verband sich für Hitler und die Seinen - schon der junge Himmler notiert, er wolle einmal sein Leben im Osten "durchkämpfen" - mit der Vorstellung einer Landnahme amerikanischen Stils, mit der Wolga als Mississippi, den Slawen als Zwangsarbeitern und den Juden als Indianern, die man zunächst bei der Trockenlegung der russischen Sümpfe zu dezimieren vorhatte. Naturschutz, grausige Kolonialutopien, Karl-May-Lektüre, Kriegswirtschaft und Rassenhass gingen eine massenmörderische Mischung ein.
Und die Romantik? Sie galt der jeweils gerade zurückgedrängten Natur. Dass aber "die Vertrautheit mit verschwindenden Sümpfen, Auen und Tierarten vieles den neuen Verkehrsmitteln verdankte, die ihren Untergang ankündigten", davon schwante ihr wenig. Noch der Worpsweder Moorfreund Otto Modersohn konnte allen Ernstes in sein Tagebuch notieren, die Natur sei unsere Lehrerin, und hinzufügen, das sei ein Gedanke, der ihm auf der Brücke gekommen sei, die dort über den Kanal führe. Der Autor hingegen lässt sich von der Trauer über die ungeheuren Verluste, in erster Linie an Menschen und untergegangenen Siedlungen, die auf das Konto der Naturbegradigung gehen, nicht zu Naivitäten verleiten. Von den Leistungen der Naturbegradigung aber auch nicht. Das Buch lässt sich als Geschichte von Wassermassen lesen, die fast nie verschwinden, sondern meistens nur an anderem Ort wieder und katastrophal hervordrängen. Es schließt mit den Oderüberschwemmungen von 1997.
David Blackbourn ist eine bedeutende Darstellung gelungen, in der die Gewinner genau so wie die Verlierer der naturpolitischen Projektemacherei ihren Auftritt haben und weder die Mär von der einstmals unberührten und darum gleichgewichtigen Natur noch die des langen Weges in die Rationalität des Westens erzählt wird. Auch Unterscheidungen wie die so unsinnigen, in der Historie aber mit so viel intellektueller Energieverschwendung gepflegten zwischen Sozial-, Kultur-, Umwelt- und Mentalitätsgeschichte lässt er als einfach unsachgemäß beiseite.
Autobiographien, Akten und Dichtungen zieht das Buch genauso heran wie Statistiken, Pamphlete, sprachgeschichtliche Befunde, Mythen und technische Zeichnungen. Wie beiläufig lernen wir den frühen preußischen Verwaltungsstil, die Geschichte der Dampfschifffahrt oder das Aufkommen ökologischer Ideen im Umkreis des Darwinismus kennen. In großer Ausgeruhtheit gut geschrieben, mit homogener Neugier den prominenten wie den unbedeutend scheinenden Themen der deutschen Geschichte zugewandt, ist "Die Eroberung der Natur" darum eine Lektüre mit ähnlichem reichen Gewinn, wie es einst das Fischen zwischen Rhein und Oder vor der Landgewinnung gewesen sein muss. Man trägt die Einsichten und Anregungen eimerweise nach Hause.
David Blackbourn: "Die Eroberung der Natur". Eine Geschichte der deutschen Landschaft. Aus dem Englischen von Udo Rennert. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 592 S., 32 Abb., geb., 39,95 [Euro].
Buchtitel: Die Eroberung der Natur - Eine Geschichte der deutschen Landschaft
Buchautor: Blackbourn, David
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2007, Nr. 235 / Seite L27