Religiöser Stalinismus

Betsy Udink über Pakistan, das tödlichste Land für Frauen

30. Juli 2007 Gerade noch beherrschte der Sturm auf die Rote Moschee in Islamabad die Titelseiten. Doch schon sind die Nachrichten über das "Land der Reinen", die nach ihrem Selbstverständnis ideale islamische Gesellschaft Pakistans, auf die Innenseiten gewandert. Zwanzig Prozent der Sitze im pakistanischen Parlament sind für Frauen reserviert. Doch was die Regierung als Reform verkauft, ist nichts als ein potemkinsches Dorf. Denn die Damen, schreibt die niederländische Journalistin Betsy Udink in ihrem Buch "Allah & Eva", vertreten nicht die unmündigen, geschundenen Frauen Pakistans. Sie sind Platzhalterinnen für ihre Brüder, Onkel, Väter und Ehemänner, stammen aus der Oberschicht der Industriellen und Großgrundbesitzer; die Männer, nicht sie, waren auf Wahlkampftour gegangen. Und vor allem die Frauen der Islamisten wurden einfach zu Abgeordneten ernannt, obwohl sie selbst - weil das unislamisch ist - nicht gewählt haben. Kein einziges der skandalösen Scharia-Gesetze wollten sie bisher aus Verfassung und Rechtsprechung streichen, dafür laden sie gern die Welt zu Konferenzen ein. Und die Welt lässt sich dort ein Pakistan vorgaukeln, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Betsy Udink zieht die Schleier weg vor dieser "geheuchelten Aufklärung" und führt ihre Leser in die Provinz, in die Welt der Dörfer und Kleinstädte, wo Kinderbräute sechzigjährigen Männern gegeben werden, als Schuldenerlass des Großvaters oder als Schadenersatz für Nachbars versehentlich getöteten Hund. Wo mittellose Väter ihre Töchter zur Prostitution zwingen und diese, wenn sie sich weigern, wegen Ungehorsam und Verdienstausfall ins Gefängnis kommen. Sie beschreibt ein Land, von dem wir gern glauben wollen, es modernisiere sich irgendwie doch. Nur sterben dort Tausende Frauen wegen der Hudud-Verordnungen, die auf dem Koran basieren, in Gefängnissen vor sich hin, sind ohne Anwalt, oft auch ohne Urteil der Willkür einer brutalen islamischen Männergesellschaft ausgeliefert.

Auch in Pakistan werden nicht alle Ehrenmorde bekannt, aber schon jene, deren Opfer einen Namen haben, weil sie es in die Lokalnachrichten geschafft haben, füllen eine dicke Recherchemappe der Autorin. Sie würden zur Kenntnis und hingenommen, so Udink, wie bei uns die kleinen Meldungen über Verkehrsunfälle. "Pakistan ist für Frauen das tödlichste Land der Welt", sagt Betsy Udink, die mit ihren Kindern und ihrem Mann, einem Diplomaten, Jahrzehnte in islamischen Ländern gelebt und gearbeitet hat. Nirgendwo sonst sterben so viele jung, haben insgesamt ein geringeres Lebensalter zu erwarten als Männer: Folgen der eklatanten Frauendiskriminierung.

Nach Angaben von Zeba Sathar, Pakistans führender Demographin, hat das Land aus diesem Grund bereits ein Defizit von mindestens acht Millionen Frauen. Nur 29 Prozent können lesen und schreiben (57 Prozent der Männer), Mädchen und Frauen werden schlechter ernährt, sie sind zu oft und zu früh immerzu schwanger, sie werden als Letzte, wenn überhaupt, zum Arzt gebracht. Wenig, vielleicht nichts hat sich für Frauen in Pakistan verbessert, seit General Musharraf an der Macht ist. Er hat die Hudud-Dekrete des fundamentalistischen Militärdiktators Zia-ul-Haq, die drakonische Strafen vorsehen für Frauen, denen Untreue oder Unsittlichkeit vorgeworfen wird, nicht angerührt. Es reicht der Verdacht, die Denunziation, um sie Scharia-Gesetzen auszuliefern. Betsy Udink ist es gelungen, ein Frauengefängnis in Peshawar zu besuchen, und die Fälle, die sie wiedergibt, berichten von Katastrophen, erzeugt von einem allgegenwärtigen Klima des Frauen-Hasses.

Es sei denn, Frauen verbünden sich mit den mächtigen Männern und bejubeln die Hudud-Gesetze als Schutz der "Ehre und Würde der Frau". Alles, was diese bizarre Jubelkulisse gesichtsloser Mutterkreuzler stören könnte, wird ausgeblendet. Doch die "Apartheid der Geschlechter" erzeuge Schatten, sagt Udink, zu denen auch der massenhafte sexuelle Missbrauch von Jungen gehört. Natürlich sei das verboten im Islam, aber es ist der einzige Sex, an den Männer ohne Probleme herankommen. Es gibt Organisationen und liberale Zeitungen, die das immer wieder anprangern, sogar im Parlament, doch ändere sich nichts. Kein Täter wurde je belangt, wohl weil zu viele in diesem Land, wo Sex eine "nationale Zwangsvorstellung" ist, in den Missbrauch verwickelt sind. Wer den Mut hat, das anzuprangern - wie ein Vizeminister, der belegen konnte, dass besonders in den Koranschulen der Jungenmissbrauch grassiere -, wird mundtot gemacht und der Abhängigkeit von den Feinden des Islam - Juden, Amerikaner, Hindus, Europäer - verdächtigt. Religiöser Stalinismus.

Neben den Hudud-Dekreten zersetzen vor allem die schariatischen Blasphemiegesetze die pakistanische Gesellschaft. Wer will, der darf sich beleidigt fühlen und den politischen Gegner, den man ausschalten will, der Gotteslästerung bezichtigen. Oder den Nachbarn, dessen Haus, den Händler, dessen Geschäft oder Arbeitsplatz man begehrt. Irrwitzige Anklagen wurden so konstruiert, alle gedeckt vom islamischen Strafrecht. Ein Mann wird beschuldigt, den Bart eines anderen beleidigt zu haben, doch war der nach den Vorschriften Mohammeds geschnitten; eine Putzkraft kam vor Gericht, weil unter den Papierschnipseln, die er entsorgte, auch solche mit Koranversen waren.

Nur zwei muslimische Juristen im ganzen Land wagen es noch, Blasphemieopfer zu verteidigen. Ein Klima der Denunziation im Namen Allahs ist so entstanden, und der Preis, den die Gesellschaft dafür zahlt, ist hoch. Vor fast zehn Jahren erschoss sich ein katholischer Bischof vor dem Gerichtsgebäude in Sahiwal, in dem ein sechsundzwanzigjähriger Analphabet zum Tode verurteilt worden war. Er soll Mohammed "Onkelchen" genannt und Salman Rushdie gelobt haben. Der Freitod des Bischofs sollte die Welt aufrütteln. Aber die Welt schaute weg, und die Zahl der Blasphemieprozesse ist seitdem enorm angestiegen.

Unbestechlich legt Betsy Udink an diese islamische Gesellschaft ein einziges Maß: die Menschenwürde. Es steht dort schlecht um sie.

REGINA MÖNCH

Betsy Udink: "Allah & Eva". Der Islam und die Frauen. C. H. Beck Verlag, München 2007. 237 S., geb., 18,90 [Euro].

Buchtitel: Allah und Eva
Buchautor: Udink, Betsy

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2007, Nr. 174 / Seite 31

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