05. Mai 2008 Der markanteste Begriff, den Jan Philipp Reemtsma in seinem neuen Buch "Vertrauen und Gewalt" einführt, ist der der "Terroratio". Damit bezeichnet der Hamburger Soziologe eine dem Terror eigene Vernunft, die maximalen Erfolg dadurch ermöglicht, dass sie gegen die Maßgaben der instrumentellen Logik verstößt. Das Einzige, was es an Terrorakten zu verstehen gibt, ist demnach, dass sie sich dem Verständnis verweigern, sofern man es als Nachvollziehbarkeit begreift. Dadurch erst wird ein Schaden angerichtet, der die Folgen des Terroraktes noch einmal vergrößert: Zerstört wird der Glauben der Opfer - und das sind in einer medialisierten Welt alle, die ein Leben führen, das dem der vom Anschlag verletzten oder getöteten Menschen gleicht - an die Zuverlässigkeit ihrer Welt.
Nun mag man Reemtsma einen Widerspruch vorwerfen: Er macht durch sein Modell der "Terroratio" diese Vorgehensweise doch gerade nachvollziehbar. Aber um sie in die Bahnen von instrumenteller Vernunft zurückzuführen, wäre mehr nötig: ihre Voraussagbarkeit. Und darin liegt die Pointe von Reemtsmas Großessay (auch dort, wo nicht Terror das Thema ist). Das Buch beschreibt die Anpassungsversuche der Moderne an ihre Nachtseiten, an das also, was Bataille den verfemten Teil genannt haben würde, das, worüber man nicht spricht, aber was als ständige Herausforderung an der Formung einer Gesellschaft ebenso tätig mitarbeitet wie die Regularien, die sich diese Gesellschaft gegeben hat.
"Coping" nennt Reemtsma diese Anpassungsversuche mit dem soziologischen Fachbegriff, und in dem entsprechenden Bemühen sieht er die Erklärung für jene Frage, die am Ausgang seiner Untersuchung steht: Wie kann es einer westlichen Moderne, die wie kein Gesellschaftsmodell zuvor Gewalt tabuisiert hat, gelingen, trotz der gleichfalls nie dagewesenen Gewaltexzesse, die im zwanzigsten Jahrhundert aus ihrer Mitte hervorgegangen sind, den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren? Die Antwort sei vorweggenommen: Es sind spezifische Ausblendungen, die uns retten; die Gewalt wird in ihrer grundlegenden kommunikativen Absicht verkannt und kann dadurch als Wahnsinn diskreditiert, aber zugleich auch akzeptiert werden - Integration durch Ignoranz. Wir begreifen Gewalt nicht als Botschaft im Sinne der "Terroratio", sondern als Perversion oder das schlechthin Andere unserer eigenen Vernunft. All jenen etwa, die in schönster Naivität muslimische Selbstmordattentäter als Menschen rechtfertigen, die nur für ihren Glauben kämpfen, hält Reemtsma seine Erkenntnis entgegen, dass hinter islamistischem Terror kein religiöses Geheimnis steckt, das dem säkularisierten Westen unzugänglich wäre, "sondern der innere Triumph, es in der Hand zu haben, eine Diskothek in die Luft zu sprengen und vielleicht Dutzende von Körpern zu zerfetzen, auch wenn dieser Triumph das Letzte ist, was man empfindet".
Aber es wäre unfair, "Vertrauen und Gewalt" auf dessen Ausführungen zum Terror zu beschränken. Sie kommen erst spät in dem umfangreichen Text, denn die "Terroratio" wird hergeleitet aus den großen Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts, die im Mittelpunkt des Ganzen stehen: nationalsozialistische Vernichtungspolitik und bolschewistische Schreckensherrschaft. Beide zogen ihre Schlüsse aus dem neuzeitlichen Entstehen des staatlichen Gewaltmonopols, das ausgehend von Hobbes damit gerechtfertigt wurde, dass das Individuum nicht mehr mit Angriffen zu rechnen habe. "Ein Umstand", stellt Reemtsma kühl fest, "der uns individuell verwundbar macht. Übergriffe auf unseren Körper oder auf Körperrepräsentanzen (Wohnung, Grundstück, Auto) werden von uns mit größerem Schrecken beantwortet als von Menschen an anderem kulturellen Ort. Unser Ideal von Zivilisation bringt eine dünnere Haut mit sich, anders gesagt: Es gehört zu den Zivilisationsleistungen, die Traumadisposition des Menschen zu erhöhen."
Anhand der "Antigone" des Sophokles entwickelt Reemtsma bereits früh im Buch eine Konzeption blinden Vertrauens, die der totalitäre Staat seinen Bürgern abverlangt, und sehr viel später wird über ein anderes antikes Beispiel für das ambivalente Verhältnis von Vertrauen und Gewalt Folgendes berichtet: "In Sparta sicherte die Minderheit der Spartiaten ihre Herrschaft über die Mehrheit der Heloten durch sporadischen Terror, um ein Klima der Unsicherheit und Angst in Permanenz zu erzeugen. Als Resultat dieser Terrorherrschaft lebten die Spartiaten selbst in permanenter Angst vor Vergeltung: In ganz Griechenland waren Türschlösser aus Sparta begehrt." Wo auch immer Reemtsma diese Information her hat, sie wird hier zum Meisterstück einer elliptischen Begründung von höchster Eleganz; zum winzigen Detail, das uns die Gegenwart aufschließt, wenn das Paradox erlaubt ist.
Ähnlich wie die Spartiaten haben Nationalsozialisten und Bolschewisten gehandelt, wenn sie ihre jeweiligen Opfer in einen Naturzustand inmitten der Zivilisation zurückversetzten: Jederzeit konnte ein Übergriff erfolgen, wobei im "Dritten Reich" der subtilere (und damit unmenschlichere) Terror ausgeübt wurde, weil hier die Beschneidung von Rechten für Juden oder deren Demütigungen lange vor der tödlichen Verfolgung einsetzten und sie dadurch einer Art von Sozialfolter aussetzten - sofern wir unter Folter alle gewaltsamen Mittel verstehen dürfen, die ein Individuum auf sein kreatürliches Ausgeliefertsein reduzieren. Reemtsmas Kronzeuge für diese Funktion der Tortur ist ein argentinischer Folterknecht der siebziger Jahre, dessen von einem überlebenden Opfer kolportierter Satz gleich dreimal in "Vertrauen und Gewalt" zitiert wird: "Wir sind alles für dich. Wir sind Gott."
Auch dies sind acht Worte, in denen ganze Kapitel gebündelt sind. Und es ist ein Satz, der Reemtsma erkennbar unter die Haut gegangen ist; nicht minder wohl, als es seinem literarischer Hausheiligen Arno Schmidt ergangen ist, der nach Aufzeichnungen seiner Frau Alice geweint haben soll, als er Dantes Schilderung des Infernos las. "Höllentheologie" nennt Reemtsma die Androhung der Verdammnis durch die katholische Kirche, und es bricht in einer Fußnote ungewohnt empört-hilflos aus ihm heraus: "Hol' der Teufel die Theologen."
Die perfide Feststellung des argentinischen Folterers gab bereits einem Aufsatz Reemtsmas den Titel, der vor siebzehn Jahren ein Forschungsprogramm seines Hamburger Instituts für Sozialforschung zum Thema Folter vorstellte. "Vertrauen und Gewalt" ist zwar auch aus dieser Beschäftigung erwachsen, aber es stellt zugleich die Summa eines Systemmosaiks vor, das Reemtsma aus zahllosen kürzeren Texten über die letzten zwei Jahrzehnte hinweg zusammengesetzt hat - um nun mit einem Mal das ganze Bild vorzustellen, und man kann nur staunen darüber, welche Prägnanz es erreicht. Im Vorwort entschuldigt sich der Autor dafür, dass er selbst im Literaturverzeichnis am häufigsten erwähnt wird, aber tatsächlich ist die Genese seines theoretischen Wegs - und auch das biographische Schicksal, das Reemtsma vor zwölf Jahren mehrere Wochen in die Hand von Entführern brachte und dadurch sein Erkenntnisvermögen betreffs Gewaltausübung auf makabre Weise schärfte - zentral für die Argumentation von "Vertrauen und Gewalt".
Die wechselseitige Analyse von Bolschewismus und Nationalsozialismus im Buch ist natürlich Folge der erregten Debatten um die vom Institut für Sozialforschung 1995 erstellte (und 2001 überarbeitete) Wehrmachtsausstellung, und wäre in ihrem Rahmen eine solch fundierte Auseinandersetzung erfolgt, hätte sich der Streit wohl weitgehend erledigt. Dabei nimmt Reemtsma nichts zurück, was seine Mitarbeiter der Wehrmacht gegenüber an Vorwürfen erhoben; am Beispiel des Russland-Feldzugs kann er vielmehr erläutern, wie seine Dreiteilung von physischer Gewalt in lozierende (Entfernung eines Körpers an einen Ort, wo er gebraucht wird oder nicht im Weg ist), raptive (Missbrauch des Körpers) und autotelische (mutwillige Beschädigung oder Zerstörung der Körpers) immer neue Konstellationen ergibt, die schließlich sämtlich in der dritten Form, in der Vernichtung enden.
Verstehen, so Reemtsma, lässt sich das für uns moderne Westler nicht, ohne uns selbst aufzugeben. Gerade deshalb können wir derart verbrecherisch handeln. Ein Dilemma - um es moderat auszudrücken. Hol' der Teufel die Soziologen. Aber der Himmel schenke uns mehr solche Bücher.
ANDREAS PLATTHAUS
Jan Philipp Reemtsma: "Vertrauen und Gewalt". Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburger Edition, Hamburg 2008. 576 S., geb., 30,- [Euro].
Buchtitel: Vertrauen und Gewalt - Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne
Buchautor: Reemtsma, Jan Philipp
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2008, Nr. 104 / Seite 41
