30. April 2008 Die Lesefähigkeit war einst ein Luxusgut, das vor allem den Frauen vorenthalten wurde. Ein Luxusgut waren auch die Figürchen aus edlem Meißner Porzellan, die dem Fotografen Rainer Griese für seinen Bildband "Lesen. Ohne Worte" als Modell dienten. Nippespüppchen, Glas- und Holzmännchen, Gartenzwerge und Bronzeprinzen - sie alle haben eines gemein: Sie lesen. Griese schirmt die Figürchen, denen wir in dem farbenfrohen Band immer wieder begegnen, unter Glasglocken, Bechern oder Federbällen von der Umwelt ab, lässt sie in einer Buchstabensuppe versinken und mit Siebenmeilenstiefeln gehen. In assoziativer Folge versammelt Griese Skulpturen, Gemälde, Stiche und Fotografien von Lesenden. Oft verfremdet er die Abbildungen spielerisch per Fotomontage. Dadurch entstehen erstaunliche und humorvolle Bezüge zur literarischen Welt sowie Anspielungen auf bekannte Werke der bildenden Kunst. Herausgekommen ist eine Sammlung sinniger, lustiger, grotesker Leser-Kompositionen. Mit viel Leidenschaft für Kitsch drapiert Griese ein altes chinesisches Figürchen, dass kaum die Größe einer Münze hat, auf einen Kirschblütenast. Einen anderen Lesenden inszeniert er als Heiligen. Auch wenn dieses Buch gänzlich ohne Text auskommt, ist es für Liebhaber des Lesens mit Sicherheit ein Vergnügen. (Rainer Griese: "Lesen. Ohne Worte". Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2008. 220 S., Farb-Abb., geb., 15,90 [Euro].) amue
Buchtitel: Lesen. Ohne Worte
Buchautor: Griese, Rainer
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2008, Nr. 101 / Seite 42
