Von Petra Gehring
09. Juni 2009 Mit der Schönheit ist das so eine Sache, das weiß jeder. Und erst die eigenen Gefühle rund ums Schönseinwollen. . . Was ist schick? Was wird von mir erwartet? Wie fühle ich mich wohl? Soziologisch gesprochen: Ob und warum wir jemanden schön finden, hängt vom gesellschaftlichen und kulturellen Kontext ab.
Dabei wechselt die Mode und es herrscht das Prinzip der Distinktion. Aufs Ganze der Gesellschaft betrachtet scheint es weniger wichtig, was genau die Schönheitsnormen verlangen, als dass es überhaupt Schönheitsnormen gibt – und also Unterschiede: wenige schöne Menschen und viele, die weniger schön sind. Oder sich nicht schön genug empfinden, weswegen mit Kosmetik, Diäten, Fitnessangeboten, plastischer Chirurgie, Anti-Aging-Medizin eine ganze Schönheitsindustrie sich lebhafter Nachfrage erfreut. Dabei geht die Herstellung von Schönheit buchstäblich unter die Haut. Zählten in früheren Zeiten eher Schmuck und Kleider, richten sich Schönheitsanstrengungen heute offenbar zunehmend auf den Körper selbst.
Gesteigerte Sichtbarkeit
Leben wir in einer Zeit des hemmungslosen Körperkults, des Schönheitswahns? Diese Frage beschäftigt nicht nur Eltern von Jugendlichen, die Tattoos, Botox-Spritzen und Brustvergrößerung bezahlen sollen, sondern auch die empirische sozialwissenschaftliche Forschung. Die Soziologin Waltraud Posch hat die bestehende Literatur zum Thema gesichtet. Ihre Bilanz fällt differenziert aus. In der Tat sind Körper in der Moderne sichtbarer und damit vergleichbarer denn je: Große Spiegel, Fotografie, Film, Personenwaage, minimalisierte Kleidung – Minirock, Bikini – verstärken die Konkurrenz um optimale Haut, Haare und Figur.
Körper machen Leute, so Posch. Es sei nicht mehr peinlich, sich vor anderen Leuten auszuziehen. Aber man schämt sich, wenn man dann nicht gut aussieht. Sich dem eigenen Schlanksein, Straffsein, Faltenfreisein, fehlender oder als zuviel empfundener Körperbehaarung intensiv zu widmen ist so gesehen die fast immer teure, zeitaufwendige, oft gesundheitsgefährdende aber eben doch logische Konsequenz. Gut Aussehen meint freilich etwas Kompliziertes, denn um Erfüllung vorgegebener Normen oder die Kopie von Idealen geht es allenfalls zum Teil. Wer wollte wirklich Schwarzenegger gleichen oder wie Madonna aussehen?
Sachliche Entzauberung
Fragt man die Nutzer einschlägiger Schönheitstechniken, so begründen sie das, was die soziologische Forschung Schönheitshandeln nennt, ganz überwiegend nicht mit dem Verweis auf Schönsein, sondern mit dem Wunsch, sich wohl zu fühlen. Posch deutet diesen Befund in zweifacher Weise. Zum einen scheint die Herstellung von Schönheit eher der Arbeit an der eigenen Identität, der Selbstregierung als der bloßen Normerfüllung zu dienen. Zum anderen sind Körpernormen – etwa die Forderung schlank zu sein – inzwischen womöglich derart verinnerlicht, dass wir sie gar nicht mehr als äußerlich auferlegte Normen empfinden.
Wohltuend ist die Sachlichkeit, mit der Posch dann aber das Gerede vom Körperkult entzaubert. Zur Nutzung schönheitsmedizinischer Angebote herrscht ein Zahlenwirrwarr: Von enormen Steigerungsraten sprechen vor allem die anbietenden Mediziner selber. Die Statistiken zu Über- und Untergewicht bieten ein äußerst uneinheitliches Bild und namentlich das Problem der dicken Kinder (F.A.Z. vom 1.9.2008) erscheint als von interessierter Seite hochgespielt. Auch die Nachricht, dass inzwischen Männer ähnlich viele Töpfchen und Tiegelchen im Bad stehen hätten wie Frauen, dürfte ein Mythos sein. Folgt man der Empirie, so beträgt der Frauenanteil bei der Nutzung von Schönheitsmedizin und Kosmetik nach wie vor mindestens neunzig Prozent.
Auflockerung von Schönheitsidealen
Umfragen zur subjektiven Seite von Schönheitsbedürfnissen erbringen die unterschiedlichsten Ergebnisse und auch eine gewisse Auflockerung von Schönheitsidealen ist zu beobachten. So werden in der Werbung zunehmend ältere Körper gezeigt und auch ästhetisiert. Posch folgert abschließend nüchtern: Generalisierende Aussagen zur Körperbefindlichkeit seien nicht möglich. Und überhaupt: Von einem ‚Schönheitswahn‘ kann in generalisierter Form nicht empirisch begründet gesprochen werden.
Bleibt das Rätsel, warum die feinen Spiele rund um die Attraktivität sich offenbar doch zunehmend im Medium selbst gewählter Körpermanipulationen austragen und warum unsere Toleranz auch gegenüber invasiven, kurzlebigen Methoden steigt – bis hin zu Entscheidungen, welche die zur Schönheit Entschlossenen absehbar bereuen werden. Hier bietet das Buch keine Antworten. Angedeutet wird, dass Glücksversprechen trügerisch seien, denn ein durch Schönheitshandeln einmal erlangtes Hochgefühl des Glücks vergehe, da sich das Glücksniveau an den Ist-Zustand anpasst und bei einem hohen Ist-Zustand der Soll-Zustand noch höher sein muss, um erneut Glück zu empfinden.
Ein inneres Nullsummenspiel würde also die Glücksbilanz jedes Mal enttäuschend ausfallen lassen. Soll man hier an eine Art Drogenwirkung denken? An eine Suchtstruktur? Der Zusammenhang zwischen Sich schön machen, Sich gut fühlen und Glück dürfte wohl doch komplexer sein als ein solches quasi-körperliches Regulativ. Letzte Fragen bleiben also offen. Die Stärke des Buchs ist aber der kritische wie auch ausgewogen informative Überblick.
Waltraud Posch: Projekt Körper“. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009. 261 S., br., 24,90 Euro.
Buchtitel: Projekt Körper
Buchautor: Posch, Waltraud
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Campus Verlag