29. Dezember 2008 Der an der Columbia University in New York lehrende Historiker Matthew Connelly wuchs in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als jüngstes von acht Geschwistern auf. Diese Erfahrung, so versichert er, sei jedoch nicht der Hauptgrund dafür gewesen, ein Buch über die Geschichte der Bevölkerungskontrolle zu schreiben. Er näherte sich dem Thema als gelernter Diplomatiehistoriker zunächst aus der Perspektive der internationalen Beziehungen. Die Debatte über das signifikante demographische Wachstum in Ländern der sogenannten Dritten Welt erschien ein guter Zugang zu einem Verständnis der Ära des Kalten Krieges jenseits der Rivalitäten der großen Mächte zu sein. Im Verlauf der Recherchen nahm sein Projekt jedoch eine andere Richtung.
Das Resultat seiner langjährigen Forschungen, das Buch "Fatal Misconception", handelt nun davon, "was passiert, wenn einige Leute der Überzeugung sind, sie können im Namen anderer antworten, weil sie glauben, es besser zu wissen". Der Autor schildert in seiner fulminanten und quellengesättigten Studie Ursprünge, Aufstieg und Niedergang der Bewegung für Bevölkerungskontrolle, die er als ein dezentrales "transnationales Netzwerk" charakterisiert, welches gleichwohl stark von nordamerikanischen Akteuren geprägt wurde. Dieser Personenkreis, oft Naturwissenschaftler, "diagnostizierte politische Probleme als Pathologien, die einen biologischen Ursprung haben". Eine solche Logik führte in extremen Fällen zur Sterilisierung von "Ungeeigneten" oder zu ethnischen Säuberungen. Aber auch Familienplanung konnte, schreibt Connelly, eine Form der Bevölkerungskontrolle werden, wenn Befürworter dieser Politik entsprechende "Zielgruppen" definierten - so etwa mehrere zehn Millionen Menschen in Asien und auch in Afrika, die Geld erhielten oder unter Druck gesetzt wurden, um sich sterilisieren zu lassen.
Connelly zeigt, dass die ambitioniertesten Pläne zur Bevölkerungskontrolle nicht weniger anstrebten, als die Menschheit gleichsam neu zu schaffen. Dies bedeutete in der Regel, die Fruchtbarkeit armer Menschen und armer Länder zu reduzieren. Alle entsprechenden Projekte teilten die Annahme, dass Gesellschaften sich "nach Plan" reproduzieren sollten, selbst wenn dies bedeutete, zu kontrollieren, wie Menschen über ihren Körper verfügten. Und all diese Projekte konzeptualisierten menschliche Wesen nicht als Individuen, sondern als Bevölkerungen, welche durch die kombinierte Kraft von Glauben und Wissenschaft gebändigt und geformt werden konnten. Viele Protagonisten der demographischen Projekte seien, so Connelly, durchaus von guten Absichten beseelt gewesen und hofften, die Armut reduzieren und Konflikten vorbeugen zu können. Zugleich glaubten sie jedoch einen "Krieg gegen Überbevölkerung" führen zu müssen, um die Menschheit zu retten.
Wie der Autor herausstellt, markierte die Veröffentlichung von Paul Ehrlichs "The Population Bomb" im Jahre 1968 einen Höhepunkt des radikalen Bevölkerungsdiskurses. Ehrlich, ein renommierter Biologieprofessor aus Stanford und unter anderem Spezialist für Schmetterlinge, bezeichnete in seinem Bestseller die "Bevölkerungsexplosion" in deutlicher Analogie zu einem Krebsgeschwür als ein "hemmungsloses Vermehren von Menschen". Zur Therapie dagegen empfahl er drastische Maßnahmen, die er als "Nötigung zum Wohle der Genötigten" etikettierte.
Ehrlich regte etwa die zeitweilige Zwangssterilisation der Bevölkerung durch Beigabe von Sterilisationsmitteln zum Trinkwasser und zur Nahrung an, wollte aber auch "Verantwortungsprämien" an jene Ehepaare zahlen, die sich für eine irreversible Sterilisation nach dem zweiten Kind entschieden. In einer von Connelly zitierten Schlüsselszene des Buches berichtete Ehrlich, wie er während eines Forschungsaufenthaltes in Indien auf einer Taxifahrt durch das nächtliche, "stinkend-heiße" Dehli erstmals das "Gefühl für Überbevölkerung" empfand. "Die Straßen waren voll von Menschen. Menschen, die aßen, sich wuschen, schliefen. Menschen, die schwatzten, stritten und kreischten. Die ihre Hände durch das Taxifenster streckten und bettelten. Die urinierten und ihren Darm entleerten . . . Menschen, Menschen, Menschen, Menschen."
Als Ehrlichs Buch erschien, gehörte die globale Bevölkerungsentwicklung bereits seit zwei Dekaden zu den zentralen Themen internationaler Politik. Connelly zeichnet detailliert nach, wie sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ein internationales Netzwerk zur globalen Bevölkerungsregulierung herausbildete. Insbesondere das vermeintlich stark "überbevölkerte" Indien geriet bald in den Fokus der Experten. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten private amerikanischen Stiftungen, allen voran Rockefeller und Ford, eine wichtige Rolle bei der Etablierung von einschlägigen Einrichtungen wie dem Population Council sowie bei der Finanzierung bevölkerungspolitischer Aktivitäten. Verschiedene Organisationen der Vereinten Nationen engagierten sich ebenfalls verstärkt in diesem Bereich, und Verhütungsmittel wurden in großem Umfang in arme Länder exportiert, darunter Millionen Intrauterinpessare, obwohl diese bekanntermaßen Infektionen und Sterilität verursachen konnten.
Connelly präsentiert dazu höchst zynische Aussagen von Experten. So verkündete ein Teilnehmer einer Konferenz des Population Council Anfang der sechziger Jahre ungerührt, dass "die individuelle Patientin mit Blick auf das Gesamtanliegen nicht viel zählt, besonders wenn die Infektion, die sie bekommt, nur zur Sterilisation und nicht zum Tod führt". Und einige Jahre darauf erklärte der damalige Weltbank-Präsident Robert McNamara, er wolle Gesundheitsfürsorge in der Dritten Welt nur dann finanzieren, wenn sie eng mit Bevölkerungskontrolle verknüpft werde. Denn "gewöhnlich führt bessere medizinische Versorgung zum Absinken der Sterberate und trägt somit zur Bevölkerungsexplosion bei".
Aber auch nationale Regierungen betrieben dezidiert Bevölkerungspolitik in Afrika und Asien, vor allem die Vereinigten Staaten. Washington koppelte etwa 1966 amerikanische Getreidelieferungen nach Indien an die Anstellung amerikanischer Bevölkerungsexperten. Einige der drastischsten demographischen Maßnahmen führten jedoch asiatische Eliten an ihrer eigenen Bevölkerung durch. Während des Ausnahmezustandes in Indien zwischen 1975 und 1977 wurden in einem einzigen Jahr über acht Millionen Inder sterilisiert. Die Regierung bestach sie mit Geld, drohte ihnen die Zerstörung ihrer Häuser an oder zwang sie mit Gewalt.
Zu diesem Zeitpunkt war die Bevölkerungskontrollbewegung international bereits auf dem Rückzug. Familienplanung erschien zunehmend als ineffektiv, der Zwangscharakter vieler Programme erfuhr scharfe Kritik, und das Konzept der "reproduktiven Rechte" setzte sich durch. In seinem Resümee verweist Connelly auf die Tatsache, dass die global agierenden Organisationen der Bevölkerungskontrolle in der Regel ohne demokratisch legitimiertes Mandat agiert hätten. Als Lektion daraus plädiert er dafür, dass Nationalstaaten gerade in Zeiten fortschreitender Globalisierung weiterhin eine wichtige Rolle spielen müssen.
ANDREAS ECKERT.
Matthew Connelly: "Fatal Misconception". The Struggle to Control World Population. Harvard University Press, Cambridge/MA 2008. 535 S., geb., 35,- $.
Buchtitel: Fatal Misconception - The Struggle to Control World Population
Buchautor: Connelly, Matthew
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2008, Nr. 303 / Seite 35