22. Mai 2009 Habermas im Schuber - statt gesammelter Aufsätze, so der Autor, lege er hier eine systematische Auswahl von Texten vor, die jeweils an die Stelle ungeschriebener Monographien treten müssten. Ich habe zu wichtigen Themen, auf die sich meine im engeren Sinne philosophischen Interessen richten, keine Bücher verfasst. Dieser merkwürdige Umstand wird mir selbst erst aus der Retrospektive bewusst. Dazu zählen Themen der politischen Philosophie oder wichtige Prämissen und nähere Bestimmungen dessen, was Habermas das nachmetaphysische Denken nennt.
Der Philosoph nennt es eine Merkwürdigkeit, nicht jedem seiner philosophischen Interessen ein Buch gewidmet zu haben. Dieser Merkwürdigkeit verdankt sich die vorliegende Studienausgabe. Habermas hat einfach nur überlegt, zu welchen Themen er eigentlich noch Bücher schreiben möchte - und hat dann als Platzhalter für jedes dieser Bücher einen Aufsatz ausgewählt. Herausgekommen sind fünf Bände einer Resteverwertung, in denen geschätzte fünfzig andere Bücher stecken. Wer beim Lesen auf die Uhr schauen muss, wird also schon aus zeitökonomischen Gründen für diesen Schuber dankbar sein. In den zusammen weit mehr als zweitausend Aufsatzseiten mögen sich zwanzigtausend ungeschriebene Bücherseiten abbilden. Die Studienausgabe rechnet sich als Sparmodell. Wird uns hier doch im Vorgriff auf den potentiell unendlichen Habermastext gleichsam das Konzentrat geboten. So mag man diese Ausgabe auch als ein Entgegenkommen des Autors an die veränderten Lesegewohnheiten empfinden. Jürgen Habermas selbst nimmt den eiligen Leser an die Hand und weist ihm die Abkürzungen durch sein ungeschriebenes Werk.
Verortende Einleitungen
Als Geländer hat er für die einzelnen Bände jeweils zwanzig- bis dreißigseitige Einleitungen neu verfasst. Sie enthalten Erläuterungen und Kommentare zum Entstehungskontext aus dem Rückblick eines Autors, der am systematischen Gehalt seiner Arbeiten interessiert ist, schreibt Habermas. Unter diesem Interesse an Systematik gewinnt der Denkweg des Philosophen im Rückblick noch einmal eine Stringenz, die beim Pfadfinden, bei der Entstehung der Texte noch gar nicht im Blick war. Habermas selbst weist auf das Hin- und Herlaufen der Denkbewegung hin, die sich erst im Ergebnis als ein zielgerichtetes, systematischen Interessen folgendes Gebilde darstellen lässt.
Der Theoriearchitekt erläutert seine Bauweise, die einerseits die jeweilige Etagenbaustelle zu versorgen hat, andererseits das Gebäude als Ganzes nicht aus den Augen lassen darf: Die Lösungsbedürftigkeit hatnäckiger philosophischer Probleme hat sich oft erst im Zusammenhang anderer, materialreicher Studien aufgedrängt. Das hat anschließend Explikationsversuche nötig gemacht, die nicht nur wie in einem Puzzle in den umfassenderen Kontext einer Gesellschaftstheorie passen sollen, sondern als Beiträge zu philosophischen Fachdiskussionen auf eigenen Füssen stehen müssen. Philosophische Argumente können im weitverzweigten Netz der wissenschaftlichen Diskurse nur an Ort und Stelle verteidigt werden.
Kontinuitäten und Brüche
Man wird wohl sagen dürfen: Mit dieser Studienausgabe kann man zum Richtfest schreiten. Leicht verbaute Ecken oder hervorstehende Steine werden in den jeweiligen Einleitungen passend gemacht, Mörtelreste beseitigt. Habermas nutzt die Gelegenheit, um ungehobelte Lesarten nachholend als Fehllektüren zu korrigieren, sie in eine systematische Ordnung zu rufen. Kontinuitätslinien werden markiert, wo man Brüche vermutet hat, etwa im Zusammenhang der Religion: Beim Wiederlesen des Textes von 1988 überrascht mich eine Kontinuität von Gedanken, die einen angeblichen Sinneswandel dementieren.
Habermas sucht sich mit derartigen Dementis vor falscher Inanspruchnahme zu schützen. Tatsächlich sieht sich der Philosoph zunehmend gefordert, Auffassungen zurückzuweisen, die ihm zugeschrieben werden. So stellt er klar: Selbstverständlich lasse sich die demokratische Verfassung eines säkularen Staates ohne Bezugnahme auf irgendeine religiöse Überlieferung rechtfertigen. Etwas anderes habe er nie gesagt. Einspruch erhebe er aber gegen ein laizistisches Verständnis des Gebots weltanschaulicher Neutralität. Der Staat solle religiösen Stimmen auch in der politischen Öffentlichkeit Spielraum geben; sonst laufe er Gefahr, sich von Motivationsquellen für das erwartete, aber nicht erzwingbare Ethos seiner Bürger abzuschneiden. Man hält diesen Schuber auch als einen Beitrag zum Verfassungsjubiläum in Händen.
Jürgen Habermas: Philosophische Texte. Studienausgabe in fünf Bänden. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. Kassette, 2167 S., br., 78 Euro.
Buchtitel: Philosophische Texte
Buchautor: Habermas, Jürgen
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Suhrkamp