Warum die Geste?

14. Mai 2008 Wer darauf hinweist, dass alles recht komplex sei, liegt grundsätzlich nie falsch. In der Version der Wissenschaftsphilosophin Sandra Mitchell: "Die Welt ist tatsächlich komplex, und entsprechend komplex müssen auch unsere Abbildungen und Analysen von ihr sein." Da das Maß der Komplexität davon abhängt, was wir gerade mit den Phänomenen vorhaben, ist allerdings mit "Entsprechungen" eher vorsichtig umzugehen. Darauf möchte die Autorin auch hinaus: Der Blick auf wissenschaftliche Praxis zeigt, dass altehrwürdige, an der klassischen Physik ausgerichtete Ideale der sogenannten einzig angemessenen Beschreibung außer Kurs gesetzt sind. Die neuere Wissenschaftsforschung und -philosophie beruht auf der Einsicht, dass sich die Begriffe von Kausalität und Determiniertheit gewandelt haben. Von Reduktionen auf fundamentale Entitäten, natürlichen Phänomenzerlegungen oder eindeutigen kausalen Zurechnungen bleibt da kaum etwas übrig. Schon ein flüchtiger Blick zeigt, dass ausnahmslos geltende Gesetze im Stil der klassischen Physik nicht die Regel sind, sondern Rückkoppelungen für komplexes Verhalten sorgen. Mitchells programmatische Stichworte zur Beschreibung der Regime unseres wissenschaftlichen Weltumgangs lauten denn auch zu Recht: Pluralität, Pragmatismus, Dynamik. Das ist eine Zusammenfassung der Entwicklungen in den letzten zwanzig Jahren, mehr nicht. Mit entschieden zu großer Geste wird sie hier als der letzte Schrei vorgestellt. (Sandra Mitchell: "Komplexitäten". Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Suhrkamp Verlag, edition unseld, Frankfurt am Main 2008. 174 S., br., 10,- [Euro].) hmay



Buchtitel: Komplexitäten
Buchautor: Mitchell, Sandra

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2008, Nr. 111 / Seite 34

 
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