Von Manuela Lenzen
11. November 2009 Paul Barney wollte 40 Dollar sparen und schlief deshalb in der Nacht des 28. September 1994 nicht in einer Kabine, sondern in einem Café der Autofähre Estonia. Als ein lautes Krachen ihn aus dem Schlaf riss, brauchte er nicht lange, um zu verstehen, dass er etwa tun musste. Auf dem Weg aus dem schnell sinkenden Schiff wunderte er sich über unbeweglich herumstehende Menschengruppen, die nicht einmal versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Barney überlebte.
Manche Menschen haben im Fall einer Katastrophe einfach keine Chance. Dazu gehören die Passagiere, die sich im Inneren der Estonia befanden, und diejenigen, die sich am 11. September 2001 oberhalb der Einschlagstelle der Flugzeuge im World Trade Center befanden. Andere schaffen es, sich aus extremen Situationen zu retten, wie Paul Barney. Und dann gibt es noch die Gruppe derjenigen, die umkamen, obwohl sie hätten überleben können. Gleich zwei Bücher - das eine von Ben Sherwood, das andere von Amanda Ripley - befassen sich damit, wer Katastrophen überlebt und warum. Gibt es eine Überlebenspersönlichkeit? Kann man lernen, worauf es ankommt?
Katastrophen erfordern schnelles Handeln
Als Elia Zedeno am 11. September 2001 in ihrem Büro im 73. Stock im Nordturm des World Trade Centers eine donnernde Explosion hört und spürt, wie das Gebäude schwankt, tut sie erst einmal gar nichts. Als ein Kollege sie anbrüllt: Raus aus dem Gebäude!, holt sie ihre Handtasche, läuft an ihrem Arbeitsplatz im Kreis und sucht nach Dingen, die sie noch mitnehmen könnte. Sie packt einen Krimi ein, bevor sie sich endlich auf den Weg ins Treppenhaus macht. Das ist die Phase der Verleugnung, so Amanda Ripley, mit ihr beginnt, was die Autorin den Überlebensbogen nennt: Menschen durchlaufen bei jeder Art von Katastrophe mental in etwa dieselben drei Phasen. Haben wir erst akzeptiert, dass etwas furchtbar schief läuft, beginnen wir zu überlegen - das ist Phase zwei.
Idealerweise kommen wir zügig zu einer Entscheidung und damit in die dritte Phase: Wir tun etwas. Wie lange Menschen benötigen, um aktiv zu werden, ist für ihr Überleben zentral, denn wenn Katastrophen etwas gemeinsam haben, dann, dass sie den Betroffenen keine Zeit lassen. Nach einer Bruchlandung etwa sind maximal 90 Sekunden Zeit, um aus der Flugzeugkabine zu entkommen, danach machen Rauch und Feuer sie zu einer tödlichen Falle.
Der Ernstfall als Simulation
Die Möglichkeit, übungshalber in simulierte Katastrophen gestürzt zu werden, bleibt in der Regel Militärpiloten und Soldaten in Spezialeinheiten vorbehalten. Tapfer haben beide Autoren der in Erzählstrategie, Zielrichtung und teilweise auch Inhalt erstaunlich ähnlichen Bücher am eigenen Leib erprobt, wie es sich anfühlt, in einem Cockpit angeschnallt in ein Wasserbecken katapultiert zu werden (Sherwood) oder im eiskalten Wellenbad eine nach Erbrochenem stinkende Rettungsinsel zu erklimmen (Ripley). Warten, bis alle plötzliche Bewegung aufhört, einen Bezugspunkt suchen, das Problem in handhabbare Teile aufteilen - so beschreibt Sherwood die Strategie, die er im Aviation Survival Training Center in Kalifornien erklärt bekommt.
Ripley berichtet von einer anderen Erfahrung: Kälte, Lärm und Stress lähmen Geist und Überlebenswillen. Erstaunlich schnell erscheint das Aufgeben als attraktivste Lösung aller Probleme. Überleben in einer Katastrophensituation kann die letzten Reserven fordern. Ob es gelingt, hängt auch davon ab, ob die Betroffenen bereit sind, diese zu aktivieren. In den Club der Überlebenden wird aufgenommen, wer sich fürs Überleben entscheidet, zitiert Ben Sherwood einen Überlebenden.
Krisenverhalten lässt sich lernen
Die Bücher wollen keine Panikmache betreiben, sondern im Gegenteil zeigen, dass wir in der Grenzsituation mehr Kontrolle über unser Schicksal haben, als wir denken. Angemessenes Krisenverhalten lässt sich zumindest teilweise lernen, so die Autoren. Sie möchten ihre Leser nicht nur mit unglaublichen Geschichten darüber unterhalten, wie Katastrophenopfer selbst gegen alle Wahrscheinlichkeit überlebt haben. Vielmehr sollen den Lesern auch Hinweise an die Hand gegeben werden, wie man sich auf den Fall der Fälle vorbereitet.
Wer im Flugzeug als Erstes die Schuhe auszieht und sich statt in die Sicherheitshinweise in die Tageszeitung vertieft, hat wenig Chancen, wenn es darum geht, durch einen scherbenübersäten glühendheißen Mittelgang zu flüchten. Und wo waren noch gleich die Notausgänge? Überlebensstrategien müssen nicht spektakulär sein: Wann haben Sie das letzte Mal den Reifendruck Ihres Autos überprüft? Die Batterien im Feuermelder gewechselt? Eine Vorsorgeuntersuchung wahrgenommen? Die Skibindungen geprüft?
Die Angst vor der Panik
Unsere Angstreaktionen sind ein evolutionäres Erbe. Sie rüsten uns eher für die Begegnung mit Raubtieren als für sinkende Schiffe, abstürzende Flugzeuge und einstürzende Hochhäuser. Manchmal retten sie unser Leben, indem sie uns schneller reagieren lassen, als eine bewusste Entscheidung das ermöglicht hätte. Manchmal lassen sie uns im falschen Moment vor Schreck erstarren, bis es zu spät ist. Katastrophen betreffen Menschengruppen, nicht Einzelpersonen, doch die wilde Schlägerei um den einzigen Notausgang ist die Ausnahme. Die Zivilisation bleibt auch in der Katastrophe bestehen, berichtet Ripley. Menschen sind in Grenzsituationen oft besonders zuvorkommend und höflich, sie helfen Fremden, sie warten darauf, dass jemand kommt und ihnen sagt, was sie tun sollen.
Das Schlimmste an der Panik ist die Angst vor ihr, so Ripley. Behörden enthalten den Bürgern wichtige Informationen vor, um keine Panik aufkommen zu lassen. Panik ist zudem ein billiges Mittel, um den Opfern die Schuld für ihr Schicksal in die Schuhe zu schieben. Für den behördlichen Katastrophenschutz hat Ripley nicht viel übrig. Viel Geld wird ineffizient vertan, der Normalbürger gerade nicht mit verstehbaren, klugen Verhaltensregeln ausgestattet. Es geht - da sind sich beide Autoren einig - um eine verbesserte Antizipation der absehbaren Gefahren, um die Herstellung von präventiven Routinen. Die Evakuierung von New Orleans vor dem Hurrikan Katrina verzögerte sich, weil die Juristen erst noch Entschädigungsfragen klären mussten. Was nutzt ein Tsunami-Warnsystem, wenn die Bevölkerung nicht weiß, was die verschiedenfarbigen Flaggen am Stand bedeuten? Was die lückenlose Kameraüberwachung in der U-Bahn, wenn die Notfallkoffer wohl verschlossen in einem Büro lagern statt in den Zügen?
Wo sind die Notausgänge?
Nur ein Drittel der Menschen, die im World Trade Center arbeiteten, wusste, wo sich die Treppenhäuser befanden. Doch Notfallübungen kosten Geld und Zeit. Rick Rescorla, Vietnam-Veteran und Sicherheitschef der Investmentbank Morgan Stanley im World Trade Center, plagte Angestellte wie Gäste des Unternehmens mit intensiven Sicherheitstrainings. Jeder Besucher bekam zuerst die Notausgänge gezeigt. Die Kollegen witzelten über seinen paramilitärischen Aktivismus, doch am 11. September kamen 2687 Angestellte von Morgan Stanley mit dem Leben davon, 13 - darunter Rescorla - starben.
Beide Autoren berichten, die Beschäftigung mit Katastrophen habe sie eher beruhigt als verunsichert. Beim Leser überwiegt am Ende eher die Verunsicherung. Der Feuermelder ist zwar installiert, doch wer beim Alarm aus dem Bett schießt, ist schon so gut wie tot, erklärt ein Feuerwehrmann. Wegen des Rauchs muss man sich auf den Boden rollen und den Raum robbend verlassen. In der Bedienungsanleitung steht so etwas leider nicht.
Amanda Ripley: Survive. Katastrophen - wer sie überlebt und warum. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2009. 334 S., br., 14,95 €.
Ben Sherwood: Wer überlebt? Warum manche Menschen in Grenzsituationen überleben, andere nicht. Riemann Verlag, München 2009. 477 S., geb., 21,- €.
Buchtitel: Survive
Buchautor: Ripley, Amanda
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag