Die Generosität kommt vom Gen

21. August 2006 Er habe, schreibt der Autor, einmal Geld von der Versicherung eingesteckt, ohne den Schaden am Wagen auszubessern. Ein Bekannter, so der Autor weiter, besitze eine Bar, deren Tresenarbeitskräfte teilweise schwarz bezahlt würden. Man spürt eine Gaunergeneration heraufdämmern. Deutschland, schreibt der Autor, sei pleite und zahle Florida-Rolf die Sonnencreme. Wenn mehrere Freiberufler zusammen essen gingen, gehe am Ende, schreibt der Autor, immer ein Gerangel los, wer die Rechnung nehmen könne, um dem Finanzamt eine geschäftliche Einladung nachzuweisen. Wie nennen wir das? Wir nennen das die Ego-Gesellschaft. Der Sozialstaat, schreibt der Autor, sei pleite, weil "wir" ihn "kannibalisiert" haben. Als nächstes werden die Leute anfangen, sich selber zu kündigen, damit sie mehr Zeit haben, alles mögliche an sich zu raffen. Millionen ohne Job können nicht irren. Anders als in allen bekannten Epochen der Menschheitsgeschichte leben ausgerechnet wir in einer Zeit, in der Leute kleine Vorteile für sich selbst herauszuschlagen versuchen. Warum konnten wir nicht im alten Athen zur Welt kommen, wo die Menschen den Tonnenbewohnern ihre Scheckkarten hinwarfen, weil die Schnödheit des Mammons sie nur vom Debattieren abhielt?

Der Mensch, so der Autor, ist genetisch auf Großzügigkeit geeicht - wenn nicht er, so mindestens seine nächsten Verwandten Rhesusäffchen, Hundsaffe und Rotkehlchen. Ein Psychogenetiker (ja, Psychogenetiker! Wir warten auf den Genpsychiater) habe anhand von 600 Zwillingen nachgewiesen, daß "50 Prozent des gemessenen altruistischen Verhaltens den Genen geschuldet" sind. Die Ergebnisse dieser Altruismus-Forschung seien bis heute nie überzeugend widerlegt worden - um wieviel weniger das vorliegende Buch! (Thomas Ramge: "Nach der Ego-Gesellschaft". Wer gibt, gewinnt - Die neue Kultur der Großzügigkeit. Pendo Verlag, 215 S., geb., 18,- [Euro].)

Emsig geht Thomas Ramge der These nach, die bewiesen werden muß: daß jetzt, weil die Erbanlagen es gebieten, ein Zeitalter der Großzügigkeit ausbricht, nachdem die Erbanlagen sich in den Jahren zuvor eine kleine Auszeit genommen haben. Er findet Stiftungswesen; Bürgerstiftungswesen; Firmen, die sich um gute Sachen kümmern; Firmen, die sich um ihre Mitarbeiter kümmern; Bauunternehmer, die aus freiem Antrieb Staudämme in Burkina Faso reparieren; Erben, denen die Erbendepression droht und denen geholfen werden könnte durch: Stiftungen, Bürgerstiftungen, einen Staudammbau in Burkina Faso. Der Autor singt das Hohelied der Kindererziehung ("Wer sozial eingestellte Kinder möchte, muß ihnen jeden Tag soziales Verhalten vorleben"), er stößt ins große Horn, welches die altdeutsche Tugend der Vereinsmeierei zur altruistischen Großtat veredelt: Ehrenamt schmückt! Abermillionen im Lande bekleiden es: "Die Großzügigkeit liegt in unserer Natur, weil sie sich lohnt."

Die Ratlosigkeit der Menschen, denen die Wirtschaft keinen Job mehr bieten kann, kommt hier nicht vor. Millionen ohne Aussicht sind kein Problem. Das Problem sind diejenigen Resignierten unter ihnen, die in ihrer Sofaecke die Hand aufhalten. Die könnten doch ein Ehrenamt annehmen, wenn es schon keine entlohnte Beschäftigung gibt! Sie werden zu jenen gestellt, die ohne Resignation das Handaufhalten gelernt haben: zu Deutsche-Bank-Skandalnudeln, gewieften Gutverdienern, denen es ein rechtes Spielchen ist, das Geld am Fiskus vorbeizumogeln.

Das nehmen wir dem Autor übel, wie gern wir auch vieles glauben würden: daß das Geben glücklich machen soll. Daß es selbst in einem Kapitalismus, der unkontrolliert in die Zukunft schießt, noch Hoffnung geben soll für Menschlichkeit. Wie in jedem Debattenbuch ist die Empirie willkürlich, und hier läuft sie nach zweihundert Seiten auf das Bekenntnis zu: "Als ich mit den Recherchen für dieses Buch begann, war ich mir nicht ganz sicher, ob die Ego-Gesellschaft ausgedient hat. Ob eine realistische Chance besteht, daß der Gemeinsinn den Eigensinn öfter als gelegentlich schlagen kann. Jetzt bin ich sicher." Warum? "Ich habe mit zu vielen Menschen geredet, denen die Nehmermentalität zum Halse heraushängt. Und die haben von zu vielen berichtet, denen es genauso geht." Man ärgert sich still, vielleicht um so mehr, da dem Buch Schlaglichter von schlichter Überzeugungskraft gelingen, die sich abseits von Verallgemeinerungen und Thesenfechterei bewegen: das Ehepaar, welches eher zufällig in eine selbstorganisierte Hilfsaktion für ein krebskrankes russisches Mädchen stolpert; der Fernsehmoderator, der diverse Dinge konzeptlos und spontan fördert, weil es ihm ein gutes Gefühl gibt.

Der Biologismus des Autors aber befreit uns vom Gutseinmüssen. Wir helfen, weil wir uns danach besser fühlen. Wir müssen nicht beseelt, müssen nicht Mutter Teresa sein; wir brauchen keinen Gott, keine Kirche, keine Nation, um anderen zu helfen. Wir tun es für uns. Das ist eine erleichternde Erkenntnis. Aber kommt sie deshalb wirklich, die Altruismusgesellschaft, in der die Reichsten auch die Besten sind? Das glauben wir erst, wenn Bill Gates Zigmilliarden seines Vermögens in wohltätige Zwecke investiert. Wie, das hat er schon? Na dann.

KLAUS UNGERER



Buchtitel: Nach der Ego-Gesellschaft - Wer gibt, gewinnt - Die neue Kultur der Großzügigkeit
Buchautor: Ramge, Thomas

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 35

 
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