11. Mai 2007 Wenn ein armer unbekannter Künstler im Paris des Fin de Siècle wissen wollte, ob er womöglich bald schon zum Fixstern am weiten Kunsthimmel über der Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts werde, so genügte ein Blick in die Zeitung, um sich zu vergewissern, dass dort von seinen Werken berichtet worden sei. Doch weil bei Ausstellungen, etwa der Société des Artistes Françaises, die einmal im Jahr auf den Champs-Elysées stattfand, in einem Artikel bis zu viertausend Namen künftiger Großkünstler genannt wurden und weil es in Paris seinerzeit außerdem fast so viele Zeitungen wie Sterne am Himmel gab, drohte dem unbekannten Künstler schnell die Übersicht abhandenzugeraten.
Um diesem Missstand abzuhelfen, gründete Graf François-Auguste-Gaston de Chambure 1879 den Argus de la Presse, das erste Zeitungsausschnittbüro. Dort machte man es sich zur Aufgabe, die Tagespresse systematisch nach Kunstkritiken zu durchforsten, die Zeitungen fein säuberlich zu zerteilen und die Ausschnitte gegen kleines Geld an die entsprechenden Interessenten weiterzuleiten, damit jenen der Fetzen Papier zur Sprosse ihrer persönlichen Himmelsleiter gereichte.
So hat sich, zumindest der Legende nach, eines der Gründungsszenarien ab-gespielt, mit der eine unscheinbare, aber umso wirkungsmächtigere Praktik institutionalisiert worden ist, der Anke te Heesen nun eine ebenso facettenreiche wie beeindruckende Studie gewidmet hat: der Schnitt in die Zeitung und seine professionelle Verarbeitung in den sogenannten Zeitungsausschnittsammlungen.
Das alltägliche Verfahren, interessante oder vermeintlich wichtige Artikel jenem Medium zu entnehmen, das heute noch aktuell, morgen jedoch schon Abfall ist, kennt jeder aus eigener Erfahrung. Weniger bekannt mag dagegen die erstaunliche, bisweilen abgründige Produktivität sein, die dieses Verfahren im zwanzigsten Jahrhundert zu entfalten vermochte. Neben der Etablierung von "literarischen Auskunftsbüros" sprießen im wilhelminischen Deutschland sowohl in der Privatwirtschaft mit ihren Banken, die etwas über die finanziellen Hintergründe möglicher Geschäftspartner oder Investitionsobjekte zu erfahren wünschen, als auch in den propagandistischen Unterabteilungen der Regierung Bismarck jene neuartigen Zentralstellen der Informationsbeschaffung hervor. Im Spannungsfeld zwischen solch imperialer Großmachtpolitik und ökonomischem Geheimwissen entwickelt sich daraufhin eine regelrechte Kapitalisierung der Informationshäppchen, mit der sich neben den Fundamenten der heutigen Publizistik auch die Erkenntnis formiert, dass die Wa(h)re Information im Ausschnitt liegt: die Entstehung der Zeitungswissenschaft aus dem Gebrauch der Schere.
Anke te Heesen gelingt es in ihrer luziden Mediengeschichte der zerschnittenen Zeitung nicht nur, mit besonderer Materialzärtlichkeit eine bislang weitestgehend übersehene kulturelle Praktik zu rekonstruieren und analytisch auszudeuten. Vielmehr noch entwickelt sie mit eleganter Beiläufigkeit eine kleine Theorie des Fragments, wenn sie verdeutlicht, welch ungeheurer Akt im "cut and paste" einer Zeitung besteht: durch das Zerteilen der Zeit gleichermaßen wie der informationellen Relevanz mit Hilfe eines scherenscharfen Ordnungsverfahrens befindet sich der Ausschnitt zugleich in einer schillernden Ambivalenz zwischen seiner Existenz als wertlosem Papier und der dauerhaft bewahrenswerten Qualität eines klassischen Druckerzeugnisses wie dem Buch. Ein kaum aufzulösender Schwebezustand zwischen Ewigem und Vergänglichem, den die Autorin als ein Symptom der Moderne identifiziert.
Anhand von drei eindrücklichen Fallstudien entfaltet das Buch ein breites Panorama der "Ausschneidesysteme" in Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft um 1900. Der erste Fall ist durchaus wörtlich zu nehmen, beschreibt er doch den Abstieg eines braven Reichsbeamten in die Niederungen einer manischen Gegnerschaft zur Relativitätstheorie. Der Experimentalphysiker Ernst Gehrcke sieht durch die neuen Erkenntnisse über Raum und Zeit sein eigenes Wissenschaftsverständnis von fleißiger Laborarbeit und exakten Messungen dermaßen erschüttert, dass er in einem Akt verzweifelter Auflehnung jeden Zeitungsschnipsel zu seinem ungleich berühmteren Kollegen einzufangen sucht. So klebt Gehrcke sorgfältig einundzwanzig voluminöse Bände mit Meldungen über den segelnden, Geige spielenden und grundlagenphysikalisch spekulierenden Einstein zu, um daraus dann schmale Bücher mit Zitaten zur Widerlegung der Theorie, vor allem aber zur Demontage der öffentlichen Figur Albert Einstein zu montieren. Der Aufwand ist groß und füllt Gehrckes weiteres Gelehrtenleben vollständig aus. Am Ende ist es jedoch Gehrcke, der einer Massensuggestion erliegt, die er mit seinem Zeitungsgebrauch zu reflektieren vorgibt, denn er klebt sich ein Feindbild zusammen, das es so nie gegeben hat.
Dagegen zeigt sich Kurt Schwitters im zweiten Fallbeispiel gemeinsam mit anderen Dadaisten auf der Höhe des neuen Mediums, wenn er die Zeitung mit subtilem Blick dekomponiert, um sie nach diesem "Entformelungsprozess" zu neuen Gestalten zusammenzusetzen.
Ganz anders als Schwitters, der das in Bewegung versetzte Papierfragment als einen aufgespeicherten Augenblick, als eine neu auszurichtende Momentaufnahme des Geschehens versteht, liegt das dritte Fallbeispiel: Im Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv unternimmt man seit 1908 eine Vivisektion des globalen Wirtschaftsgeschehens für die Ewigkeit. Dieses Beispiel verdient nun die größte Aufmerksamkeit, und zwar weniger wegen seiner inzwischen fast zwanzig Millionen Zeitungsausschnitte, die sich längst zu einem Monument der geschichteten Zeit verwandelt haben, sondern weil der immer noch aktuellen Sammlung jetzt die Vernichtung droht. Seit einem Jahr ist das serielle Sichten, Schneiden und Kleben eingestellt, und die Akten stehen kurz vor der Übergabe an den Schredder. Es droht damit der unwiederbringliche Verlust eines kulturellen Gedächtnisses aus Papier; das Bedrohlichste besteht jedoch darin, dass ein naives Vertrauen in die keineswegs zukunftssicheren Digitalisierungsmaßnahmen vorzuherrschen scheint und sich hierzulande weder jemand findet, der dieser Kulturzerstörung Einhalt gebietet, noch ein tatkräftiger Gönner, der die hamburgische Sammlung aufzunehmen bereit wäre.
Die ehemals ersten Adressen der Informationsbeschaffung scheinen also inzwischen allenfalls musealen Wert zu besitzen. Aber selbst dieser geht mit dem finalen Schnitt der Schredderscheren vollständig verloren - es sei denn, es findet sich alsbald jemand (vielleicht ein noch unbekannter Künstler mit Sinn für Geschichte, Fixsterne und einem sehr weitläufigen Atelier), der diese unzähligen Aktenmeter vor dem Reißwolf bewahrt.
MARKUS KRAJEWSKI.
Anke te Heesen: "Der Zeitungsausschnitt". Ein Papierobjekt der Moderne. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006. 384 S., Abb., br., 16,95 [Euro].
Buchtitel: Der Zeitungsausschnitt
Buchautor: Heesen, Anke te
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.05.2007, Nr. 109 / Seite 41
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