03. Dezember 2008 Vor vier Jahren stellte eine Arzneimittelfirma in einer Werbekampagne für ihr Antidepressivum die rückschauende Diagnose, nach der Goethe an einer bipolaren Störung gelitten haben soll: Hätte er bereits dieses Medikament gekannt, wäre ihm schnell geholfen worden - oder in den Worten der Werbetexter: "Goethe hat wieder Hoffnung und Perspektive. Zyprexa. Damit das Leben weitergeht."
Zumindest sollte wohl das Geschäft weitergehen. Die eher kuriose Marketingstrategie für dieses "Blockbuster"-Medikament, die der bekannte österreichische Medizinjournalist und Sachbuchautor Hans Weiss ("Bittere Pillen") vermerkt, gehört zu den harmloseren Umtrieben der Pharmaindustrie, die er in seinem neuesten Buch offenlegt. Wie einst Günter Wallraff legte er sich zur Tarnung eine neue Identität zu. Er gab sich als Pharmaberater aus und erhielt so Zutritt zu brancheninternen Symposien und Datenbanken. Auch gelang es ihm auf diese Weise, angesehene Mediziner in die von ihm gelegte Falle tappen zu lassen.
Was Weiss bei seinen Recherchen herausgefunden hat, ist zwar zum Teil seit langem bekannt und immer wieder Stein des Anstoßes gewesen, aber nie zuvor sind so offen Ross und Reiter genannt worden. Der Anhang besteht aus einer detaillierten und ungemein hilfreichen Auflistung von Pharmafirmen, mit Angaben darüber, wie viel sie in Forschung und Marketing investieren und welcher unethischen oder gesetzeswidrigen Praktiken sie bis dato überführt oder beschuldigt wurden. Noch brisanter dürfte die Ärzteliste sein, in der die enge Verflechtung einer großen Zahl angesehener Ärzte in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit der Pharmaindustrie minutiös nachgewiesen wird. Und was noch mehr überrascht: Größtenteils stammen diese kompromittierenden Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen, beispielsweise Konferenzprogrammen oder "Conflicts of Interest"-Erklärungen in anglo-amerikanischen Fachzeitschriften.
Weiss gibt Einblick in die Methoden der Marketingabteilungen der Branchenriesen, die einen Großteil der Gelder nicht mehr für Forschung, sondern für Werbung ausgeben. Auch erfahren wir etwas über den deprimierenden Alltag eines Pharmareferenten ("Ehrlich gesagt, ich habe mir den Job anders vorgestellt"), in dem die kostenlosen Musterpackungen der unentbehrliche Zugangsschlüssel zur Arztpraxis sind. Um die Werbetrommel für ein Arzneimittel zu rühren, scheuen die Pharmakonzerne nach Weiss auch nicht davor zurück, negative Ergebnisse klinischer Studien zu verschweigen. Schwerer wiegt, dass ein Großteil der für die Zulassung wichtigen Studien nicht unabhängig erstellt wurde. Sie werden nämlich von der Pharmaindustrie nicht nur finanziert, sondern auch zum Teil mit Hilfe von "Ghostwritern" verfasst.
Dass dies für die beteiligten Ärzte ein gutes Geschäft ist, liegt auf der Hand. Im Unterschied zu den Vereinigten Staaten, wo eine Arbeitsgruppe der Association of American Medical Colleges (AAMC) im Frühjahr 2008 konkrete Vorschläge machte, wie man die Einflussnahme der Pharmaindustrie auf Dauer verringern kann, fehlt es in Deutschland an ähnlichen Initiativen. Immerhin existiert seit dem Jahr 2004 ein Verhaltenskodex der "Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e.V.". Dieser schreibt unter anderem vor, dass Ärzte "nicht in unlauterer Form beeinflusst werden" dürfen. Auch sind Geld- und Sachspenden über einen Betrag von mehr als zehntausend Euro pro Jahr und Empfänger zu veröffentlichen.
"Ehrenwert, aber wirkungsarm", nennt dies das Forum Gesundheitspolitik, auf dessen Webseite zahlreiche Fälle von Einflussnahme dokumentiert sind, die zum Teil ebenfalls von Weiss herangezogen werden. Dort findet sich auch der Hinweis auf eine Untersuchung, die 2008 in der Fachzeitschrift "Journal of Nervous and Mental Diseases" erschien. Analysiert wurden der Wahrheitsgehalt und die wissenschaftliche Nachvollziehbarkeit der Werbung für Psychopharmaka. Der Befund überrascht kaum: In der Kategorie "Wirksamkeit" ließ sich nur für knapp über die Hälfte der Behauptungen eine Bestätigung finden.
Erschreckender ist noch etwas ganz anderes, das Weiss bei seinen Recherchen herausgefunden hat. Er befragte (getarnt als Pharma-Consultant) fünf renommierte Psychiater, vier in Deutschland und einen in Österreich, ob sie bereit seien, schwer depressive Patienten, bei denen bekanntlich das Suizidrisiko hoch ist, in einer klinischen Studie auch nur mit Placebo statt mit einem bewährten Antidepressivum als Vergleichsmedikament zu behandeln. Nur einer wies darauf hin, dass dies eine heikle Sache sei, da die Deklaration von Helsinki, also die ethische Richtschnur für Ärzte in aller Welt, verbietet, bei schweren Erkrankungen eine placebokontrollierte Studie durchzuführen, wenn es bereits eine Standardtherapie gibt. Die anderen hatten offenkundig keine moralischen Skrupel und bekundeten Interesse an der Durchführung solcher Forschungen.
Die in Deutschland für die Genehmigung solcher Studien zuständigen Ethik-Kommissionen legen offensichtlich ihre Richtlinien sehr lax aus. Dabei ginge es methodisch auch anders. Aber eine placebokontrollierte Studie mit achtzig Patienten, so rechnet uns Weiss vor, kostet etwa drei Millionen Euro, eine sogenannte aktive Kontrollstudie, die ohne Placebo auskommt, benötigt achthundert Patienten und kostet zehnmal so viel. Placebo ist also nicht nur in der Therapie, sondern auch in diesem Fall erheblich billiger!
ROBERT JÜTTE
Hans Weiss: "Korrupte Medizin". Ärzte als Komplizen der Konzerne. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 271 S., geb., 18,95 [Euro].
Buchtitel: Korrupte Medizin - Ärzte als Komplizen der Konzerne
Buchautor: Weiss, Hans
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2008, Nr. 283 / Seite 32