Die Freiheit in diesem Augenblick

12. Dezember 2004 Vielleicht ist es der größte Satz, den man einem Schriftsteller sagen kann. Der Satz, den der ukrainische Essayist und Schriftsteller Juri Andruchowitsch dem ungarischen Schriftsteller Péter Zilahy geschrieben hat, im Angesicht der revolutionären Ereignisse in der Ukraine: "They are living your book now", hat er ihm geschrieben: "Sie leben gerade dein Buch." Sie leben dein Buch. Und dieser Schriftsteller, dem dies geschrieben wird, sieht abends in den Nachrichten eine Regierung stürzen, sieht die Wahrheit siegen, das Volk tanzen, feiern und die Macht übernehmen. They are living your book. Was für ein Satz. Was für ein Buch. Péter Zilahys Revolutions-Alphabet "Die letzte Fenstergiraffe", das in diesem Herbst auch auf deutsch erschienen ist, wurde im April in der Ukraine zum Buch des Jahres gewählt. Schon bei der Vorstellung des Bandes in Kiew, vor gut einem Jahr, hatte Andruchowitsch das Publikum in einer überfüllten Buchhandlung aufgefordert, es sei an der Zeit, dieses Buch zu benutzen. Und sie benutzten es. Sie benutzen es. Jetzt.

Was ist das für ein Buch? Und was ist das für ein Titel? Er bezieht sich auf ein ungarisches Kinderlexikon, das jedes Kind im Lande kannte. Mit dem jedes Kind in Ungarn die Welt kennenlernte. "Ablak - Zsiráf" heißt es. A wie Ablak, Fenster - Z wie Zsiráf, Giraffe. Die ganze Welt zwischen diesen beiden Worten. Fenstergiraffe. "Die Fenstergiraffe ist meine Kindheit, sie ist der Umkleideraum, der Sportunterricht, das ständige Wachsen, eine Zeit vor einer besseren Zeit, die weiche Diktatur, meine Hausaufgaben, meine Unschuld, meine Generation", heißt es in Zilahys Buch. Er hat das Kinderlexikon als Folie benutzt, um die Welt neu zu ordnen. Um die Welt zu erfassen, mitzuschreiben, neu zusammenzufügen, während sie ein- und umstürzt und sich ihrer alten Kinderordnung entledigt. Ein Revolutions-Alphabet.

A wie Anfang

Die meisten Erlebnisse hat Zilahy in Belgrad gesammelt. Im Winter 1996/97, als die Regierung Milosevic Ergebnisse von Landtagswahlen massiv gefälscht hatte und Hunderttausende auf die Straßen gingen. Um Gerechtigkeit zu fordern. Um die Macht einzufordern, die Macht, die ihnen zusteht. Zilahy war dabei, damals, demonstrierte, beobachtete und schrieb mit: "Die Nachrichten live zu erleben ist ein alter Traum von mir", heißt es im Buch gleich zu Beginn. Aber das Buch schweift in den Kinderbegriffen noch viel weiter zurück. Schreibt eine Familiengeschichte, die 1914 beginnt, eine Unglücksgeschichte, Revolutionsgeschichten von 1956 und 1968. Alles in kurzen Episoden. Vor allem aber: Belgrad und der große Winter 96/97. Als eine Stadt plötzlich Weltbedeutung erlangt. Die Welt live berichtet: "Binnen weniger Tage ist Belgrad zu einer modernen Stadt geworden. Kameras zeichnen die Demonstrationen von allen Seiten auf. Wohin du auch gehst, alles wird aufgenommen, die Menschen wissen, sie kommen irgendwo ins Fernsehen, in deutsche, italienische oder englische Kanäle." Und jetzt in Zilahys Buch.

Es sind Geschichten von plötzlicher Liebe, unerwarteter Freundschaft, vom Staunen über die plötzliche Macht, von Verbrüderungen mit der Miliz, Ausharren in größter Kälte, dem Rausch einer unfaßbaren Gemeinsamkeit. Oder es geht um einfache Tricks: Wie präpariere ich ein Ei möglichst wirkungsvoll? Wie ziehe ich die Regierungstruppen auf unsere Seite? Wie trotze ich der Kälte? Manches wirkt tatsächlich wie live, heute, aus Kiew. Wie die Regierung ihre Anhänger vom Land in Bussen in die Hauptstadt fahren läßt und wie diese, die in ihrem Leben noch nie in Kiew/Belgrad waren, dann verloren durch die große Stadt streifen, staunen, einkaufen gehen, sich verlaufen oder sich versehentlich der falschen Demonstration anschließen. Wie bei "Asterix als Legionär" im Bruderkampf von Cäsars Truppen gegen Scipio und die verwirrten Legionäre in Schildkrötenformation unter ihren Schilden fragen: "Wie, ist das hier nicht die Schildkröte von Scipio?" - "Aber nein." - "Aber ja."

Sie leben dein Buch. -

Péter Zilahy hat natürlich ein bißchen übertrieben, als er diesen Satz an seinen deutschen Verleger sandte und der ihn an die Feuilleton-Redaktionen weiterschickte. Andruchowitsch jedenfalls erklärt auf Nachfrage eher zurückhaltend: "Niemand weiß, wie literarische Texte wirklich auf die Massen wirken. Was ich meinte, als ich Péter den Satz geschickt habe, war nur, daß die Kiewer Straßenrevolution auch sehr karnevalistisch ist und in vielen Sujets der Belgrader sehr ähnlich." Und der populärste Schriftsteller der Ukraine, der in Rußland geborene und in Kiew aufgewachsene Andrej Kurkow, in dessen Romanen der sympathische Pinguin Mischa die Hauptrolle spielt, antwortet auf die Frage, welchen Einfluß Bücher auf die Revolution gehabt haben könnten: "Bücher wohl weniger. Die Schriftsteller dafür um so mehr." Schriftsteller seien die ersten gewesen, die öffentlich ihre Unterstützung für Juschtschenko erklärt und auf Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen hingewiesen hätten. Schriftsteller des Landes täten zur Zeit vierundzwanzig Stunden am Tag Dienst in der zentralen Buchhandlung des Landes. Servierten den Kunden Tee und Sandwiches und erklärten ihnen ihre Sicht der aktuellen Entwicklungen und wie sie sich die Zukunft vorstellten. Und Kurkow schwärmt von der orangenen Diskothekenrevolution, bei der die Parolen des Tages über Nacht zu Liedtexten umgedichtet werden.

So steht es auch in der "Fenstergiraffe". So ungefähr. Und Kurkow hat das Buch gar nicht gelesen.

R wie Revolution

Aber der deutsche Schriftsteller Ingo Schulze hat es gelesen. Er sagt: "Selten hat ein Buch so gut zu den Verhältnissen gepaßt wie dieses. Als ich von diesem Buch-des-Jahres-Preis hörte, das war im April, sagte das auch sehr viel über die Ukraine. Ich denke, daß so ein Buch die Leute ganz unmittelbar ermutigt hat, bis dahin, daß sie vielleicht manche Praktik, manchen Trick aus dem Buch gelernt haben." Und natürlich sei es die Entschlossenheit von Hunderttausenden, die durch Fröhlichkeit, Phantasie und Karneval, vor allem durch die Gewaltlosigkeit ihr Gesicht erhalten habe. Schulze: "Mich erinnert das sehr an Leipzig 89."

So liest jeder seine eigene Geschichte in diesem Buch. Etwas Besseres kann man über Literatur kaum sagen. Besonders in Osteuropa ist "Die letzte Fenstergiraffe" erfolgreich. Nicht nur in der Ukraine, auch in Kroatien wurde es zum Buch des Jahres gewählt. Mittlerweile ist es in fünfzehn Sprachen übersetzt; die deutsche Übersetzung ist von Terézia Mora, die man gar nicht genug dafür loben kann, daß sie die hervorragende Übersetzung dieses großen Revolutionsbuchs im selben Jahr vorlegt wie ihren erstaunlichen Roman "Alle Tage".

Z wie Zögert nicht!

Ich habe Péter Zilahy in diesem Sommer kennengelernt. Er saß im Garten seines deutschen Verlegers an einem brandenburgischen See und aß große Mengen Kuchen. Später sind wir zusammen über den See gerudert, und er hat eigentlich mehr von New York erzählt, als von Ungarn oder der Ukraine. Er war nach Deutschland gekommen, um sein Buch vorzustellen. Und da er es auf deutsch vorstellen wollte, war er ein paar Wochen früher gekommen, um deutsch zu lernen in dieser Zeit und wohnte jetzt im Holzhaus seines Verlegers. Bei der Buchvorstellung im Literarischen Colloquium am Wannsee war sein Deutsch schon ganz erstaunlich.

Zilahy, 34, arbeitet in Ungarn auch als Verleger, gibt dort eine Reihe internationaler Debüts heraus, er ist Lyriker, und Fotograf ist er auch. Am Tag nach der Buchvorstellung eröffnete er eine Ausstellung mit seinen Fotografien in Berlin. Dann war er schon wieder weg.

Er ist eigentlich ständig unterwegs. Als ich ihn jetzt anrufe, erreiche ich ihn auf irgendeiner südlichen Insel. Kiew sei weit weg, sagt er. Aber die Euphorie, die aus seinem Buch spricht, liegt doch auch jetzt in seiner Stimme. "Nichts", sagt er, "kann man aus den Fernsehbildern schließen." Die Wirklichkeit sei vollkommen anders. "Diese Illusion von Freiheit." - "Illusion?" frage ich. Und er lacht: "Wir wissen doch alle, was danach kommt. Natürlich ist es mit der Freiheit nach einigen Wochen für immer vorbei. Danach ist Verwaltung. Alltag. Die Freiheit ist nur jetzt." Und er sagt: "Wer das noch nicht erlebt hat, muß jetzt hinfliegen. Der muß jetzt nach Kiew fliegen. Das ist eure Chance. Das gibt es nur einmal im Leben eines Staates. Das kommt nur einmal. Fliegt hin. Als Lernende. Als Menschen. Ihr müßt das durchleben! Dieses Zwischenreich der Macht."

Das habe er in seinem Buch beschreiben wollen. Das hat er geschrieben. Das Alphabet der Revolution. Sie leben sein Buch in Kiew jetzt. Ob sie es wissen oder nicht.

VOLKER WEIDERMANN

Péter Zilahy: Die letzte Fenstergiraffe. Ein Revolutions-Alphabet. Aus dem Ungarischen von Terézia Mora. Eichborn-Berlin. 2004. 182 Seiten. 22,90 Euro



Buchtitel: Die letzte Fenstergiraffe - Ein Revolutions-Alphabet
Buchautor: Zilahy, Péter

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.12.2004, Nr. 50 / Seite 25

 
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