Die Feministin im Harem

21. Juli 2008 In einem seiner Radiovorträge malte Arno Schmidt einst das Leben der Lady Mary Montagu im Orient aus: wie Sultan Ahmed III. in Adrianopel der englischen Adligen, immerhin Gattin des britischen Gesandten an der Hohen Pforte, ein Schnupftuch zuwarf, mit dem er ihr sein Gefallen kundtat. Gleich darauf wurde sie von Kosmetikerinnen herausgeputzt und mit rotem Henna bemalt, um schließlich dem osmanischen Fürsten ins Schlafgemach gebracht zu werden. Aus dieser Nacht soll dann der Sohn Edward hervorgegangen sein. Leider hielt das rote Henna zu lange, und da der gute Botschafter und Ehemann die sultanischen Sitten nur zu gut kannte, ließ er sich von seiner Frau scheiden. Eine schöne Geschichte, die so recht passt zu den Vorstellungen, die man sich über eine der ersten weiblichen Orientreisenden machen könnte, aber es ist eben doch nur eine Geschichte. Zuerst verbreitet hat sie der windige Sohn, mit dem unsere Lady jahrzehntelang ihre Hühnchen zu rupfen hatte. Arno Schmidt griff die farbige Erzählung nur zu dankbar auf.

Der Botschafter Wortley Montagu hatte aber ganz andere Sorgen, und die waren politischer Art: ein heraufziehender Konflikt zwischen Österreich und der Türkei um die Festung Belgrad, ein Konflikt, der den Briten gar nicht passte, und eine eilige Reise nach Istanbul ins Zentrum der Macht. Das ist eine der Ernüchterungen, mit der die erste große Biographie der Lady Montagu in deutscher Sprache aufwarten kann (im englischen Sprachraum sind in den letzten fünfzig Jahren indes zwei erschienen). Der Literaturwissenschaftler und einstige Verlagschef Günter Gentsch entmythifiziert zunächst einmal viele Legenden, die sich um die Literatin gelegt haben, um schließlich seinen eigenen Lebensentwurf der Lady Montagu vorzulegen. Viele der Geschichten, die über Frau Montagu kursierten, waren aus üblen Absichten in die Welt gesetzt worden: sei es von dem einst befreundeten Alexander Pope, der es erotisch auf sie abgesehen hatte und von ihr abgewiesen wurde, von Jonathan Swift oder von dem bösartig-geschwätzigen Autor des ersten Schauerromans, Horace Walpole. Neider waren ebenso mit von der Partie wie Stockkonservative, die den Frauen nicht den geringsten geistigen Kredit gaben. In einem Punkt hatte Arno Schmidt aber recht: Die Ehe mit Wortley Montagu war nicht glücklich, und die letzten Jahrzehnte verlebte man getrennt.

Lady Montagu hat sich aus mehreren Gründen dem europäischen Gedächtnis eingeprägt: Sie schrieb äußerst geistreiche Briefe, die sie, vielleicht mit Madame de Sévigné, zu einer eigenen (weiblichen) Kunstform erhob. Ihre Briefe aus dem Orient gaben zum ersten Mal Einblick in das Leben der osmanischen Kultur aus der Sicht einer Frau, die anders als die europäischen Männer auch Zugang zum Harem hatte. Sie gab sich zudem als tapfere Vorkämpferin für die Befreiung der Frau aus den Fesseln einer patriarchalischen Welt, auch wenn sie nicht immer konsistent argumentierte. Nicht zuletzt beeindruckte ihr Mut: Sie führte die Pockenimpfung in Europa ein, die sie bei den Türken kennengelernt hatte. Es galt, viel ärztlichen und kirchlichen Widerstand zu überwinden, aber nachdem zwei Mitglieder der königlichen Familie sich hatten impfen lassen, begann sich die neue Methode durchzusetzen, jedenfalls für eine Weile. Dass man bei den Probeimpfungen zunächst einmal auf sieben verurteilte Verbrecher und sechs Waisenkinder als Versuchskaninchen zurückgriff, gehört allerdings auch zum Bild dieser Zeit.

Lady Montagu eignet sich keineswegs zur Ikone. Gentschs Biographie lässt die Fakten und Zitate sprechen. So stellt er immer wieder fest, dass sie offen und neugierig war; darin liegt die Stärke ihrer Berichte aus dem Orient. Sie lernte sogar ein wenig Türkisch, und das war nicht nur für damalige Verhältnisse ungewöhnlich. Ihr Blick auf die Sitten in fremden Ländern ist aufgeklärt, sie erkennt die Relativität der Kulturen, kann aber dennoch gelegentlich kritisch sein.

Gentsch bettet die Lebensgeschichte in kulturelle und historische Kontexte ein. Gerne schaut er in seinen etwas vertrackten Lang-Sätzen in die Tiefe der Zeiten, in die Vergangenheit Konstantinopels wie voraus auf künftige Orient- und Italien-Reisende: Ida Hahn-Hahn, Ida Pfeiffer, Lady Hester Stanhope, Lord Byron, Goethe und andere. Dadurch erhält der biographische Stoff eine weitere Dimension, die von der umfassenden Bildung des Autors getragen wird.

Man kann ein Leben nicht als isoliertes verstehen und schon gar nicht als eines, das durch Korrespondenzen geprägt ist. Die Britin stand in Gedankenaustausch mit Rousseau und Voltaire, der ihre Impfkampagne lobte. Sie verehrte Henry Fielding so sehr, wie sie Samuel Richardson als Heuchler verabscheute. Sie machte sich Feinde, indem sie kein Blatt vor den Mund nahm, und politisch korrekt im damaligen Sinn war sie schon gar nicht. So sang sie das Lied von der Freiheit türkischer Frauen: "Überhaupt betrachte ich die türkischen Frauenzimmer als das einzig freie Volk im Reiche." Sie war der Meinung, dass Türken nicht von Natur aus grausam seien, und sie schrieb über die Dummheit des Kriegführens. In Gottolengo, einem Städtchen in Italien, wo sie als Patronin der schönen Künste wirkte, wollte man ihr ein Denkmal aufstellen, doch sie konnte dies noch in letzter Minute verhindern. Bei einem ihrer italienischen Aufenthalte wollte ihr die Inquisition gar die Bücher wegnehmen, doch da waren sie an die Falsche geraten.

Überhaupt war sie ein Büchermensch, einmal nennt sie sich eine "Schwester der Feder". Von Kindheit an las sie unendlich viel, später mischte sie sich in die Bücher- und Schreibfehden Londons ein, verfasste satirische Gedichte und schlug sich tapfer, wenn sie von den Brüdern der Feder angegriffen wurde. Nach ihrem Orient-Aufenthalt verbrachte sie noch viele Jahre ohne ihren Mann in Italien, vor allem in Venedig. Eine unglückliche Liebesgeschichte mit einem Italiener trübte ihre späteren Jahre. Als sie gegen Ende ihres Lebens nach London zurückkehrte, war sie eine Attraktion: Man war neugierig auf die exotische, von Skandalen und Gerüchten umwölkte Dame. Ihre Dienerschaft stammte aus allen denkbaren Nationen, so dass eine Besucherin den Eindruck notierte, man befinde sich in der ersten Etage des Turms von Babylon. Die adlige Verwandtschaft bemühte sich nach ihrem Tod, die literarischen und biographischen Spuren dieser Unzähmbaren zu verwischen, doch glücklicherweise misslang ihnen dies - nicht zuletzt zu unserem Vorteil.

ELMAR SCHENKEL

Günter Gentsch: "Roulette des Lebens". Die ungewöhnlichen Wege der Lady Mary Montagu. Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2007. 404 S.,

br., 29,90 [Euro].



Buchtitel: Roulette des Lebens
Buchautor: Gentsch, Günter

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2008, Nr. 168 / Seite 30

 
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