30. Mai 2008 Ist der Mensch ein unwahrscheinlicher naturgeschichtlicher Zufall? Oder musste es doch auf die eine oder andere Weise auf uns hinauslaufen? Diese Frage hält sich hartnäckig. Manche Autoren versuchen sich an ihr auf dem Feld der Kosmologie. Paul Davies hat unlängst gezeigt (F.A.Z. vom 17. März 2008), wie weit sich Spekulationen eines Astrophysikers dabei wagen müssen. Naheliegender ist es, bei den biologischen Verhältnissen zu bleiben und die Evolutionsgeschichte des Lebens ins Auge zu fassen, wie Simon Conway Morris es tut. Die Fragen des in Cambridge lehrenden renommierten Paläobiologen lauten: Hätte diese Geschichte wirklich ganz anders ablaufen können? Oder zeigen sich nicht vielmehr evolutionäre Trends, die auch eine Intelligenz wie die unsere hervorbringen? Morris argumentiert mit Verve für stabile Trends und bezieht damit Stellung in einer großen Debatte um die Rolle des Zufalls auf dem Terrain evolutionsbiologischer Erklärungen.
Der vor wenigen Jahren verstorbene Stephen J. Gould war der wohl wortmächtigste Vertreter der Ansicht, dass die Evolutionsgeschichte von Zufällen durchwirkt ist, die über ihren Gang entscheiden. Sein einprägsames Bild dafür war, diese Geschichte in Gedankenexperimenten noch einmal durchzuspielen: Der tatsächliche Geschichtsverlauf wird gründlich gelöscht, dann lässt man an einem bestimmten Zeitpunkt und Ort die Evolution der Lebensformen wieder ihr Werk aufnehmen. Nach Ansicht von Gould und seiner Mitstreiter würden diese resultierenden alternativen Geschichten des Lebens zu ganz anderen Ergebnissen führen als der faktische Entwicklungsgang: Eine kleine Abweichung in den Randbedingungen, und schon zeigen sich ganz andere Möglichkeitsspielräume für weitere evolutionäre Ausgestaltungen. Die uns geläufigen Lebensformen, uns selbst eingeschlossen, würden auf diesen Entwicklungspfaden nicht entstehen.
Goulds Kampf für die unausblendbare Rolle des Zufalls war eine Attacke auf die Vorstellung evolutionären "Fortschritts". Die Berufung auf zunehmend bessere Angepasstheit würde letztlich leerlaufen. Genau das soll das Gedankenexperiment vor Augen führen: Evolutionäre Adaptationen setzen an Organismen mit bestimmten Bauplänen an, über deren Erfolg jedoch evolutionär zufällige Ereignisse wie etwa erdgeschichtliche Katastrophen mitentschieden. Und die internen Beschränkungen evolutionärer Ausgestaltungen von Lebewesen - Stichwort: Baupläne - würden dafür sorgen, dass jederzeit nicht-adaptative Merkmale sich behaupten können: phänotypische Eigenschaften, die als Nebeneffekt eines an anderen Merkmalen angreifenden Selektionsdrucks entstehen, obwohl sie später adaptativen Wert gewinnen und den evolutionären Entwicklungspfad des Organismus bestimmen. Und könnten nicht solche Merkmale auch unter den entscheidenden gewesen sein, die uns Hominiden zuletzt auf den kulturellen Weg brachten?
Simon Conway Morris widerspricht solcher Herabstufung der Anpassung zugunsten zufälliger Richtungsänderungen von Evolutionspfaden entschieden und sieht sich darin in Übereinstimmung mit einer wachsenden Zahl seiner biologischen Fachkollegen. Gegen die Rolle des Zufalls bringt er die Bedeutung von Konvergenz auf allen Ebenen des Evolutionsgeschehens in Stellung. Konvergenz meint, dass verschiedene Evolutionspfade auf gleiche oder zumindest recht ähnliche funktionelle Formen hinauslaufen: Von verschiedenen Ausgangspunkten aus erreichen Lebensformen die gleiche "Lösung" für bestimmte Aufgaben. Die realisierten Formen erweisen sich in gewissem Sinn als Attraktoren im Raum der biologischen Möglichkeiten und neutralisieren so den Einfluss von zufälligen Störungen.
Lässt sich konvergente Entstehung nachweisen, ist das gleichzeitig ein Argument für die Wirksamkeit von Anpassungsdruck: Warum sonst hätte sich zu verschiedenen Zeiten und Orten eine bestimmte Form etabliert, wenn sie nicht Adaptation an bestimmte Herausforderungen ähnlicher Umwelten war. Dass es solche Konvergenzen gibt, das leugnen auch die Verfechter einer größeren Rolle des Zufalls nicht: Die mehrfache und voneinander unabhängige "Erfindung" von bestimmten Organen, zum Beispiel von Formen des Auges, ist ein oft angeführtes Beispiel. Selbst wenn man die behauptete Unabhängigkeit immer mit Blick auf weiter zurückliegende, noch gemeinsame Vorfahren betreffende genetische Vorentscheidungen in Frage stellen kann. Der entscheidende Punkt aber bleibt, wie hoch man die Bedeutung von Konvergenz veranschlagen soll.
Morris geht bei seiner Beantwortung dieser Frage aufs Ganze. Bei seinem faszinierenden Streifzug durch die Geschichte des Lebens geht es ihm nicht nur um den Nachweis von sehr wahrscheinlich unabhängigen Mehrfacherfindungen der Evolution. Er möchte auch plausibel machen, dass sich grundlegende Strukturen, Baupläne und Eigenschaften des Lebens letztlich so und nicht anders entwickeln mussten: Bestimmte Pfade im riesigen Raum der biologischen Möglichkeiten wären demnach ausgezeichnet, nur gewisse Positionen in diesem Raum, die "Inseln" realisierter Lebensformen, von den Konkurrenten im Evolutionsspiel überhaupt zu besetzen. Ob es sich bei diesen "Inseln" nun um die Organisation des genetischen Codes, den Säugetierbauplan oder die Realisierung von Intelligenz handelt.
Es geht da naturgemäß weniger um Beweise als um die Massierung von Belegen, die ein auf Konvergenz und Anpassung bauendes evolutionsbiologisches Forschungsprogramm stützen und ihm Kontur geben sollen. Trägt der Ansatz, dann wäre auch der Mensch kein zufällig erreichter Zustand im Raum der evolutionären Möglichkeiten, sondern besetzte eine zwar nicht unbedingt für ihn, aber eben doch eine vorgesehene Stelle. Schon möglich, so der Autor, dass Intelligenz sich nirgendwo sonst im Universum entwickelt hat. Und hätten es Delphine statt Primaten als Erste zu ihr gebracht, so würde sie sich wohl auch ein wenig anders ausnehmen. Aber in letzter Instanz gilt für Morris: Gäbe es hinter der nächsten interstellaren Ecke intelligente Wesen, sie wären uns aufgrund universell gültiger Züge der Biologie doch ziemlich ähnlich.
Alle Anstrengungen der Science-Fiction wären dann ganz umsonst gewesen. Selbst die hartnäckig gesuchten extraterrestrischen Intelligenzen böten im Wesentlichen nur Bekanntes. Dann bliebe eigentlich nur noch, darauf zu bauen, dass die Größe des Universums uns diese ernüchternde Selbstbegegnung erspart.
HELMUT MAYER
Simon Conway Morris: "Jenseits des Zufalls".
Wir Menschen im einsamen Universum. Aus dem Englischen von Stefan Schneckenburger. Berlin University Press, Berlin 2008. 367 S., geb., 44,90 [Euro].
Buchtitel: Jenseits des Zufalls
Buchautor: Morris, Simon Conway
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2008, Nr. 124 / Seite 37