08. August 2005 "Als das holdeste und lieblichste Frauengesicht, das Holbein ersonnen hat", feierte der Kunsthistoriker Hermann Knackfuß 1914 die Solothurner Madonna. Hermann Knackfuß teilte das überschwengliche Urteil der meisten Holbein-Forscher, die das Gemälde nach seiner Restaurierung im Jahr 1866 studierten. Knapp zwei Jahre zuvor war die "Solothurner Madonna" zufällig entdeckt und dem Augsburger Konservator Andreas Eigner zur Restaurierung übergeben worden. Andreas Eigner bemerkte abschließend: "Wenigstens habe ich keine Mühe gescheut, gänzlich dem Auge meine Kunsttätigkeit verschwinden zu machen." Erst 1972 sollte eine erneute Restaurierung die Wahrheit ans Licht bringen: Eigner hatte die Tafel völlig übermalt und eine Sacra Conversazione im spätnazarenischen Stil geschaffen. Er traf damit genau den Geschmack und die nationale Gesinnung seiner Zeitgenossen, die in Holbein den "Raffael des Nordens" sahen.
Die Forschung hat sich mit Hans Holbein dem Jüngeren schwergetan, denn die Quellen fließen nur spärlich. Selbstzeugnisse des Malers, der schon zu Lebzeiten zu internationaler Berühmtheit gelangte, gibt es nicht. Selbst das Geburtsdatum ist nicht bekannt. Es muß Ende 1497 oder in den ersten Monaten des folgenden Jahres gewesen sein, daß Hans Holbein der Jüngere als Sohn des gleichnamigen Malers in Augsburg geboren wurde. Wahrscheinlich wurde er in der Werkstatt seines Vaters ausgebildet, um dann im Jahr 1515 nach Basel zu gehen. Dort arbeitete er vermutlich bei dem Maler Hans Herbst. Vier Jahre darauf, 1519, signierte er zum ersten Mal ein Gemälde mit vollem Namen. Es ist das Porträt des Rechtsgelehrten Bonifatius Amerbach, der später als Nachlaßverwalter des Erasmus von Rotterdam ein Bildnis des schreibenden Humanisten von Holbeins Hand erwarb. Er legte damit den Grundstein für das sogenannte Amerbach-Kabinett, das sein Sohn Basilius systematisch ausbaute und inventarisierte. Das zweite Inventar von 1585/87 enthält ausführliche Angaben zu fünfzehn Gemälden Hans Holbeins.
Nach Basilius' Tod geriet das Kabinett ins Visier internationaler Sammler. Doch die Stadt Basel konnte 1661 den Wettstreit für sich entscheiden. Auch die Inventare gelangten in städtischen Besitz. Ihr Inhalt blieb bis heute so gut wie unangefochten, obwohl Basilius mehr als vierzig Jahre nach Holbeins Tod - er war 1543 gestorben - sein zweites Verzeichnis niedergeschrieben hatte.
Jochen Sander, der seine Holbein-Monographie auf dessen Zeit als Tafelmaler in Basel (1515 bis 1532) konzentriert, bricht mit dem Kanon des Inventars, das die unterschiedlichsten Werke mit dem Etikett "Holbein" versah. Oskar Bätschmann und Pascal Griener hatten 1997 die offensichtlichen Unvereinbarkeiten zum "Stilpluralismus" erklärt. Holbein hätte sich den Wünschen des jeweiligen Auftraggebers angepaßt.
Es irritiert jedoch, daß Holbein diesen "Stilpluralismus" später, als er in England weilte, nicht mehr gepflegt hat, obwohl er gerade dort eine internationale Klientel bediente. Sander räumt mit der These vom "Stilpluralismus" auf. Vor allem seine Untersuchungen mit Röntgenstrahlen, Dendrochronologie und Infrarotreflektographie, die die Unterzeichnungen aufdeckt, brachten beachtenswerte Ergebnisse. Vor Ort wurden 37 Gemälde durchleuchtet und ihre Bildgenese erhellt. Etliche strittige Werke konnten überzeugend anderen Händen zugeschrieben werden. Sanders stilistische Vergleiche hingegen fordern manchmal zum Widerspruch auf.
Die "Lais Corinthiaca" - die kostspieligste Hetäre des Altertums - und die "Venus mit Amor" galten seit Amerbachs Eintrag als Pendants. Dasselbe Modell, das Amerbach als "Offenburgerin" bezeichnet, hatte offensichtlich Holbein für beide Bilder gesessen. Aus der "Offenburgerin" wurde die Geliebte des Malers. Wie ein Schutzschild schob sich die Legende vor die "Venus". Da beobachtet wurde, daß die "Venus" mit der "Lais" qualitativ nicht mithalten kann, wurde sie einfach zum Frühwerk erklärt. Dabei hätte allein ein Blick auf den Kopf des Amors genügt, der aus dem Unterarm der Venus zu wachsen scheint, um Zweifel an der Autorschaft Holbeins zu wecken.
Die Infrarotreflektographie der "Lais" zeigt ihren genau vorgezeichneten Kopf, den Holbein durch einen Karton auf die Grundierung übertrug, und ihren summarisch angelegten Körper. Dieses Verfahren ist auch für die Porträts, die der Maler nachweislich ohne Werkstattbeteiligung später in England schuf, kennzeichnend und ist ein Indiz für ihre Authentizität. Der Karton mit dem Kopf der "Lais" wurde seitenverkehrt für die "Venus" wiederverwendet und der Körper der "Lais" genau übertragen. Unsicher strichelnd ist die Unterzeichnung ausgeführt.
Der schräg plazierte Körper der "Lais" wurde erst kurz vor der Vollendung des Bildes in den frontal sitzenden der "Venus" verwandelt, indem er nochmals übermalt wurde. Damit gelang Sander der Nachweis, daß Holbein in Basel eine Werkstatt geführt hatte, obwohl deren Existenz immer wieder in Abrede gestellt worden ist. Der "Venusmeister", dem jetzt noch weitere Werke wie das Bildnis einer "Bürgersfrau" in Den Haag zugeschrieben werden können, war wahrscheinlich Balthasar Han, der nach Holbeins endgültiger Abreise nach England seine Werkstatt im Jahr 1532 übernommen hat.
Die Maltechnik und die Komposition der "Lais", die auf das Jahr 1526 datiert ist, markieren zudem einen Wendepunkt in Holbeins Werk und zeigen den Einfluß italienischer Kunst. Doch im Gegensatz zu den Verehrern des "Raffaels des Nordens" plädiert Sander für einen Aufenthalt Holbeins in Frankreich, wo er die italienische Malerei kennengelernt haben soll. Daß er tatsächlich dort war, belegt nicht nur ein Brief von Erasmus an Willibald Pirckheimer vom 3. Juni 1524, sondern auch die Tatsache, daß Holbein Bildvorlagen für den Pariser Verleger Conrad Resch schuf. Die Begegnung mit Gemälden des Mailänders Andrea Solario, der als erster Künstler der Hochrenaissance in Frankreich arbeitete, soll Holbein nachhaltig beeinflußt haben. Sander sieht Parallelen zwischen Solarios "Judith" und der "Lais" sowie der Kreuzigung Solarios im Louvre und Holbeins "Kreuzigung" der Basler Passionsflügel. Doch die Vergleiche können nur hinsichtlich der emailartigen Maltechnik überzeugen.
Motivische Übereinstimmungen bleiben vage, denn Holbein schöpfte aus der Summe der Kunst seiner Zeit, aus italienischen, niederländischen, deutschen und frankoflämischen Bildvorlagen. Ihre Herkunft weiß er zu verschleiern. Und doch verwundert es, daß Sander nicht die Rückenfigur vor dem Kreuz identifizieren kann. Sie übernahm Holbein direkt aus Mantegnas Fresko "Die Verurteilung des heiligen Jacobus". Die Kenntnis der Darstellung aus dem berühmten Zyklus in der Paduaner Eremitanikirche wurde vermutlich durch Zeichnungen und Stiche tradiert. Sanders Überlegungen zu den Bildvorlagen müssen als Versuch gewertet werden.
Eine erschöpfende Antwort wird es vielleicht nie geben, da Holbein ein Meister der Verwandlung war. Doch durch die Auseinandersetzung mit der emailartigen Malweise konnte Sander die Basler Passionsflügel und die Oberried-Flügel im Freiburger Münster plausibel datieren. Beide müssen kurz nach der Frankreichreise, noch unter dem Eindruck der italienischen Malerei, um die Mitte der zwanziger Jahre entstanden sein. Sie haben damit erstmals einen festen Platz in der Chronologie des OEuvres.
BETTINA ERCHE
Jochen Sander: "Hans Holbein". Tafelmaler in Basel 1515-1532. Hirmer Verlag, München 2005. 504 S., 282 S/W-Abb., 79 Farbtafeln, geb., 98,- [Euro].
Buchtitel: Hans Holbein
Buchautor: Sander, Jochen
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2005, Nr. 182 / Seite 35