Groß schreiben reicht nicht

05. Mai 2008 Manchen Büchern steht die Form der Seminartranskription gut, wenn der Argumentationsverlauf im Hauch der Improvisationen und Exkurse locker sich bläht. Nicht so bei diesem Buch (Giorgio Agamben: "Die Sprache und der Tod". Ein Seminar über den Ort der Negativität. Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 179 S., br., 10,- [Euro]). Wie acht Gedankenpflöcke sind die acht Tage und sieben Zwischenexkurse dieses 1979 und 1980 gehaltenen und zwei Jahre später im Original publizierten Seminars in den philosophischen Boden gerammt.

Die Grundfrage heißt: Wie kam die Negativität zum Menschen oder dieser zu ihr? Eigentlich Thema eines Monumentalwerks. Hier wird es uns in einem schmalen Bändchen überzeugend gestellt und dann nicht mehr ganz so überzeugend durchgespielt.

Wenn laut Überlieferung der abendländischen Philosophie das Sprechenkönnen und das Bewusstsein vom Tod zwei Wesenszüge des Menschen sind, ist laut einer Anmerkung Heideggers das Wesensverhältnis zwischen Tod und Sprache noch ungedacht. Agamben benützt diesen Hinweis geschickt als Einstieg ins Problem. Heideggers "Dasein" - laut wiederholten Erklärungen des Philosophen nicht als "Das-da-Sein", sondern als "das-Da-Sein" zu verstehen - und Hegels bloß meinendes "Dieses" am Anfang der "Phänomenologie des Geistes" sind für Agamben zwei Beispiele, wo ein Sprachakt und dessen Aussage deckungsgleich sind und in ihrem "deiktischen", hinweisenden Gestus zugleich auseinanderfallen. Die Negativität sitzt damit schon in der Situation wie der Wurm in der Frucht.

Erst die moderne Linguistik hat diesen Riss zwischen Bezeichnen und Zeigen systematisch erforscht, bei Roman Jakobson etwa mit dem Begriff der "shifters". Vom Gesichtspunkt der "shifters" betrachtet, sind Heideggers "Dasein" und Hegels "das Diese nehmen" nur im Verweis auf die Instanz der Rede verständlich. Man sagt es und zeigt es. Der Ort aber, wo Äußerung und Rede zusammenfallen, ist für Agamben kein anderer als die Stimme, in der laut einer Notiz Paul Valérys das Ich zum Wort sich bindet.

An dieser Stelle beginnt der italienische Philosoph das Wort "voce" plötzlich groß zu schreiben und gelangt mit diesem neu ausgelegten Begriff "Voce" zum Höhepunkt seiner Studie. In der Stimme, führt er aus, sei beim Sprechen eine doppelte Negativität am Werk, wie schon Augustinus in "De Trinitate" erkannte. Sie ist nicht mehr bloß Klang und nie ganz Bedeutung. Als "Nicht-Mehr" des spontanen Lauts und "Noch-Nicht" der Bedeutung entspringt, so Agamben, Sprache als "reine Negativität": Nur durch Aufhebung des animalischen Stimmlauts findet in der Erfahrung der Stimme Sprache statt. Zwischen dem "Iah" des Esels und dem "Ja" eines Zarathustra ist Verständigung bekanntlich unmöglich.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Abgrenzung, die sich aus einem Exkurs Agambens ergibt. In seinem Frühwerk "Die Stimme und das Phänomen" hatte der Philosoph Jacques Derrida die Stimme in ihrer phonetischen Unmittelbarkeit als metaphysisches Relikt der abendländischen Philosophie abgetan und gegen dieses angebliche Primat der Stimmpräsenz in der Sprache das "gramma" seiner Grammatologie geltend gemacht. Das sei ein Missverständnis des metaphysischen Denkens, wendet Agamben dagegen ein: Auch in der Metaphysik sei die Negativität schon enthalten - "Metaphysik ist immer schon Grammatologie". So nah ist der Italiener dem Franzosen in der Kritik selten gekommen.

Nach einer etwas forcierten Analyse der Dialektik von Stimme und Sprache bei Hegel und der "Stimmung" in der Daseinsphilosophie Heideggers - da der Begriff Stimme selbst bei Heidegger nicht vorkommt - kann Agamben aber der sich aufdrängenden Frage nicht länger ausweichen. Hält die abendländische Kultur keine andere als diese philosophische Erfahrung der Sprache auf der negativen Grundlage der Unsagbarkeit bereit? Bietet etwa die Dichtung nicht eine positive Erfahrung? Der Autor antwortet mit der Untersuchung zweier einschlägiger Texte - der eine stammt vom mittelalterlichen Troubadour Aimeric de Peguilhan, der andere vom Dichter Giacomo Leopardi - und kommt zu dem Schluss: Nein, auch die poetische Erfahrung bestätige die philosophische Einsicht, dass das ausgesprochene Wort sich selbst als Ereignis unfassbar bleibt.

"Denken können wir nur, wenn die Sprache nicht unsere Stimme ist", schreibt Agamben in einem plötzlich sehr bildhaft werdenden Epilog zu diesem Buch. Wir schreiten dort durch einen imaginären Wald: Flügelschlagen, Rascheln, Knistern im Gras. Der Gedanke, heißt es weiter, sei "nicht die Begegnung mit unsichtbaren Tieren, sondern deren Flucht". Agamben führte uns kundig in diesen Wald und gerät dort selbst in die Flucht vor seiner Theorie. Wir bleiben stehen. Rufen nützt ja nichts.

JOSEPH HANIMANN



Buchtitel: Die Sprache und der Tod - Ein Seminar über den Ort der Negativität
Buchautor: Agamben, Giorgio

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2008, Nr. 104 / Seite 41

 
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