Goethes Sudelsack

02. Mai 2008 Goethes Devise, "die Welt ihren Gang gehen zu lassen und sich nicht in die Zwiste der Könige zu mischen", bedeutet keine politische Gleichgültigkeit. Es spricht eher für die Klugheit eines Diplomaten, der als Schriftsteller gleichwohl nicht hinterm Berg hält. Erkennbar wird das in den seit 1984 verfassten Goethe-Essays des Publizisten Friedrich Dieckmann. Aufsätze zum frühen und späten "Faust" bilden den Rahmen: Der Professor zu Beginn der Tragödie, der aus Frustration über die gespreizten Torheiten der Wissenschaft in den teuflischen Liebespakt einwilligt, setzt sich am Schluss als Praktiker der Landgewinnung gegen den Nihilisten Mephisto durch. Fausts Überwindung des Daseinsüberdrusses im Bekenntnis zu Natur und Leben, also zur Forderung des Tages und zur Balance zwischen Tätigkeit und Tändelei, erklärt Dieckmann zur Leitlinie Goethes. Sie zeigt sich in "Alexis und Dora", der Erfüllung im Moment des gebotenen Abschieds, ebenso wie in Gedichten des "Divan" oder in Funden aus Goethes "Sudelsack". Sichtbar wird sie aber auch im geschickten Lavieren des Napoleon-Bewunderers in den Krisenjahren 1806 bis 1814. Es bringt Goethe gleichermaßen Orden Frankreichs, Russlands und Österreichs ein. (Friedrich Dieckmann: "Geglückte Balance. Auf Goethe blickend". Insel Verlag, Frankfurt am Main 2008. 190 S., br., 14,80 [Euro].) kos



Buchtitel: Geglückte Balance - Auf Goethe blickend
Buchautor: Dieckmann, Friedrich

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2008, Nr. 102 / Seite 34