30. April 2008 Der Stein, den wir loslassen, fällt zur Erde. Auf die Frage, warum er das tut, sind verschiedene Antworten möglich: weil wir ihn losgelassen haben. Weil er dem Gravitationsgesetz gehorcht. Weil es der Wille Gottes ist, ihn gemäß dem Gravitationsgesetz seinen Fall vollziehen zu lassen. Die erste Antwort ist lebensweltlich beiläufig, die zweite gehört in den Kontext wissenschaftlicher Erklärungen, die dritte ist eine metaphysische beziehungsweise theologische Erklärung "in letzter Instanz". In ihrem jeweiligen Kontext gibt jede von ihnen eine gediegene Erklärung, die den anderen nicht ins Gehege kommt. Zumindest, solange die verschiedenen Erklärungsansprüche auseinandergehalten werden.
In Zeiten, in denen Evolutionsbiologie zur atheistischen "Widerlegung" der Religion aufgetakelt wird und auf der anderen Seite Vertreter des "Intelligent Design" ihre Überzeugung von einem durch göttliche Intelligenz gesetzten Entwurf gegen wissenschaftliche Erklärungen in Stellung bringen, ist an solche Grenzziehungen zu erinnern. Auf ein wenig riskant anmutende und letztlich doch umsichtige Weise tut das auch Owen Gingerich in seinem Buch, das aus einer Reihe von Vorlesungen an der Harvard University hervorging. Den Astrophysiker und gläubigen Christen beschäftigen darin nicht zuletzt kosmologische Verdachtsmomente, die an ein absichtlich so und nicht anders entworfenes Universum denken lassen.
Die Phänomene, die dabei in den Blick kommen, sind aus einschlägigen Diskussionen über Zufall oder Notwendigkeit der Entstehung intelligenten Lebens geläufig: die "Feinabstimmung" von Expansionskraft und bremsender Gravitationswirkung in einem sehr frühen Stadium des Universums oder die spezielle Bauart des Kohlenstoffatoms, ohne die Leben nicht auf den Weg gekommen wäre.
Die Frage bleibt, was aus der faktischen Lebensfreundlichkeit des Universums zu machen ist. Sie Zufall zu nennen ist vermutlich genauso wenig sinnvoll, wie diesen Zufall unter Berufung auf einen vorgespurten Ablauf der Entwicklung des Universums zu verneinen: Wir wissen nicht, welche Spielräume der Entwicklung für das Universum als Ganzes sinnvoll anzunehmen sind. Obwohl es natürlich an Versuchen nicht mangelt, diese Spielräume herzustellen, meist durch die entschlossene Vervielfältigung von Universen zu einem resultierenden Multiversum.
Gingerich ist nüchtern genug, sich auf das Multiversum nicht einzulassen. Er weiß, dass seine Überzeugung von einem nach Gottes Absicht sich entwickelnden Universum nicht Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen sein kann. Zwar mag es sein, dass die Aufmerksamkeit für einige "Feineinstellungen" zu interessanten wissenschaftlichen Fragestellungen führt. Aber demonstrieren lässt sich daraus nichts, und das muss Gingerich auch nicht bedauern: Auf wissenschaftliche Hypothesen oder gar Beweise darf es schließlich nicht ankommen, um Gott als Schöpfer und Bewahrer des Universums anzusehen. Sie würden sich ebenso merkwürdig ausnehmen wie die atheistischen Glaubenssätze auf wissenschaftlicher Grundlage à la Richard Dawkins.
Denn darauf kommt es dem Autor sowohl mit Blick auf die Kosmologie als auch auf die für Debatten um "Intelligent Design" wichtigen biologischen Phänomene vor allem an: dass die wissenschaftlichen Erklärungen Raum lassen für die Überzeugung von einer göttlich initiierten und erhaltenen Welt. Fatal wird es lediglich dann, wenn sich solche Überzeugung als Erklärungsalternative quasiwissenschaftlicher Art missversteht. Dann wird aus religiös grundierter Bewunderung der Schöpfung tendenziell eine Surrogaterklärung, die sich in vermeintliche oder auch wirklich bestehende Lücken wissenschaftlicher Erklärungen drängt.
Auf diesen Grenzübertritt reagieren wiederum Naturwissenschaftler oft mit einer deutlichen Aktivierung ihrer eigenen latenten Arbeitsmetaphysik. Im Handumdrehen landet man dann zum Beispiel bei groß zugeschnittenen reduktiven Thesen über die "prinzipiell" allen Phänomenen zugrunde liegenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten oder auch bei der Universalisierung der Vorstellung kausaler Geschlossenheit von Prozessen, einschließlich unserer selbst und unserer Lebenswelt - mit einigen rätselhaften Konsequenzen.
Solche metaphysischen Scharmützel unterläuft Gingerich mit einem Plädoyer für etwas mehr Gelassenheit angesichts einer Welt, die offensichtlich "reich an unterschiedlichen Dingen ist, mit unterschiedlichen Wesensarten und unterschiedlichen Verhaltensweisen". Für solche Lockerungsübungen hat die neuere Wissenschaftsphilosophie und -forschung einiges an Einsichten anzubieten. Gingerich nutzt sie, um Gott Raum zu verschaffen: jenseits der Wissenschaft, aber nicht gegen sie. Das hat - Leibniz wird auf Philosophenseite kurz die Ehre erwiesen - gute Tradition. Die Auffassung, dass der gläubige Kosmologe wegen seiner Offenheit für eigentlich überfordernde Fragen letzlich mehr an Erklärungen anvisieren könne als seine ungläubigen Kollegen, möchte man zwar nicht ohne weiteres unterschreiben. Aber was sollte man gegen die Aussicht des Autors einwenden wollen, als "Bewohner eines anderen Orts, jenes geheimnisvollen Irgendwo, das vage auch als Jenseits bezeichnet wird", weitere Einblicke zu gewinnen. Sofern dort noch gelten sollte, was wir hier als Erklärungen akzeptieren.
HELMUT MAYER
Owen Gingerich: "Gottes Universum". Nachdenken über offene Fragen. Mit einem Vorwort von Peter J. Gomes. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Berlin University Press, Berlin 2008. 147 S., geb., 19,90 [Euro].
Buchtitel: Gottes Universum
Buchautor: Gingerich, Owen
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2008, Nr. 101 / Seite 42
