21. Oktober 2009 Ornithologische Bücher sind weder dazu gedacht noch gar in irgendeiner Weise berühmt dafür, dass man ihre Qualitäten erst beim Lautlesen so richtig schätzen lernt. Dieses ist anders: Der Sumpfrohrsänger ist ein sehr netter, lustiger, unsteter Vogel, hurtig in allen seinen Bewegungen, im Hüpfen und Durchschlüpfen der Gebüsche und des dichten Gestrüpps wie im Fluge gleich gewandt, kühn und unternehmend im Streit mit seinesgleichen, was er auch öfters andere ihm nahe wohnende kleine Vögel fühlen lässt, daher es in der Tat eine Lust ist, seinem Treiben und Wirken zuzusehen.
Es braucht kein besonderes deklamatorisches Geschick, um sehr rasch die eigentümliche Schönheit dieser Suada herauszuhören, das lautmalerische Abbilden der Bewegung dieses Vogels zu genießen (dessen kleine Sprünge sich in den durch Kommata vereinzelten Satzpartien wiederfinden) oder die Häufung des Unterholz-Vokals ü an der passenden Stelle - der Autor dieses Fachbuchs scheint jedenfalls in genau dem Maße Dichter zu sein, wie es die Liebe zu einem Gegenstand in einem an sich eher nüchternen Wissenschaftler bewirken kann.
Lebende Vögel gemalt und tote gesammelt
Und neben der Liebe natürlich die genaue Kenntnis seines Stoffes: Johann Friedrich Naumann, der 1780 auf Gut Ziebegk bei Köthen zur Welt kam, assistierte sehr früh seinem Vater beim Beobachten und Darstellen von heimischen Vögeln (das Darstellen wurde bald im insgesamt ornithologisch höchst interessierten Familienverband zur Domäne Johann Friedrichs), fertigte allmählich immer mehr und immer schönere Aquarelle der beobachteten Vögel an, bis er schließlich an sein monumentales zwölfbändiges Werk Die Naturgeschichte der Vögel Deutschlands gehen konnte, das zwischen 1820 und 1844 erschien und heute äußerst rar ist.
Naumann, der stolz darauf war, ausschließlich nach der Natur zu malen, und dabei also einen Bogen um präparierte Tiere machte, trug auf der anderen Seite eine riesige Sammlung von ausgestopften Vögeln zusammen, die er 1821 an den Herzog von Anhalt-Köthen verkaufte und fortan als Kurator eines kleinen Museums betreute. Dass es dieses Museum knapp 190 Jahre und zwei Weltkriege später immer noch gibt, ist mindestens so erstaunlich wie die Tatsache, dass die Sammlung dort ebenso sachkundig wie liebevoll noch in den Originalvitrinen präsentiert wird und sich der Schwund insgesamt in Grenzen gehalten hat.
Der Band ist ein Ereignis
Naumanns vogelkundliches Werk aber erscheint jetzt in einer Auswahl neu als Sonderband der Anderen Bibliothek, begleitet von einem klugen Essay des Herausgebers Arnulf Conrady, der einleuchtend Naumanns Platz unter den Vogelmalern überhaupt und unter den Biologen seiner Zeit skizziert. Zum Ereignis wird der Band durch die Wiedergabe von 80 größtenteils unpublizierten Aquarellen Naumanns, die offenbar als Vorlage für die dem Originalwerk beigegebenen Stiche dienten und sich - anders als die Druckplatten - erhalten haben.
Naumanns Bemühen um die Vermittlung von Genauigkeit und Lebendigkeit liest man den Bildern aufs schönste ab, und das feine Papier, das für diese Reproduktionen eingebunden wurde, erweist sich als der Sache angemessenes Trägermedium - man wird nervös, wenn jemand hastig in dem Band blättert, und den Kindern möchte man das Buch, bei aller Liebe, dann doch nur aus gehörigem Abstand zeigen. Vielleicht entdecken sie, dass Naumann die Krallen der von ihm sehr respektierten Greifvögel gern etwas größer gemalt hat, als es den eigentlichen Proportionen entspricht - so viel Freiheit muss sein. Oder sie entdecken die Unterschiede in der Gestaltung der Bildhintergründe, die mal angedeutet oder ganz weggelassen werden, bei anderen Vögeln komplett mit Baum, Ei und Beute ausgeführt werden, also die Aspekte Lebensraum, Ernährung und Fortpflanzung zeigen, die auch die Texte strukturieren.
Dort allerdings findet sich eine weitere Kategorie, die heute merkwürdig irrelevant erscheint: Naumann listet auf, welchen Schaden beziehungsweise Nutzen der Mensch von jedem der beschriebenen Vögel zu erwarten hat. Vom Sumpfrohrsänger ist aber auch hier nur Gutes zu vermelden: Der Nutzen resultiert aus dem Amt der Insektenvertilgung, dem wohlschmeckenden Fleisch und nicht zuletzt dem vortrefflichen Gesang. Dass dies kein rein ökonomisches Kriterium ist, macht uns den Autor nur noch lieber.
Johann Friedrich Naumann: Die Vögel Mitteleuropas. Ausgewählt und herausgegeben von Arnulf Conrady. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 520 S., 100 Abb., geb., 79,- €.
Buchtitel: Die Vögel Mitteleuropas
Buchautor: Naumann, Johann Friedrich
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag